Ausgabe 04 | Hamburger Geschichte(n)

// Im Juni 1350 landet der Tod an der Elbe

An einem strahlenden, sonnigen Morgen betritt er in Form der Pest unsere Stadt und beendet eine über hundert Jahre währende Ära des Aufschwungs und des Wohlstands. Von dieser Zeit, ihrem grausamen Ende und einem Festmahl, das bis heute überlebt, handelt der vierte Teil unserer Serie über Hamburgs Geschichte.

Nach der blutigen Schlacht von Bornhöved folgte eine erholsame, expansive Zeit für Hamburg. Ab 1240 legte es sich einen kuscheligen neuen Kragen um, eine Befestigungsanlage, die schon zehn Jahre später den größten Teil der Altstadt umschloss: Lange und Kurze Mühren mit den Ein- und Ausgängen Steintor, Millerntor und Alstertor. Mehrere Spitäler und Klöster entstanden schnell nacheinander. Und die Stadt baute noch an etwas anderem, weniger materiellem: Sie verfestigte, wo es nur möglich war, ihre Unabhängigkeit. Der Drang danach lag seit jeher in Hamburgs Naturell. Liebenswürdig kann es bei Bedarf sein, anschmiegsam war es noch nie.

Leider verspürten irgendwelche Bischöfe oder Grafen – im 13. Jahrhundert nach wie vor die Schauenburger – dauernd das Bedürfnis, ihre Rüssel in die Angelegenheiten der Gemeinde zu bohren. Einerseits taten sie damit, als so genannte Stadtherren, ja nur ihre Pflicht. Andererseits litten die Schauenburger ausgerechnet Hamburg gegenüber an zunehmendem Souveränitätsschwund. Sie führten nämlich zahlreiche Kriege. So etwas ist teuer, und das nötige Geld erhielten die streitbaren Grafen vor allem von den wohlhabenden Pfeffersäcken nebenan. Deshalb verzichteten sie im Lauf der Zeit auf dies und das, Erhebung verschiedener Zinsen zum Beispiel. Außerdem übertrugen sie der Stadt das Zollhaus, einige Ländereien und die kleine Alster. Und sie lächelten, sobald sie Hamburger Bürgern begegneten, ununterbrochen milde und nachsichtig. Schließlich stand in absehbarer Zeit stets ihr nächster Krieg an und wollte finanziert werden.

Kein Wunder, dass Hamburg respektlos wurde. 1270 ließen Rat und Bürgerschaft einfach durch den Stadtnotar Jordan von Boizenburg eine eigene, sehr umfangreiche Gesetzsammlung schreiben‚ das »Ordeelbuch«, Grundlage des künftigen Stadtrechts. Was dabei herauskam, in Niederdeutsch geschrieben (weil das gerade Latein als Amtssprache ablöste), betraf Straf-, Zivil- und Prozessrecht sowie das Seerecht. Die Handschrift orientierte sich zwar noch teilweise an ältesten germanischen oder römischen Gesetzen, war jedoch so modern und patent zusammengefasst, dass andere Städte wie Stade und Riga sie in Bausch und Bogen übernahmen und Bremen sich große Stücke davon abschnitt. Zwei Jahrzehnte später bestätigten die Schauenburger Grafen nachträglich wohlwollend das Urteilbuch. Eigentlich eine reine Formsache; die Stadt hatte sich dieses Privileg ja bereits eigenmächtig zugestanden. Trotzdem war die formelle Erlaubnis wichtig, denn sie bedeutete, Hamburg besaß nun offiziell »gesetzgebende Gewalt«. Sie kam ihrem stolzen ersten Vornamen »Freie« immer näher.

