Ausgabe 12 | Persönlichkeiten & Portraits

// Gemälde zu vermieten

Die Idee ist nicht ganz neu. In der Schweiz gibt es Kunstverleiher schon länger und auch in Deutschland nehmen die Anbieter zu. Trotzdem hat Jörg Schröder mit seinem »bilderwerk Hamburg« einen exklusiven Weg gefunden.

»Kunst muss raus aus der Galerie«, fordert Jörg Schröder. »Bisher verbinden die meisten Menschen mit Kunst doch automatisch: exklusiv, teuer, intellektuell und elitär. Kunst ist aber für alle da!« Davon ist der 50-Jährige absolut überzeugt. So überzeugt, dass er es sich mit dem neu gegründeten »bilderwerk Hamburg« zur beruflichen und Lebensaufgabe gemacht hat, die Kunst für jedermann erschwinglich zu machen – per Abo sozusagen. Gemälde, Fotokunst, Illustrationen oder Grafiken – alles, was das Auge begehrt, stellt Jörg Schröder leihweise zur Verfügung.

20 Jahre lang hat der schlaksige Norddeutsche im Vertrieb von BMW gearbeitet und Großkunden wie Gruner + Jahr oder Axel Springer betreut. Im Hinterkopf aber klopfte immer wieder der Wunsch nach der Selbstständigkeit an. 2010 schließlich wagt er den Sprung. Nach einem Spiel seines Lieblingsvereins St. Pauli bummelt er durch das Schanzenviertel und entdeckt einen Laden für Fotodrucke. Beim Gespräch mit dem Inhaber merkt er, dass nicht nur Kunstverstand, sondern auch Ahnung vom Vertrieb eine wichtige Rolle spielt. »Da kam bei mir der Verkäufer durch«, erzählt Schröder. Von seinen bisherigen Kunden weiß er, dass dort von den Autos über die Büroeinrichtung bis hin zum Blumentopf vieles geleast, also gemietet ist. »Warum eigentlich nicht auch Bilder«, denkt er spontan und überlegt sich ein passendes Geschäftsmodell. Schröder folgt seinem Bauchgefühl, überlässt aber auch nichts dem Zufall.

Die Idee, Bilder zu vermieten, ist nicht neu. Vor allem in der Schweiz ist es eine gängige Praxis. Auch in Deutschland gibt es einige Anbieter, aber Schröder suchte ein Alleinstellungsmerkmal. Er fand es im Bezug zu Hamburg: Das »bilderwerk Hamburg « vermittelt ausschließlich hiesige Künstler und arbeitet auch nur mit Unternehmen aus der Region zusammen. Ein Räderwerk, in dem sich der persönliche Kontakt mit gegenseitigen Ideen ständig neu motiviert. »Das macht Spaß und bringt neue Anregungen «, sagt Schröder. Das ist ihm wichtig. Er ist keiner, der sich hinter seinem Schreibtisch verschanzt. Ihm geht es um mehr als nur den finanziellen Gewinn. Er mag das Zwischenmenschliche, den persönlichen Kontakt zu Kunden wie Künstlern.

Deshalb ist das »bilderwerk Hamburg« auch kein reiner Onlineshop, sondern verspricht größtmöglichen persönlichen Service. Zum Kundengespräch kommt Schröder mit dem Laptop und lädt die potenziellen Kunden bei Interesse auch gerne ins Atelier des Künstlers ein. Wenn er den Interessenten dann überzeugt hat, taucht oft noch ein nicht unwesentliches Hindernis auf: Was für ein Bild soll es sein und an welcher Wand soll es hängen? Hier vertraut Schröder auf seine Intuition und macht konkrete Vorschläge. Sein gutes räumliches Vorstellungsvermögen hilft ihm dabei. »Den Kunden quasi an die Hand zu nehmen, um mit ihm zu überlegen, welches Bild an welche Wand passen könnte, das ist das Schöne«, sagt er.

Schröders eigenes Kunstinteresse war schon immer vorhanden, auch wenn er niemand ist, der jede Ausstellung besucht. Er mag die Impressionisten aber auch Pop Art. In seiner Wohnung, die er auch als Büro nutzt, hängt ein Druck von Roy Lichtenstein über dem Sofa. In der Schule sei er sogar selbst ein recht guter Zeichner gewesen, erzählt er. Aber das habe sich nicht weiterentwickelt und überhaupt, »Schuster bleib bei deinen Leisten«, sagt er und lacht. Schröders Leiste ist sein Verkaufstalent, das nicht über Aufdrängen und zweifelhafte Überzeugungskunst funktioniert sondern über das echte Interesse am Anderen.

Auch deshalb hat er für die achtzehn Künstler, die er mittlerweile vertritt, einen Stammtisch eingerichtet. Monatlich treffen sich Künstler und Interessierte im Laden-Atelier der Malerin Inken Rohr in Winterhude. »Ich will auch die Gesichter hinter den Bildern zeigen«, sagt Schröder. Zwischen Dutzenden von Bildern, die an den Wänden hängen und auf dem Boden aneinander lehnen, können Künstler und Kunden miteinander ins Gespräch und vielleicht auch ins Geschäft kommen. Und wenn im Anschluss gemeinsam noch ein Glas Wein getrunken wird, ist Jörg Schröder erst recht zufrieden.

Ein Mietvertrag mit dem »bilderwerk Hamburg« läuft über mindestens zwölf Monate und kann wie ein Abo individuell ausgehandelt werden. Der Preis richtet sich danach, wie viele Bilder gemietet werden und wie oft diese gewechselt werden. Zurzeit hat Schröder vor allem Gewerbekunden, die mit der Kunst die Wände ihrer Praxen und Büros verschönern. »Ich weiß, dass es Geduld braucht, die Idee der Bildvermietung auch für Privatleute präsenter zu machen«, sagt er. Das Glänzen in seinen Augen verrät aber, dass Geduld nicht ganz die Stärke des geborenen Verkäufers ist. Was nicht weiter schlimm ist, ein schief hängendes Bild stört weitaus mehr…

Foto Uwe M. Horstmann Text Verena Reygers