Ausgabe 27 | Hamburger Geschichte(n)

// Durststiller GmbH & Co. KG

Heimweh stellt sich bei Hamburgern rund um den Michel ja ohnehin nicht ein. Längst brauchen sie hier aber 
auch den vermeintlich noch schlimmeren Durst nicht mehr zu fürchten. Denn die Hansestadt entwickelt sich zu-nehmend zur Hochburg der Getränke-Erfinder – vom Saftmixer über den Bierbrauer bis zum Schnapsbrenner

Ein braunes Getränk, das besser ist als die Koffein-Brause eines weltweit agierenden Getränkeimperiums, dessen Namen jedes Kind kennt. So lautete das erklärte Ziel von Lorenz Hampl und Mirco Wolf Wiegert, mit dem sie einst im Studentenwohnheim in Othmarschen ihr Unternehmen »fritz-kola« begründeten. Vor zwölf Jahren kamen die ersten 170 Kisten auf den Markt. Mittlerweile produzieren die beiden auch Schorlen und Limonaden, ein Getränk mit Kaffee und eines mit dem Süßstoff Stevia. Hampl und Wiegert haben inzwischen etwa 30 Mitarbeiter, ihre Produkte werden in den Niederlanden, Österreich, der Schweiz, Spanien und Polen konsumiert.

So weit sind andere noch lange nicht. Doch Hamburg scheint generell ein gutes Pflaster für die Entwicklung und Vermarktung neuer Getränke zu sein. »Cola Rebell« entstand hier genauso wie »Flora Power«, das auf Mate-Tee basiert und in drei Sorten angeboten wird. und gerade ganz neu auf dem Markt ist »Cucumis«. Das ist lateinisch für Gurke und beschreibt das Besondere dieses veganen Erfrischungsgetränks: Gurkensaft, Fruchtzucker, Basilikum und Mineralwasser der »Auburg-Quelle« sind die Zutaten. »Wir haben unser Produkt im Frühjahr auf der ›Internorga‹ präsentiert und sind überwältigt von der Nachfrage«, sagt Vasco Emmanuel Kulke. Der 32-Jährige hat die Limonade zusammen mit seinem Partner Till Fischer-Bergst (28) entwickelt. »Wir haben unsere ganzen Ersparnisse inves-tiert und arbeiten jetzt Vollzeit für die Brause«, so der gebürtige Nürnberger, der eigentlich Pianist und Musikproduzent ist. In Hamburg steht »Cucumis« in einigen edlen Restaurants auf der Getränkekarte und bei zahlreichen Händlern im Regal. Auch das Berliner »KaDeWe« und der Bundestag haben die 0,33-Liter-Flaschen mit dem Etikett à la Humphrey Bogart schon bestellt.

Tue Gutes und sprich darüber: In dieser Beziehung sind die Limonaden »ChariTea« und »LemonAid« sowie das Mineralwasser »Viva con Aqua« lobenswerte Vorbilder, die zunehmend Nachahmer finden. Zum Beispiel mit den Obst- und Gemüseschorlen von »Hand-zu-Hand«. Das Label zeigt eine fröhliche Kinderschar unter einem prächtigen Baum. »Wir sind eine Familienmarke«, sagt Saskia Ludwig, die das Bio-Unternehmen zusammen mit Frank Doose in Ottensen führt. Wie so viele, die an der Elbe Trinkbares produzieren und verkaufen, sind die 35-Jährige und ihr 13 Jahre älterer Partner eigentlich Marketing-Experten. »Unser Produkt ist frisch, gesund und wir helfen damit auch noch«, freut sich Doose. Zehn Cent pro Liter gehen an karitative Projekte, unter anderem an die Budnianer-Hilfe.

