Ausgabe 27 | Hamburger Geschichte(n)

// Es funkelt im Hinterhof

In einem ehemaligen Fotostudio in Winterhude macht Gisa Narracott beste Geschäfte, seit ihr 
ein ganz besonderes Licht aufging: Kronleuchter sind wieder angesagt! Die Kreationen ihrer Firma »Lightcouture« bringen junge wie alte und jede Menge prominente Kunden zum Strahlen

Bloß ein Knopfdruck und Gisa Narracott verwandelt die zweite Etage ihres Showrooms in einen Ballsaal: Gleich dutzendfach strahlen und funkeln Kronleuchter um die Wette, so als würden sie um die Aufmerksamkeit des Betrachters buhlen. Die üppigen, schillernden Klassiker und die bunten Hingucker aus Murano genauso wie moderne, designverliebte Lüster. Golden Doodle »Charlie« imponiert diese Pracht herzlich wenig. Der Hund ruht unter der Ecke einer meterlangen Tafel, auf der auch ein Stück dunkles Tonpapier mit einer Skizze liegt. »Das waren meine Entwürfe für die Ausstattung der ›Goldenen Kamera‹. Eine eigene Murano-Kollektion im Stil der 60er-Jahre«, erklärt Gisa Narracott. Nur ein Projekt, das sie mit ihrer Firma »Lightcouture« begleitet hat.

Wer diese sucht, mag zunächst verblüfft sein. Der Eingang liegt in einem unscheinbaren Winterhuder Hinterhof, der Showroom selbst in einem schlichten Bürogebäude. Was auch illustre Kundschaft keineswegs von einem Besuch bei der 47-Jährigen abhält: Stars aus der Musikwelt oder der Fußballbundesliga zum Beispiel. Sogar eine ganze Delegation aus Kambodscha wurde schon empfangen, um aus Modellen namhafter Firmen oder eigenen Kreationen auszuwählen. Behandelt werden in dem exklusiven Geschäft an der Gertigstraße alle gleich – und das nicht bloß, weil Narracotts britischer Lebens- und Geschäftspartner Chris Coles nicht immer sofort alle bekannten Gesichter erkennt. »Wir sind bei der Beratung sehr dicht dran an jedem Kunden und packen später auch mit an«, sagt Gisa Narracott. Nicht nur beim zweitreichsten Mann Pakistans, bei dem zwei Tage lang ein blauer Lüster für 80.000 Euro installiert und jedes Kristallelement einzeln eingehängt werden musste. Man sei eben praktisch veranlagt – sie selbst nennt es » ziemlich hands-on«.

Die studierte Modedesignerin hat lange im Ausland gelebt und gearbeitet. Mit Mitte 20 folgte sie ihren Eltern, beide Mitarbeiter der »Deutschen Welle«, nach Afrika. In Zimbabwe lebte sie acht Jahre lang auf einer Farm, wo sie auch einen Teil der Arbeiter zu Nähern ausbildete und schließlich eine eigene Bekleidungsexportfirma mit 200 Mitarbeitern gründete. Später dann entschied sie sich für London, arbeitete als Chefdesignerin und studierte zusätzlich Interior Design. »Ein Freund brachte mich auf das Thema Kronleuchter.« Und weil es laut Internet-Recherche damals tatsächlich niemanden in Deutschland gab, der sich auf deren Verkauf spezialisiert hatte, gründete sie mit nur 1.000 Euro Startkapital einen eigenen Online-Shop. »Ich verkaufte am Anfang vor allem Leuchter aus Murano – die Menschen lieben nun einmal Venedig.«

Vor sieben Jahren wechselte sie dann mit ihren beiden Töchtern und dem Lebenspartner von der Themse an 
die Elbe und bezog das ehemalige Fotostudio in Winterhude. Wie groß das Renommee ist, das sie sich in den vergangenen Jahren erarbeitet hat, konnte sie vor einigen Wochen auf der Möbelmesse in Mailand erleben. »Als wir anfingen, wollte keine der großen Firmen etwas von uns wissen«, sagt Gisa Narracott. Heute wird sie bei Firmen wie »Swarovski«, »Baccarat« oder »Barovier & Toso« mit Handschlag begrüßt. »Weil wir deren Leuchter so gut präsentieren. Da kann man sich schon einmal selbst auf die Schulter klopfen«, sagt die Unternehmerin. Kein bisschen selbstgefällig, sondern feststellend. Schließlich hat sie hart für den Erfolg gearbeitet.

Zugute kommt ihr – natürlich – 
auch der Trend zum imposanten Oberlicht. Wer einen klassischen Leuchter kaufe, müsse nicht zwangsweise 
konservativ eingerichtet sein: »Viele lieben den Stilbruch.« Die Zeiten, in denen der Kronleuchter im Eingangsbereich signalisieren sollte, wie gut es einem geht, seien vorbei. Weil ein 
Leuchter jedoch durchaus eine äußerst kostspielige Investition sein kann, ist die Beratung essenziell. Gisa Narracott lässt sich immer genau die Wohnung beschreiben oder schaut sich Fotos 
davon an. Manchmal sucht sie auch für Kunden nach besonders ausgefallenen Stücken – erst vor kurzem konnte sie den Wunsch nach einer zwei Meter hohen Leuchte in Form eines Engels er-
füllen. Und auch wenn riesige Glasleuchter mit integriertem Lautsprecher, wie es sie zuletzt in Mailand zu bestaunen gab, eher etwas für Männer sein mögen, so weiß Narracott: »Häufig ist die Frau die Entscheidungs-
trägerin.«

Sie selbst weiß auch ziemlich genau, was sie will. Weiterhin eigene Modelle kreieren zum Beispiel. Und ein Kronleuchter-Buch schreiben, »so eine richtige Bibel«, die jeder Inneneinrichter, jeder Student mit Freude zur Hand nimmt. »Ich kenne so viele wundervolle Geschichten von den Herstellern«, schwärmt Gisa Narracott, die nicht nur den Glasbläsern auf Murano hin und wieder über die Schulter schaut. Und lernen konnte, dass jeder von ihnen seine eigene Handschrift hat. Den einen mag man an einem ganz speziellen Farbton erkennen, den anderen an der Art, wie er das Glas bearbeitet oder formt. Das Buch muss aber noch warten, es ist einfach zu viel zu tun. Seit Monaten stattet »Lightcouture« sämtliche Zimmer und Suiten des Fairmont Hotels »Vier Jahreszeiten« individuell aus. »Nun sind noch die Ballsäle dran. Alte Leuchter werden aufgearbeitet, neue ergänzt. Gearbeitet wird viel mit Gold und klassisch geschliffenen Kristallanhängern.« Ein richtiges Langzeitprojekt.

Wenn Gisa Narracott sich einmal entspannen möchte, dann fährt sie für ein Wochenende nach Sylt. In Rantum hat die Familie seit einer Weile ein Wohnmobil stehen. Und wenn es dunkel wird, dann funkeln dort an der See nur die Sterne.

Foto Marcelo Hernandez | Text Alexandra Maschewski