Und Hansestadt war Hamburg natürlich längst – seit etwa… mehr oder weniger… ungefähr… Tja? Die Hanse ist eins dieser sonderbaren Gebilde, die nur scharfe Konturen annehmen, wenn man an ihnen vorbeiblickt. Wann genau sie anfing und wann sie aufhörte, lässt sich einfach nicht sagen. Sie entstand so unauffällig und nebenbei, wie sie auch wieder dahinschwand – dazwischen lag immerhin fast ein halbes Jahrtausend. Es wird erzählt, dass der Rat von Bremen 1418 für einen Prozess die Gründungsurkunde der Hanse benötigte und die Stadt Köln darum bat, ihnen eine Abschrift zu senden; die Kölner antworteten nach längerer Zeit, sie hätten das Dokument bis jetzt leider nicht gefunden, würden aber weiter danach suchen… Das war das Letzte, was die Bremer von der Sache hörten. Zwischen ihrem geheimnisvollen Entstehen – etwa Mitte des 12. Jahrhunderts – und verschämten Verschwinden – ungefähr Mitte des 17. Jahrhunderts – war die Hanse eine pralle, selbstbewusste, berühmte Institution, durchaus eine Art Vorläufer der EU (aber beliebter). Ursprünglich Zusammenschluss norddeutscher Kaufleute, wandelte sie sich zu einer Städtegemeinschaft mit Kontoren in Nowgorod, Bergen, London und Brügge. In ihrer erfolgreichsten Zeit, zwischen 1250 und 1400, wurde sie zu einer nordeuropäischen Großmacht, die sogar Kriege führte, unter anderem gegen Waldemar IV. Atterdag, König von Dänemark, einem Urenkel des Siegreichen. Der wollte die Rechte der Hanse einschränken und bekam es mit ihren Kriegskoggen zu tun.

Nachdem die Hanse verschwunden war, blieb sie übrigens anderthalb Jahrhunderte lang unbeweint und unbesungen. Offenbar wollte sich niemand daran erinnern. Erst mit dem 19. Jahrhundert tauchte der Begriff plötzlich wieder auf – und wurde umarmt wie ein verschollener Freund. Nun schmückten sich die Städte, denen er zustand, erneut mit dem traditionellen Namen, nun hob er ihr Ansehen und wurde seitdem geradezu werbend eingesetzt: Firmen, Plätze, Straßen und Institutionen bedienen sich da, von Lufthansa bis Hanseviertel. Das Hanseatische gilt als weltoffen und zuverlässig, aristokratisch und nüchtern und ist nahezu nur positiv besetzt. Dagegen konnte nicht mal Heinrich Heine viel tun.

1310 leistete sich Hamburg für 600 Mark den Rest der Alster. Die Schauenburger verkauften gern, offenbar konnten sie jederzeit Bargeld gebrauchen. 1329 regte sich Bischof Burchard Grelle über die Sitten der Hamburger Geistlichkeit auf, von denen ihm in Bremen zu Ohren gekommen war: Dass sie Ehrbarkeit und Zucht vermissen ließen, gar nicht erst zur Frühmesse erschienen (weil ihnen die wohl zu früh erschien) und während des Gottesdienstes laut miteinander klönten. Fast genau zehn Jahre später brach derselbe Bischof über dieselben Mönche in dieselben Klagen aus. Auch die Hamburger Bürger waren unzufrieden mit ihren zwar außerordentlich betuchten, aber trägen Pfaffen: Unter Anführung einiger Ratsherren rotte ten sie sich zusammen, überfielen die Geistlichen mit handfesten Knüppeln und brandschatzten Dörfer des Domkapitels. So hatte der Bischof es ja nun auch wieder nicht gemeint, deshalb fällt die Stadt vorübergehend unter den geistlichen Bann und muss eine Weile auf Gottesdienste verzichten. Das ist ein Jammer, denn eben gerade ist nach 81 Jahren endlich der riesige Mariendom fertig gestellt und geweiht worden. Allerdings fehlt ihm immer noch so dies und das: Zum Beispiel die zwei Seitenschiffe, um die er später erweitert wird, und der Turm, den er sogar erst 1434 erhält. Bischof Grelle ist den Hamburgern darum auch nicht allzu lange böse, er braucht ja Spenden und erklärt noch mal, dass die Seele in den Himmel springt, sobald das Geld im Kasten klingt…

