Ausgabe 15 | Persönlichkeiten & Portraits

// Auf den Rahmen kommt es an

Deshalb hat Oliver Wassermann für die von ihm gefertigten Schuhe eine ganz spezielle Produktionsmethode entwickelt. Mit Erfolg: Die Geschäfte laufen gut, die Mitarbeiterzahl steigt und die Käufer der Mercedes-Modelle aus Leder werden immer mehr und prominenter.

»Von Leonardo da Vinci stammt: Der Fuß ist ein Kunstwerk aus 26 Knochen, 19 Muskeln und 107 Bändern.« Nachdem Oliver Wassermann diese Worte eher beiläufig als dozierend gesprochen hat, nippt er am Kaffee und beobachtet seinen Gesprächspartner über den Tassenrand hinweg, ehe er fortfährt: »Und ein Kunstwerk braucht einen Rahmen, keinen Käfig.« Knapper und pfiffiger lässt sich die Geschäftsphilosophie der Marke Oliver Grey nicht beschreiben. Seit sechs Jahren betreibt der gebürtige Hamburger sein Schuhgeschäft – wobei diese Beschreibung eine echt hanseatische Untertreibung darstellt. Schließlich sind es drei Läden: in Winterhude, Eppendorf und am Nedderfeld. Hinzu kommt ein Geschäft in der Berliner Knesebeckstraße, an der Ecke zum Kurfürstendamm. Von den Exporten nach England und Indonesien ganz zu schweigen. »Wir planen in der nächsten Zeit weitere Filialen in zwei deutschen Großstädten«, erzählt Wassermann, »aber das sind noch ungelegte Eier.« Oder unbesohlte Schuhe, um im Bild zu bleiben.

Warum er sich erst vor sechs Jahren mit einem Geschäftspartner auf den Schuh konzentrierte, weiß der 42-Jährige heute selbst nicht mehr. Denn das Handwerk mit Leder, Ahle und Nadel trägt er gewissermaßen in den Genen. Schon Opa und Urgroßvater waren Schuhmachermeister, nur sein Vater sorgte für einen Bruch. Er verließ die Kärntner Heimat, absolvierte in Hamburg eine Kaufmannslehre und arbeitete erfolgreich als solcher. »Vorbilder aus der Familie prägen«, erklärt Oliver Wassermann seinen Berufsstart als Groß- und Außenhandelskaufmann. Doch bestand wohl immer eine unbewusste Zuneigung zum Handwerk der Vorfahren. Er erinnert sich: »Schon als Kind fand ich es in den Ferien bei Oma und Opa toll, in der Werkstatt herumzustöbern und mit den mehrgelenkigen Schuhspannern zu spielen.«

Kein Wunder also, dass die Entwicklung des neuen Unternehmens rasant verlief. Hochwertige Schuhe, den Füßen der Träger angepasst, qualitätsvolle Materialien – das war die Idee. Aber keine Unikate, die individuell auf den Fuß des Kunden zugeschnitten werden – solche Anfertigungen kosten ab 1.000 Euro aufwärts. »Ich wollte preisgünstiger werden.« Deshalb wählte Oliver Wassermann schon einen Fabrikationsweg. Schuhe mit seinem Oliver-Grey-Label sind serienmäßig gefertigt und in Handarbeit hergestellt. Er ordnet seine Produkte sehr plakativ ein. »Wenn die Einzelanfertigung der Top-Schuhmacher der Maybach oder Rolls Royce unter den Schuhen sind, dann produzieren wir den Mercedes aus Leder.« Entsprechend liegen die Preise für die Schuhe zwischen 200 und 400 Euro, bei Luxus-Modellen steigt er schon mal auf 700 Euro.

Maserati

Der Markenname war schnell gefunden. »Von mir kam der Vorname, mein Partner aus der Werbebranche gab den Nachnamen dazu. So eröffneten wir einen Laden in der Herderstraße. Dort verkauften wir aber vorwiegend andere Markenschuhe, denn unsere Kollektion bestand anfangs nur aus fünf Modellen.« Mit dem Startschuss zur größeren Modellreihe stürzte sich Oliver Wassermann auf das Thema rahmengenähte Schuhe. Er entdeckte alsbald, dass Charles Goodyear jr. aus der Dynastie der Gummiproduzenten 1869 ein Patent für die maschinelle Herstellung solcher Schuhe angemeldet hatte. Nach längeren, hartnäckigen Nachfragen bekam er vom amerikanischen Patentamt eine Kopie des alten Dokuments »Goodyear welt« (welt = Rahmen). Das Prinzip der Produktion: Auf einem Rahmen aus festem Leder werden das Oberleder und die Innen- und Brandsohle miteinander verbunden. Im zweiten Arbeitsgang wird die Laufsohle mit dem Rahmen verknüpft. »Daher kommt unsere Redensart: Doppelt genäht hält besser!«, erklärt Oliver Wassermann.

Das Schuhgeschäft in der Herderstraße gibt es nicht mehr, der Partner ist inzwischen ausgestiegen. Dafür haben sich Modelle und Mitarbeiterzahl von Oliver Grey vervielfacht und das Unternehmen hat sich zu einer festen Größe gemausert, dessen Fangemeinde ständig wächst. TV-Stars wie Jörg Pilawa und Jens Riewa gehören ebenso zum Kundenstamm wie viele Anwälte, Ärzte, Banker und Manager. Der wachsende Zuspruch macht den Inhaber stolz. Oliver Wassermann umschreibt es so: »Es gibt Veranstaltungen, bei denen ich denke: Viele Oliver Greys auf dem Parkett unterwegs.«

Wir sitzen beim zweiten Kaffee. Oliver Wassermann wird nicht müde zu erzählen, zu erklären, Fragen zu beantworten. Bei der Frage nach einem Hobby stutzt er kurz, dann kommt die Antwort: »Die Firma ist mein Hobby.« Und er gesteht sofort: »Ohne das Verständnis meiner Freundin wäre das Leben so nicht zu führen. Sie ist Hotelmanagerin und kennt ein Leben ohne feste Bürozeiten und ohne Feierabende nach Stundenplan.« Wie lange er so weiterarbeiten und expandieren will? Er lächelt bei dem Satz: »Bis mir die Ideen ausgehen.« Die Gefahr besteht in absehbarer Zeit nicht. Mittlerweile hat Oliver Wassermann neben den vielen Modellen auch Schuhspanner, Schuhcreme und Bürsten entwickelt. Und die passenden Gürtel zu vielen Schuhen gibt es auch. Ehe wir uns verabschieden, macht Oliver Wassermann noch ein Geständnis: »Das Zitat von da Vinci vom Beginn unseres Gesprächs ging tatsächlich nur bis zu den Knochen und Bändern. Der Rest ist dem Universalgenie 500 Jahre später angedichtet worden.« Und mit einem spitzbübischen Schmunzeln fügt er hinzu: »Wenn er meine Schuhe getragen hätte, wäre der Satz von ihm geschrieben worden.«

Foto Frank Siemers Text Michael Dombrowsky