Vor fünf Jahren gründete Jan Schierhorn (46) mit »Das Geld hängt an den Bäumen« eine GmbH, in der Menschen mit Handicap das Obst anderer pflücken, deren Gartenarbeit erledigen und damit rund ums Jahr ihr Auskommen finden (siehe auch »Der Hamburger« Sommer 2011). Die Äpfel werden in 
Fintel südlich von Tostedt in einer Mos-terei zum Saft »Nachbars Garten« verarbeitet – eine Melange aus »Finkenwerder Herbstprinz«, »Cox Orange«, »Weißer Winterglockenapfel«, »Ontario«, »Gravensteiner/Peter Martens«, »Altländer Pfannkuchenapfel« und »Schöner von Boskoop«. »Wir beliefern Büros und Restaurants, das Hamburger Rathaus und Feinkostgeschäfte mit unserer naturtrüben Ware«, freut sich Schierhorn, der sein Geld als Gesellschafter einer Agentur für Promotionmarketing verdient und das Saft-Geschäft ehrenamtlich betreut.

 

"Von Hand zu Hand"

Sortenreinen Saft gibt es neuerdings auch mit dem Label »leev«, das ist plattdeutsch und bedeutet Liebe. Die Liebe zum Produkt, zu Hamburg und zu Bienen verbindet die drei Initiatoren Natalie Richter, Christina Nissen und Joachim Holst. Zwei Cent von jeder verkauften Flasche gehen deshalb an regionale Initiativen zum Schutz der Wild- und Honigbienen. »Boskoop«, »Elstar« oder »Holsteiner Cox« kommen ohne Konservierungsmittel, Farbstoffe oder Zuckerzusätze in die Flaschen. »Bos-
koop« gibt es zudem als Schorle. Natur-echt und nicht pasteurisiert sind auch die kalt gepressten Säfte »Chapeau Juices« von Wanja Schultz-Brummer, die er nach dem gleichnamigen und von ihm gemeinsam mit Robert von Appen betriebenen Restaurant in Winterhude benannt hat. Es gibt sie in vier Sorten, die entweder Rote Bete, Gurke, Möhren, Spinat, Fenchel oder Süßkartoffel – auf jeden Fall aber Ingwer – enthalten.

Als Nina Ruffing für ihre beiden Söhne, heute elf und acht Jahre alt, einst eine Pause von ihrem Beruf in der Textilbranche nahm, verbrachte sie viel Zeit in der Küche. »Irgendwann habe ich da Sirup für mich entdeckt«, erzählt die heute 41-Jährige. »Die herkömmlichen Angebote waren aber alle voller Zucker und Aromastoffe und ich wollte deshalb 
etwas herstellen, von dem ich weiß, was 
enthalten ist.« »Mix mich« heißt das Ergebnis, es wird von Nina Ruffing in einer gewerblichen Küche in Eppendorf zusammengemischt. Die Kräuter kauft sie so regional und bio wie möglich, meistens auf dem Isemarkt. Auf Zitronenbasis gibt es vier Sorten: Minze-Melisse, Ingwer-Minze, Thymian-Salbei sowie Zitronengras-Ingwer. »Ideal ist das Mischverhältnis 1:4 für Schorle mit Wasser oder als Aperitif mit Prosecco oder Sekt«, verrät Ruffing. Auch dem Salatdressing gibt ein Schuss Sirup den letzten Pfiff. Verkauft wird die Ware aus der kleinen Ein-Frau-Manufaktur auf Märkten für regionale Produkte sowie in Feinkostläden und im Internet.

Ebenfalls dem Sirup verschrieben haben sich in St. Georg Peter Jens Hundert und Oliver Hendrik Schaulin. »Phenomenal Drinks« in den Geschmacksrichtungen Tonic und Ginger eignen sich für diverse Mixgetränke. »Die kleinen Flaschen nehmen im Kühlschrank außerdem nicht so viel Platz weg«, schwärmen die Erfinder für ihr Produkt. Ihr Geld verdienen sie im Moment aber noch als Werbefotograf beziehungsweise Stylist für Foto- und Filmproduktionen. Den Brüdern Felix und Benjamin Böning, 26 und 24 Jahre alt, kam ihre Idee im vergangenen Jahr mitten im Studienstress. Da überlegten sie, wie gesund eigentlich Energy-Drinks sind? »Gar nicht«, sagt Felix, »denn die meis-ten enthalten viel Chemie.« Also kam ihnen die Idee, mit »Seicha« eine Alternative zu entwickeln und auf den Markt zu bringen. Dafür sind die beiden Hamburger ausgebildet: Felix hat Brand Management studiert, sein Bruder ist Kommunikations-Designer. »Wir wissen, wie man strategisch eine Marke entwickelt und pflegt«, sagt Felix Böning. »Muss nur noch der Inhalt stimmen.« Der grüne Premium-Tee »Matcha« aus Japan sowie Grapefruit und Limette sind die Bestandteile ihres Getränks. Der Name setzt sich aus den beiden japanischen Wörtern »Sei« (Reinheit) und »Cha« (Tee) zusammen. Das Rezept haben sie in der heimischen Küche in der Schanze erfunden und verfeinert. Abgefüllt wird die belebende Flüssigkeit in 0,33-Liter-Flaschen in Husum. Auch Felix und Benjamin Böning haben für ihr Produkt ihre Ersparnisse eingesetzt, Eigenfinanzierung war ihnen wichtig. »Jetzt werden wir Cafes, Restaurants sowie Läden abklappern und von unserem Drink überzeugen«, sagt der ältere Bruder. Bestellungen sind auch über das Internet möglich.