1343 verkauft Adolf VII. von Schauenburg-Pinneberg das Örtchen Eppendorf ans Kloster Herwardeshude, fünf Jahre später schiebt er Rissen hinterher. So gut ging es Hammonia noch nie. Seit mehr als hundert Jahren hat es keine Katastrophen mehr gegeben. Alles gedeiht, der Wohlstand nimmt unaufhaltsam zu. Weitere Elbinseln werden eingedeicht, man dehnt sich nach allen Seiten aus. Die Hamburger Kämmereirechnung von 1350 sagt aus, bei einer Jahreseinnahme von 7.000 Talern wurden nur 2.000 Taler ausgegeben. Ein Viertel der Einnahmen sind Steuern, der Rest Zolleinnahmen, Mieten und Zins für verliehenen Grund. Und Hamburg baut! Innerhalb der letzten neun Jahre sind fast 600 Neubürger mit ihren Familien dazugezogen, neue Fachwerkhäuser, auch und gerade repräsentative Bauten, werden dringend gebraucht – nur leider ist kein Holz mehr da. Die Wälder ringsum, in denen man durch die Privilegien von Barbarossa – na, Schwamm drüber – alles abhauen durfte, sind ratzekahl. Für das Rathaus, den Dom und die neue Stadtbefestigung wurde ebenfalls viel Holz verbraucht. Macht nichts, die Stadt ist ja reich und kann es sich leisten, Holz zu importieren. Alles ist gut.

Oder vielleicht doch nicht? Im Jahr 1333 scheint in Asien ein Stäbchenbakterium durchgedreht zu sein. Wir würden heute sagen, es mutierte. Zumindest ist das eine Vermutung, denn die Wissenschaftler streiten darüber, ob die Pest wirklich die Pest war – mit ihrem klangvollen Namen Yersinia pestis – oder nur so genannt wurde, weil der Begriff für »Seuche« stand. Auf jeden Fall war sie eine grausame, schmerzhafte, unglaublich ansteckende Krankheit mit enorm hoher Sterblichkeitsrate. Sie zog eine breite Schneise des Todes durch Persien, Russland und Kleinasien in Richtung Westen. Zwar reiste sie für damalige Begriffe schnell; doch da sie sich keiner modernen Verkehrsmittel bedienen konnte und offensichtlich gründlich vorgehen wollte, brauchte es Jahre, bevor sie die Grenze des damaligen Europa erreichte.

Zufällig traf sie 1346 auf der Halbinsel Krim ein, als dort gerade die Hafenstadt Kaffa von Mongolen belagert wurde. Die Pest entschied die Schlacht, bevor sie angefangen hatte, indem sie sich die Belagerer vorknöpfte. Der Rest der Mongolen zog ab. Als kleinen Abschiedsgruß setzten sie die Leichen ihrer gestorbenen Kameraden auf ihre Katapulte und schleuderten sie über Kaffas Stadtmauern. Durch genuesische Kaufleute, die sich in der Stadt befunden hatten, gelangte die Seuche anschließend nicht nur nach Genua, sondern über dessen weit verzweigtes Handelsnetz auch gleich nach Konstantinopel und Kairo. Jetzt ging es flott voran, sie eroberte Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und Skandinavien. Venedig, Dubrovnik oder vielleicht auch Marseille wird die Idee zugeschrieben, Schiffe, auf denen man die Pest vermutete, 40 Tage lang isoliert im Hafen liegen zu lassen und der Besatzung so lange zu verbieten, an Land zu kommen. Das war der Ursprung der Quarantäne, und der Einfall ist ohne Zweifel gut. Dass die Schiffe fest vertäut ihre vierzig Tage abwarteten, war hingegen schlecht. Denn an den Tauen turnten die Schiffsratten von Bord, denen man nichts von Isolation erzählt hatte. Sie trugen den schwarzen Tod in ihrem Pelz.

Die Pest war parteiisch oder achtlos. In manchen Dörfern ließ sie keine Seele am Leben, an anderen schlenderte sie sogar vorbei, vielleicht zu satt, um zuzuschlagen. Bei einem gänzlich ausgestorbenen Ort, in einem leeren Schloss fand man eine Magd, die in den kostbaren Gewändern ihrer Herrin tanzte, körperlich verschont, seelisch verständlicherweise ziemlich hinüber. Italien wurde ganz besonders gebeutelt. Der Dichter Giovanni Boccaccio beschreibt in seiner Novellensammlung »Il Decamerone«, die er 1348 als Überlebender der Seuche in Florenz verfasste, sehr eindrucksvoll die psychologischen Folgen auf die Menschen seiner Zeit. Die Tatsache, dass es kein Entrinnen zu geben schien, brachte Extreme hervor:

Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in den Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen – als ob sie nicht die ihren wären. Viele starben, die, wenn man sich um sie gekümmert hätte, wohl wieder genesen wären.

