Ausgabe 17 | Persönlichkeiten & Portraits

// Die Marke zur Kunst erhoben

Mit »Big Lunar Module« nahm die Idee vor zehn Jahren ihren Anfang. Inzwischen gehören weitere 179 Exponate zu der Sammlung, mit der Ingrid Roosen-Trinks ihrem Arbeitgeber Montblanc eine einzigartige Ausstellung und zugleich so eine Art Denkmal geschaffen hat.

Es begann mit einem Berg. Und einem Aufstand! Der Berg, das war der Mont Blanc. Unter seinem Namen erlangte die 1906 in Hamburg gegründete Simplo Filler Pen Company Weltruhm. Doch nicht von dem realen Berg, dessen weiße Kuppe zum Markenzeichen avancierte, soll hier die Rede sein. Sondern von der mehr als mannshohen Skulptur des zeitgenössischen Künstlers Stephan Huber, die 1997 in der Montblanc Galerie am Hellgrundweg ausgestellt wurde. Flankiert von seinen Brüdern, dem Civetta und dem Weißhorn, und beleuchtet von den als Neonskulptur dargestellten Gletscherflüssen, verzauberte dieser Anblick die Mitarbeiter von Montblanc so sehr, dass sie, als das Kunstwerk nach zwei Jahren als Dauerleihgabe an die Galerie der Gegenwart ging, den Aufstand probten. »Da brach hier ein Sturm los«, erinnert sich Ingrid Roosen-Trinks, Vorstand der Montblanc Kulturstiftung. Aus diesem Sturm entstand seinerzeit die Idee einer eigenen Sammlung. Gemeinsam mit dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Norbert Platt entwickelte Roosen-Trinks das Konzept der »Cutting Edge Art Collection«, einer Sammlung, bei der es nicht einfach nur darum geht, Kunst zu kaufen. »Wir wollen vor allem in den Dialog mit dem Künstler treten«, sagt die gebürtige Hamburgerin.

Die geeigneten Partner für diesen Dialog braucht Ingrid Roosen-Trinks nicht lange zu suchen. Sie ist im Laufe ihres abwechslungsreichen Lebens zu einer Spürnase in Sachen Kunst geworden. Als »Hamburger Deern« in Uhlenhorst aufgewachsen, beginnt sie ihren Berufsweg als Einzelhandelskaufmann. 1971 eröffnet sie ihren ersten Jeansladen. Zwei weitere folgen. Parallel dazu studiert sie visuelle Kommunikation und Kunst. Irgendwann aber packt die junge Frau die Unruhe. Sie will raus, »die Welt sehen«. Also erfüllt sie sich einen Jungmädchentraum und geht als Stewardess zur Lufthansa. Mit allen Sinnen beginnt sie Länder, Mentalitäten und Kulturen zu erkunden. Als sie zehn Jahre später ihre Stewardessenuniform wieder ablegt, hat sie eine Harley erworben, den Mann fürs Leben gefunden und jede Menge
Kontakte gesammelt.

»Memoria mundi«, das Gedächtnis der Welt, steht auf einer weltkugelartigen Scheibe, die im Foyer des Montblanc Headquarters ausgestellt ist. Das Künstlerpaar Anne und Patrick Poirier haben ihr Werk dem Hamburger Sammler und Kunsthistoriker Aby Warburg gewidmet. Zwischen den durch Linien miteinander verbundenen Elementen dieses Weltgedächtnisses taucht die stilisierte Kuppe von Montblanc auf. Dies ist die einzige Vorgabe bei allen Werken, erklärt die Ausstellungschefin. »Der Künstler soll das Firmen-Logo in seiner Arbeit interpretieren.« Und so wie die Künstler sich von der Produktion der edlen Federn inspirieren lassen, wird das fertige Kunstwerk Teil des Arbeitsbereiches. Überall, in den Werkstätten und Büros, den Fluren und Treppenhäusern, sind die Werke ausgestellt. Bei dieser Sammlung kommt die Kunst zum Menschen. »Viele der Künstler könnten wir uns heute nicht mehr leisten«, gesteht Roosen-Trinks. Ihre Aufgabe besteht darin sie zu finden, bevor sie die Schwelle des Ruhms überschreiten.

Wie aber kam die Vielgereiste in die Welt der edlen Füllfederhalter, um hier diese ungewöhnliche Sammlung mitzuentwickeln? »Ich hatte tierisches Heimweh nach Hamburg«, lacht sie. Doch um zurückzukehren musste die damals Zweiunddreißigjährige erst nach München. Dort startete Mitte der achtziger Jahre das erste Privatradio als Pilotprojekt. Es fehlten Frauen, vor allem die mit einer guten Stimme.. »Ich habe da alles gemacht. Musikprogramme zusammengestellt, auf dem Motorrad mit Mikro unterwegs, Moderation. « Radio machen von der Pike auf. Als zwei Jahre später dann Radio Hamburg auf Sendung geht, ergreift sie ihre Chance. Anfangs moderiert sie abwechselnd mit John Ment im Morgenprogramm. Schließlich wird sie beauftragt, einen neuen Klassiksender mitaufzubauen. »So etwas hat man nur einmal im Leben.« Klassik Radio wurde zur Erfolgsstory und die blonde Harley-Fahrerin zum Liebling des Boulevards. Kein Wunder also, dass bald die Headhunter auftauchten.

Einer kam von Montblanc. Die Firma wollte die von Justus Frantz gegründete Philharmonie der Nationen sponsern und brauchte nun eine PR-Frau mit Erfahrung in der Klassikbranche. »Mich hat die Internationalität und das Kulturinteresse der Marke gereizt. « Schon bald darauf erwarb Montblanc die Skulptur eines Berges. Der dann zu einem Aufstand führte und zur Gründung einer Sammlung von mittlerweile 180 Exponaten. Während wir – wieder im Foyer angekommen – das »Big Lunar Module« von Tom Sachs betrachten, in dessen Erkern die Belegschaft manchmal kleine Figuren postiert, schwärmt Roosen-Trinks, dass es ihr um das Zusammenwirken von Handwerk und Kunst geht. »Montblanc wird dadurch selber zu einem Kunstwerk«. Die »Hamburger Deern« ist angekommen.

Foto Jan Northoff | Text Jens J. Kramer