Ausgabe 14 | Persönlichkeiten & Portraits

// Segeln und segeln lassen

Wenn es nach Marius Schmeding und Peter Sorowka geht, kann man in ganz Deutschland bald problemlos Segelboote oder Skipper mieten, wann und wo auch immer man will. Die Keimzelle des Projektes ist – natürlich – die Alster.

Was so ein echter Segler ist, der kann einfach nicht ohne. Erst recht, wenn er als Kind mit einem Boot aufgewachsen ist. Klar, damals haben die Eltern bestimmt, wann es mit dem Katamaran auf See ging, das Mitfahren war eher Pflicht. Aber letztlich sind die Planken dann doch in der Seele verankert. Wie bei Marius Schmeding. Der heute 27 Jahre alte Student vermisste die Brise sehr schnell, als er aus seiner Heimatstadt Jever nach Hamburg zog, um sich der Elektrotechnik zu widmen. So viel Wasser in der Hansestadt – Schmeding machte sofort zusammen mit seinem Freund und Studienkollegen Peter Sorowka den Segelschein auf der Alster. Nach ein paar Törns auf der Elbe, auf der Ostsee und dem Atlantik kam, was kommen musste: der gemeinsame Wunsch nach dem eigenen Boot. Es fehlte allerdings das nötige Kleingeld.

Soweit gleicht die Geschichte von den segelwilligen Wasserratten bestimmt vielen anderen – nur das sich Schmeding und Sorowka, inzwischen Doktorand an der Technischen Uni Harburg, jetzt eine neue Art der Finanzierung ausgedacht haben: »www.bootschaft.net«. Dahinter steckt ein völlig automatisiertes und dadurch anonymes Mieten von Segelbooten und sogar Skippern. Oder anders ausgedrückt: segeln und segeln lassen. »Mit der Idee bieten wir so etwas wie Car-Sharing auf dem Wasser, dem sich jeder Bootseigner problemlos anschließen kann«, erklärt Schmeding. Zu Beginn sollte die Vermietung des eigenen Bootes – Anfang vergangenen Jahres gekauft, ein hölzerner Schwertzugvogel Baujahr 1968 – eigentlich nur der Abzahlung des väterlichen Darlehens dienen. Inzwischen aber hoffen die beiden, mit der Vermarktung des selbst entwickelten Internetsystems sogar ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Als Interessenten haben Schmeding und Sorowka neben Privatleuten besonders Segelschulen, andere Vermieter oder Segelclubs im Blick.

Ihr System besteht aus einer Webplattform für die automatische Buchung, Zahlungsabwicklung und Bootsüberwachung sowie einem GPS-Tracker zur sicheren Abwicklung des Verleihbetriebes und zur Positionsbestimmung des jeweiligen Schiffes. Das Konzept basiert dabei auf der Annahme, dass jeder Segelkundige an jedem Gewässer vielleicht mal ein Boot leihen kann und will. Dazu muss er sich nur – zunächst kostenlos – auf www.bootschaft.net registrieren. Wer dann tatsächlich mieten möchte, hinterlegt dort 100 Euro – 50 Euro als Kaution, die andere Hälfte als Startguthaben. Zusätzlich muss eine Kopie des Personalausweises und des Segelscheines übermittelt werden. Schon kann es losgehen.

Maserati

Per Internet oder Smartphone lässt sich jetzt jederzeit ein Boot reservieren. Zum vereinbarten Zeitpunkt begibt sich der Mieter zum Steg, riggt das Schiff auf und meldet seinen Start und den Zustand des Leihobjekts mit einem kurzen Anruf bei einer Hotline. Schmeding und sein Partner erkennen danach über die GPS-Daten, ob das Boot rechtmäßig oder rechtswidrig bewegt wird – das Sicherheitssystem kommuniziert automatisch mit dem entsprechenden Server und der Datenbank. Eine spezielle Versicherung schützt zusätzlich den Wert des Bootes, der Mieter haftet bei Schäden mit 250 Euro Selbstbeteiligung. Nach Mietende ruft der Segler wieder an, meldet die Rückgabe und eventuelle Schäden. Das war’s. Für ihren vier Personen fassenden Schwertzugvogel verlangen Schmeding und Sorowka pro Stunde auf der Alster mindestens 10 Euro (von 11 bis 14 Uhr). Ab 14 Uhr kostet er 15 Euro und ab 17 Uhr bis Sonnenuntergang 20 Euro. Wer einfach nur mal mitsegeln will – egal ob mit oder ohne Fachwissen – kann auf der Internetseite auch nachsehen, wann ein Bootseigner Begleiter sucht oder wünscht. »Wir haben im Pool einen sehr erfahrenen Segler, der nimmt gerne Leute mit zur Mittwochsregatta. Dabei vermittelt er auf seiner kleinen Yacht sein ganzes Know-how vom taktischen Segeln. Das kostet bei ihm dann für drei Stunden 48 Euro.«

Tatsächlich ist so ein Online-System bislang einmalig in Deutschland. Seine Erfinder hoffen nun, dass sich innerhalb der nächsten drei Jahre mindestens 100 Bootseigner der Sache anschließen. »Das fegt den Muff aus den Segelvereinen, die alle mehr oder weniger noch mit schwarzen Brettern arbeiten«, ist sich Schmeding sicher. Dabei wollen die beiden Jungunternehmer keineswegs die herkömmlichen Segelvereine ersetzen. Vielmehr bieten sie auch diesen inzwischen ein Internet-basiertes System zur Flottenverwaltung, ähnlich ihrem eigenen, an. Dass so etwas perfekt funktioniert, zeigen übrigens die Schweizer: www.sailcom.ch gibt es seit rund dreizehn Jahren. Die Crew-Börse der Eidgenossen hat heute 2.300 Mitglieder und 76 Boote. Schmeding: »Der Hauptunterschied zu uns ist: Dort kennen sich Segler und Bootseigner persönlich. Bei uns ist das nicht nötig.«

Die erste Saison lief für die Wahl-Hamburger allerdings verhalten an: Ihr Schwertzugvogel »Geronimo« wurde 30 Mal vermietet, 20 Segler sind registriert und etwa 100 Mitsegler haben sich bislang eingeschrieben. Trotzdem sind die beiden Jungunternehmer überzeugt, dass ihr modernes Sail-Sharing boomen wird, wenn sich die »Bootschaft« erst einmal vermehrt herumspricht. »Wo sonst kann man so einfach auf schönen Jollen ohne Verpflichtungen und zu so fairen Preisen segeln?« Zumindest war der Zugang zum Segelsport nie leichter.

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Thomas Metelmann Text Roland Löwisch