Ein Teil der Verängstigten entschloss sich angesichts der trüben Überlebensaussichten, das Leben zu genießen, solange es noch dauerte und jede Todsünde zu praktizieren, die ihnen einfiel. »Zügellos warfen sie sich der Lust in die Arme, mit Völlerei, Gelage und Glücksspiel«, vermerkt ein Chronist. Wer es sich irgendwie leisten konnte, der nahm Reißaus; der Schwarze Tod schloss sich an. Andere suchten Trost in der Religion. Die Seuche schien eine Strafe Gottes zu sein – wie konnte man den Herrn versöhnen? Viele der Vermögenden übertrugen ihr gesamtes Hab und Gut der Kirche, die kaum so schnell schlucken konnte, wie ihr der Rachen gestopft wurde. Bittgottesdienste wurden beinahe permanent abgehalten, Flagellanten marschierten, sich selbst züchtigend, bluttropfend durch die Straßen. Pilgerfahrten nahmen zu; die Pest pilgerte mit.

Ein gelehrter Magister der Stadt Paris wurde vom König beauftragt, die Ursache der Krankheit zu finden – und er tauchte mit folgender Erklärung wieder auf: Die Seuche sei auf eine Konjunktion der Planeten Saturn, Jupiter und Mars am 20. März 1345 zurückzuführen. Diese Konstellation habe giftige Dämpfe, das Miasma, aufsteigen lassen. Wer das einatme oder durch die Poren aufnehme, der wäre, je nach eigener Konstitution, dafür mehr oder weniger anfällig. Es sei ratsam, sich ausgewogen zu ernähren, Anstrengung zu meiden und nicht etwa durch Bäder die Poren zu öffnen… Worauf die Badehäuser für längere Zeit geschlossen wurden, was vielleicht sogar klüger sein mochte, denn Kontaktaufnahme an sich war ja bereits gefährlich.

Miasma hin, Miasma her, nicht wenige Menschen hatten die wirklich Schuldigen ausgemacht: natürlich die Juden! Die vergifteten aus reiner Bosheit nachts die Brunnen. Dass sie selbst an der Pest starben, war lediglich eine Finte, um von ihrer Täterschaft abzulenken. In vielen Städten fanden Pestpogrome statt, hunderttausende Juden wurden verbrannt, insgesamt 350 jüdische Gemeinden ausgelöscht, obwohl Papst Clemens VI. sich den Mund fusselig redete, um die Fabel der vergifteten Brunnen zu widerlegen. Hamburg entging dieser Schuld. Nicht, weil seine Bürger so gescheit waren, sondern einfach, weil es damals in der Stadt keine Juden gab.

Während es der Pest in Süddeutschland nicht so recht zu schmecken schien, und sie dort teilweise nur flüchtig hindurcheilte, hielt sie ausführliche Mahlzeit besonders in Köln, Bremen und Hamburg. An einem strahlenden, sonnigen Morgen Ende Juni 1350 betrat sie lautlos unsere Stadt. Mittags fühlten sich mehrere Bürger bereits sehr elend. Sie glühten in hohem Fieber und schnatterten in Schüttelfrost, sie husteten qualvoll und brachten dicken Schleim auf, der gegen Abend oft schon stark mit Blut vermischt war. Nach drei Tagen waren die ersten tot und zehn Weitere krank, fünf Tage später gab es 13 Tote und 39 Kranke. Nach einigen Wochen änderte sich das typische Krankheitsbild; das Fieber stieg bei vielen Neuerkrankten genauso schnell, aber statt in der Lunge schien das Übel jetzt öfter in der Lymphe zu wüten. Dicke, schwärzlich durch die Haut schimmernde Beulen, die furchtbare Schmerzen bereiteten, schwollen in der Leiste, unter der Achsel oder am Hals, manchmal bis zu Apfelgröße. Immerhin: von den an Beulenpest Erkrankten überlebten einige, vor allem, falls die Beulen sich öffneten. Die Lungenpest dagegen bedeutete den nahezu sicheren Tod. Nach einer Schätzung verschlang die Seuche zwischen 1347 und 1351 in Mitteleuropa etwa 25 Millionen Menschen, das wären zwei Drittel der Gesamtbevölkerung gewesen. Hamburg beklagte ein Drittel seiner zehntausend Einwohner.