Carl-Clemens Köhler trinkt schon sein Leben lang Kakao. »Mein Vater handelte mit den Bohnen«, sagt der 32-Jährige. Aber was es so an Trinkschokolade auf dem Markt gibt, überzeugte ihn nicht: »Zu wässrig, zu süß, zu wenig Geschmack.« Also tat sich der Betriebswirt und Marketing-Experte mit seinem zwei Jahre älteren Studienkollegen Thomas Bohnenstengel zusammen, gemeinsam entwickelten sie »Cow Cow«. Bio-Milch und -Schokolade mit einem großen Anteil an Kakaobutter sorgen für den Geschmack. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit der Rezeptur und dem Namen arbeiten die beiden jetzt mit einer hessischen Molkerei zusammen, die nicht nur über alle notwendigen Lizenzen verfügt, sondern auch in der Lage ist, große Mengen der Trinkschokolade abzufüllen. Rund 5.000 Liter pro Monat rinnen in die gestylten 0,3-Liter-Packungen. Die drei Varianten mit dunkler und weißer Schokolade sowie Mokka gibt es mittlerweile bei der Drogeriekette »Budnikowsky« sowie in diversen Bio- und einigen »Edeka«-Märkten der Hansestadt. Und Köhler hat schon die nächste Expansion im Blick. »Wir testen gerade den holländischen Markt.«

 

"ELBLER APFEL-CIDER AUS DEM ALTEN LAND"

Apfelwein auf Norddeutsch vermissten Jan Ockert und Stefan Wächter (siehe auch »Der Hamburger« Herbst 2012). Deshalb erfanden sie »Elbler«, einen Cider von der Elbe in zwei Geschmacksrichtungen: Elbler »Ebbe« hat 2,5 Prozent Alkohol, ist lieblich und mild im Geschmack und aus 100 Prozent Direktsaft ohne Zuckerzusatz, Farb- und Aromastoffe. »Flut« enthält fünf Prozent Alkohol und schmeckt fruchtig-trocken. Für den Winter gibt es den Punsch »Glühapfel« und gerade neu auf dem Markt ist die alkoholfreie Morle Schorle als »trinkbarer Apfel«.

Auf einem Stellinger Gewerbehof hat sich Simon Siemsglüss etabliert. Zwischen Kfz-Betrieben und einer Eisfabrik braut der 39-Jährige hier Bier der Marke »Buddelship«. Der Hamburger ist vom Fach: Ausbildung in Berlin, berufliche Stationen in Kanada und London sowie für »Paulaner« in München und Chi-na. »Bier hat auch mit Emotionen und Heimat zu tun«, sagt Siemsglüss. Er begann Ende 2013 mit der Entwicklung seiner Marke in der Hansestadt. Acht Sorten sind jetzt im Programm: Pils, Weißbier, Schwarzbier und Rotbier namens »Mitschnagger«, »Blanker Hans«, »Kohlentrimmer« und »Roter Klinker« nach deutschem Geschmack sowie vier andere Sorten, die internationalem Bierstil entsprechen. Ein- bis zweimal pro Woche werden 1.000 Liter pro Braugang hergestellt – unfiltriert und nicht pasteurisiert. »Mir geht es um Frische und nicht unbedingt um Haltbarkeit«, sagt der Fachmann. 20 verschiedene Sorten Hopfen und Malz sind auf Lager, unter anderem aus Deutschland, Tschechien, Großbritannien und den USA. Dazu kommen noch Gerste, Weizen, Hafer und Roggen. Außerdem experimentiert Siemsglüss mit anderen Aromen. »Ein Bier mit Kürbis und Honig etwa eignet sich perfekt für den Sommer«, so der Brauer, der von seinem Gewerbe lebt , »allerdings mit viel Selbstausbeutung.« Denn er stellt das Bier nicht nur her, sondern besorgt auch die Abfüllung und den Vertrieb. Das Bier mit den Schiffen auf den niedlichen maritimen Etiketten gibt es in Norddeutschland in vielen Läden und Kneipen, das Pils in zwei Hamburger Bars sogar vom Fass. Bis Berlin, Bielefeld und München hat »Buddelship« es auch schon geschafft als frischer Gruß aus der Hansestadt.

