Ausgabe 19 | Persönlichkeiten & Portraits

// Auf Kreuzfahrt durchs Leben

Beruflich immer nur den Kurs halten – das ist nichts für Helge Nissen. Der in der Hansestadt geborene Einser-Abiturient hat sich vorgenommen, jedes Jahr etwas Neues zu machen. Vorausgesetzt, es hat mit Schauspielerei oder Moderation zu tun – so wie zuletzt auf der AIDAstella.

»Ich werde ziemlich schnell seekrank«, erzählt Helge Nissen. Wie bitte? Und so jemand bewirbt sich als Bordmoderator auf einem Kreuzfahrtschiff, nimmt ein aufwändiges Casting mit Konkurrenz aus dem gesamten deutschsprachigen Raum auf sich und lässt sich dann noch für den Ernstfall auf See schulen, wie man mit Rettungsinsel und Leuchtraketen umgeht? Helge Nissen lächelt charmant; ein ehrliches Lächeln, nicht das eintrainierte des Schauspielers: »Ich habe mir auf die Fahnen geschrieben, jedes Jahr etwas Neues auszuprobieren – da reizte mich die Ausschreibung einfach.« Jetzt, beim Interviewtermin, hat er vier Wochen auf See hinter sich und ein paar Stunden Landgang, während die Passagiere der letzten Kurzkreuzfahrt das Schiff verlassen und die nächsten Reisenden an Bord gehen. Und wie steht es nun um die Seefestigkeit? »Zweimal hatten wir bisher Windstärke sechs, da war mir schon etwas anders. Aber mit Medikamenten wurde zumindest keine schlimme Seekrankheit daraus.«

Die Erkenntnis, auch bei ordentlich Wellengang nicht außer Gefecht gesetzt zu werden, ist nur eine von vielen, die Nissen von seinem ersten Gastspiel auf See mitbringt. Er hat auch erfahren müssen, wie anstrengend das Leben mit wenig Tageslicht, in klimatisierten Räumen und im Rhythmus dieser kleinen schwimmenden Welt ist. »Anfangs war ich wie ferngesteuert. Es hat gedauert, bis ich meinen Takt gefunden habe.« Den aber brauchte er schließlich, um sich jeden Abend viermal auf eine neue, je halbstündige Show einstellen zu können, für das oft sehr unterschiedliche Publikum die jeweils »richtige Temperatur« zu finden und perfekt durch das Programm aus Tanz, Musik und Theater zu führen – denn das ist es, was Helge Nissen richtig großes Vergnügen bereitet.

Da ist der 47-Jährige dann ganz in seinem Element. Ob als Moderator, Animateur oder Quizmaster zu Wasser oder zu Lande. Aber auch als Kommunikationstrainer für so renommierte Unternehmen wie den Deutschen Ring oder als Schauspieler hat er schon erfolgreich gewirkt. Dabei hilft Nissen zweifellos seine stets den Menschen zugewandte, warmherzige und glaubwürdige Art. Nicht zufällig waren es deshalb wohl auch vor allem Arztrollen, die er in den letzten Jahren spielte. »Als Fiesling bin ich leider noch nicht besetzt worden«, so Nissen, der gern mal als Kommissar vor der Kamera stehen würde. »Einen Fall analytisch zu erfassen und dem Ganzen auch emotional auf die Schliche zu kommen – das würde mich reizen.« Hauptsache Film und nicht Theater: »Bei allem Respekt für die Leistung meiner Kollegen – aber Theater ist mir oft zu künstlich, zu aufgesetzt.« Abgesehen von einer Spielzeit am Thalia Theater stehen daher ausschließlich Fernseh- und Kinorollen in der Vita, so unter anderem im »Großstadtrevier«, bei »Stubbe«, aber auch in der »Sesamstraße«.

Doch die Schauspielerei macht inzwischen nur noch einen kleinen Teil seiner Arbeit aus. Anders als im zarten Alter von 15 Jahren, als er zusammen mit einem Kumpel auf Einrädern durch die Innenstadt fuhr, für ordentlich Aufsehen sorgte und schon bald darauf mit der vierköpfigen »Klapps Kalli’s Keulen Kompanie« deutschlandweit unterwegs war. Jonglieren, Feuer spucken und allerhand unterhaltsamen Quatsch machen – mit diesem erfolgreichen Konzept wurde Nissens Lust geweckt, nach der Schule weiterzumachen. »Mein Einser-Abi habe ich in die Schublade gelegt und da liegt es auch heute noch.« Ausbilden ließ er sich durch einige Jahre privaten Schauspielunterricht.

Heute hat sich der Schwerpunkt etwas verlagert: »Am wohlsten fühle ich mich bei der Moderation«, sagt der gebürtige Hamburger, der seiner Stadt immer die Treue gehalten hat. Ob Firmenfeiern, Kulturfestivals, Stadtfeste oder Messen wie zuletzt die »Reisen Hamburg«: Seine oft langjährigen Auftraggeber finden, dass er den richtigen Ton trifft, das Publikum abholt und nicht zu denjenigen Moderatoren gehört, bei denen man erleichtert ist, wenn sie endlich den Mund halten. Globetrotter beispielsweise bucht Nissen seit Jahren für die unterschiedlichsten Veranstaltungen, darunter ein großes Event im Stadtpark – ein Auftrag, der den Einsatz an Bord der AIDA von vornherein zeitlich begrenzte.

Ein bisschen Wehmut wird aber ganz sicher dabei sein, wenn Nissen das letzte Mal elbaufwärts an Bord des riesigen Schiffs in seine Heimatstadt fährt. »Das ist schon ein erhabenes Gefühl«, schwärmt er inzwischen von der Seefahrt, »selbst Gebäude wie die Elbphilharmonie sehen klein aus.« Andererseits warten die Lebensgefährtin und die Winterhuder Wohnung, das Fahrrad als Hauptfortbewegungsmittel, das Kochen zu Hause und der Spaziergang an der Elbe bis zu Lühmanns Teestube in Blankenese, wo die Tortenstücke »so schön groß und lecker« sind.

Und es soll ja auch mal wieder etwas Neues geben im Leben von Helge Nissen, wie jedes Jahr. Was das sein könnte? »Mal schauen, bisher hat das Schicksal immer ein bisschen mitgespielt«, sagt er. Die Möglichkeiten im Bereich »Moderation vor der Kamera« seien bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Sehr gern würde er eine Talkshow wie im NDR-Fernsehen moderieren. Und es gibt noch einen anderen Traum: »Ich hätte große Lust, mal eine Spielshow wie ›Wetten, dass..?‹ zu moderieren …«

Foto Jan Northoff | Text Anneke Fröhlich