Die Pest hat einen dicken Strich durch die Geschichte gezogen und soll an vielem Schuld sein. Beispielsweise macht der Kulturhistoriker Egon Friedell sie für das Ende des Mittelalters und den Umschwung zur Renaissance verantwortlich, weil das erlebte Entsetzen einen Bewusstseinswandel bewirkt habe. Der träumerische Mensch des Mittelalters war jäh in der Realität erwacht. Außerdem spricht einiges dafür, dass die Pest letztendlich die Reformation anschob, da die Kirche aus der Angelegenheit zwar finanziell ungemein gestärkt, aber in ihrer Popularität heftig geschwächt hervorging. Es war ihr nicht gelungen, plausible Antworten auf die Frage zu finden, was Gott seinen Kindern mit der Seuche hatte sagen wollen, sodass diese Kinder ganz gern bei mystischen Sekten oder sonst wo nach der entsprechenden Auskunft stöberten. Nicht nur das; weil natürlich auch viele Priester gestorben waren, musste man sich etliche Jahre lang mit schlecht ausgebildeten und wenig motivierten Hilfsgeistlichen begnügen. Und obwohl Bischof Grelle ja schon am richtigen Kirchenpersonal eine Menge auszusetzen gehabt hatte, scheint diese Ersatzmannschaft erst recht zum Abgewöhnen gewesen zu sein.

Außerdem soll die Pest den Klimaumschwung verursacht haben. Wie bitte?! Doch, doch. Vom 9. bis zum 14. Jahrhundert erlebte Europa ganz zweifelsfrei eine Periode milder Temperaturen, die so genannte »Mittelalterliche Warmzeit«. In England wurde Wein angebaut. Das Packeis im nördlichen Atlantik zog sich weit zurück, Landgletscher verschwanden teilweise. Die Wikinger besiedelten Grönland, weil es tatsächlich grün war, wie der Name schon sagt. (Wo blieben damals um Gotteswillen die Eisbären?) Amerikanische und niederländische Klimaforscher behaupten, der Übergang der Menschen vom Jagen und Sammeln zu Ackerbau und Viehzucht habe diese Erwärmung bewirkt, ebenso massive Abholzungen – wie die in Hamburg?

In Altwasserablagerungen, die ein tausend Jahre zurückreichendes Klima- Archiv darstellten, fanden sich Anzeichen für landwirtschaftliche Nutzung, die im Jahr 1347 plötzlich aufhörte. Weil, sagen die Wissenschaftler, die Landwirtschaft durch die Pest über riesige Strecken ganz einfach zusammenbrach und auf einstigen Agrarflächen wieder Wald wuchs. Wenig später folgte eine Abkühlung, die bis ungefähr 1850 dauerte und als die »Kleine Eiszeit« bekannt ist. Jetzt gab es lange, schneereiche Winter und enttäuschende Sommer, Gletscher wuchsen mächtig an, die Ostsee fror mehrmals komplett zu, und die Wikinger flüchteten aus Grönland, ohne sich die Mühe zu machen, es in Schneeland umzutaufen.

Wie auch immer, das Leben ging weiter. Im Februar 1356 feierte Hamburg zum ersten Mal das Matthiae- Mahl, ein Essen auf Ratskosten, das inzwischen zum ältesten noch begangenen Festmahl der Welt avancierte, denn es findet – von einer »kleinen«, kostenbedingten Pause zwischen 1724 und 1956 mal abgesehen – bis heute Jahr für Jahr statt. Und auch wenn man inzwischen keine vergoldeten Schwäne mehr auftischt, so findet sich doch noch viel Traditionelles im Protokoll. Zum Beispiel bleibt der Bürgermeister beim Empfang der Ehrengäste hübsch auf dem oberen Absatz der Senatstreppe stehen, damit er ihnen, falls sie zu Pferde kommen, nicht etwa den Steigbügel halten muss.

Während andere Städte also vom Schwarzen Tod über Jahrzehnte geschwächt blieben oder geradezu ruiniert wurden, erholte sich das vitale Hamburg innerhalb kürzester Zeit. Schon 1375 ist die Einwohnerzahl, vor allem durch Zuzug vom Land, wieder auf 8.000 Menschen angestiegen. Ein Grund also, die gute Laune zu behalten, trotz der sonderbaren, wohl von den wenigsten im späten Mittelalter vermuteten Probleme: Pandemie und Klimawandel! Schon bald aber sollte eine weitere Plage den Hamburgern zu schaffen machen, die uns heute irgendwie merkwürdig bekannt vorkommt: Die Hyänen der Meere…

Illustration Dieter Braun | Text Dagmar Seifert