Überhaupt Gerstensaft von Elbe und Alster: Neben den großen Namen »Holsten«, »Astra«, »Duckstein« und »Ratsherrn« finden immer mehr handwerklich ausgefeilte Sorten, sogenannte »Craft Beers«, von kleinen Herstellern und Mikro-Brauern ihre Liebhaber. Von »Gröninger«, der ältesten noch existierenden Braustätte Hamburgs (1722), in der Neustadt und »Kuddel Bier« aus Bahrenfeld bis hin zu »ElbPaul« aus Eimsbüttel, »Wildwuchs« aus Neuenfelde, »Prototyp« aus der Kehrwieder-Brauerei in Harburg und »Von Freude« aus Eppendorf ist der Markt in Bewegung. Bockbier erfreut sich ebenfalls wieder wachsender Beliebtheit.

Selbst Wein kommt aus Hamburg: »Stintfang Cuvee« wird zwar in Stutt-gart gekeltert, aber aus Trauben der Rebsorten Regent (rot) und Phönix (weiß), die an den Landungsbrücken hoch über der Elbe wachsen. In diesem Jahr wird es bis zu 50 Flaschen geben – alle unverkäuflich. Die Hansestadt verschenkt sie an besondere Gäste. Und was wäre eine Stadt im Norden zudem ohne harte Sachen? »Helbing Kümmel« aus Stellingen ist bekannt, ebenso wie »Gin Sul« aus Bahrenfeld oder »Vodka Bazic« aus Hammerbrook. Die Firma Dovermann/Hentze vertreibt »Lüttn Hamborger Kümmel«, Heinrich von Have aus Bergedorf hat Rum, Aquavit und Edel-Bitter im Programm, die Bar »Clockers« auf St. Pauli schenkt ihren eigenen Gin aus.

Mit 40 Jahren kam auch Alexander Lüdeking auf den Schnaps. Und zwar so:  Der promovierte Biologe wollte sich bewusster ernähren – »mehr Salat, mehr Gemüse« – und entwickelte Öl-Kapseln mit Pflanzen-Extrakt. »Aber das war kein 
Genuss«, sagt der heute 44-Jährige. Und so tüftelte der Naturwissenschaftler herum, bis er in seinem Getränk die botanische Welt abbilden konnte. Auszüge von 106 Kräutern in Bio-Qualität geben dem Produkt seinen Namen. Enthalten sind Melisse, Salbei, Zwiebeln und Arnika, aber auch Weidenrinde, Algen-Extrakt und Broccoli-Spitzen. Mittlerweile brennt Lüdeking seinen Kräuter-Cocktail in einer gewerblichen Küche in Hohenfelde. Pro Jahr werden nur 1.000 Flaschen à 0,7 Liter hergestellt. »Wir wollen handwerklich bleiben«, sagt Lüdeking. Geld verdient er ohnehin mit anderen Dingen, der Schnaps ist Hobby – wie auch die Segelei. Und deshalb macht der Hamburger beim alljährlichen Hafengeburtstag mit seinem Zweimaster »Samyrah« im Museumshafen Övelgönne fest und schenkt auf dem Oldtimer »106« aus. Wer nicht bis zum nächs-ten Jahr warten möchte, der bekommt 
ihn in Wein- und Feinkostläden.

Foto Christoph Keller | Text Marlies Fischer