Ausgabe 24 | Stadtteilrundgang

// Afrika so nah

In Stellingen begegnen die Menschen exotischen wie wilden Tieren 
schon seit über 100 Jahren ohne störende oder trennende Gitterstäbe. 
Die 1907 erstmals präsentierte und weltweit für Aufsehen sorgende 
Idee Carl Hagenbecks, sie alle – vom Flamingo bis zum Löwen – in einem 
naturnahen Panorama und scheinbar freilaufend zu zeigen, hat bis 
heute nichts von ihrer Faszination verloren

Generationen von Hamburgern haben hier gestanden und immer die gleiche Inszenierung bestaunt: Elegant stolzieren hochbeinige Flamingos im Vordergrund durch den Teich, recken die langen Hälse, putzen ihr rosa schimmerndes Federkleid und streiten sich um die Leckerbissen, die es aufzupicken gibt. Auf dem leicht ansteigenden Terrain dahinter fressen mehrere Zebras gleichmütig Heu, daneben staksen Strauße langsam durchs Bild. »Das ist ein Löwe, siehst Du ihn nicht, der steht ganz da hinten«, sagt ein Fünfjähriger aufgeregt und zeigt mit dem Finger zum Felsen. »Sehe ich nicht«, antwortet sein gleichaltriger Nachbar. Doch dann rufen drei Mädchen aus der Kita-Gruppe fast gleichzeitig, dass sie ihn entdeckt haben. »Da ist nicht nur einer, das sind zwei, mindestens«, meldet sich eine andere Stimme. Wie auf Kommando erheben sich jetzt zwei Löwen, sodass man sie gut erkennen kann. Würdevoll gehen sie ihres Weges und verschwinden bald hinter den Büschen zu Füßen des hoch aufragenden Felsens, auf dem gleich mehrere Himalaja-Thare unterwegs sind, die wie zottelige Ziegen aussehen und hervorragende Kletterer sind.

Die 15 Jungs und Mädchen aus der Kita-Gruppe, die alle rote Mützen tragen, können sich an diesem Bild nicht sattsehen, das natürlich aussieht und exotisch zugleich. Es ist eine geniale Fiktion, die es in der realen Wildnis wahrscheinlich so nicht geben könnte, die aber dennoch ein Gefühl davon vermittelt, wie sich Tiere in ihrer angestammten Umgebung bewegen. Diese Inszenierung, die sich Carl Hagenbeck zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgedacht hat, wirkt auch im Jahr 2014 noch neu und unverbraucht. Sie hat nichts von ihrer Wirkung eingebüßt. Natürlich fällt hier kein Beutetier einem Raubtier zum Opfer. Es wird nicht gejagt, sondern gefüttert, schließlich sind wir im Tierpark Hamburg-Stellingen und nicht Tsavo-West in Kenia.

Aber wenn sogar die medienverwöhnten Kinder des 21. Jahrhunderts vor Hagenbecks Hauptpanorama noch staunen können, wie muss dieser Anblick dann erst auf die Menschen gewirkt haben, die den Tierpark vor 100 Jahren zum ersten Mal besucht haben? Zoos gab es damals in fast allen europäischen Großstädten, doch dort wurden die Tiere in Käfigen gehalten, fein säuberlich nach Gattungen sortiert, ein wissenschaftlich korrektes 3-D-Album mit lebendem Inventar, dessen Schicksal man eigentlich nur bedauern konnte. Das war auch im Hamburger Zoo nicht anders, dessen erster Direktor kein Geringerer als Alfred Brehm gewesen ist, der berühmte Verfasser von »Brehms Tierleben«. Der Hamburger Zoo bestand von 1862 bis 1930 auf dem heutigen Gelände von Planten un Blomen.

 

"Carl Hagenbeck mit seinem Lieblingslöwen Triest"

Der 7. Mai 1907, an dem Carl Hagenbeck seinen Stellinger Tierpark eröffnet, ist der Beginn einer völlig neuen Ära. Merkwürdigerweise hat Hagenbeck seine Premiere nicht aufs Wochenende, sondern auf einen Dienstag gelegt. Trotzdem ist das Gedränge vor dem damaligen Haupteingang mit seinem malerischen, mit exotischen Menschen- und Tierfiguren geschmückten Jugendstiltor riesengroß. Erst vor ein paar Stunden, als im Park noch erwartungsvolle Ruhe herrschte, hat der Chef die Familie und die engsten Mitarbeiter vor das Tor zum Fototermin bestellt. Festlich und ein bisschen ernst sieht die Gesellschaft aus, die Herren tragen Gehrock oder dunkle Anzüge und Zylinder, die Damen lange Kleider. Ganz rechts sind zwei Jungs in Matrosenanzügen zu sehen, die im kaiserlichen Deutschland enorm angesagt sind. Carl Hagenbeck, der fast ein bisschen bescheiden auf der rechten Seite in der zweiten Reihe steht, wird sich in diesem Moment vielleicht fragen, ob sein Konzept wirklich aufgeht. Der Tierhandel, den er vom Vater Gottfried Claes Carl Hagenbeck übernommen hat, läuft schon seit Jahrzehnten erfolgreich. Auch sein ers-ter Tierpark am Neuen Pferdemarkt war in Hamburg ein Publikumsmagnet, und die Panoramabauten, die Tiere in ihrer natürlichen Umwelt präsentieren und deren Idee er sich 1896 vom Kaiserlichen Patentamt Berlin schützen ließ, machten zum Beispiel auf den Weltausstellungen in Chicago 1893 und in St. Louis 1904 Furore. Nun hat er hier in Stellingen seine Idee eines »Zoologischen Paradieses« in einem völlig neuen Maßstab zusammengeführt. Allerdings auch mit enor-men Fixkosten, die der laufende Betrieb ab sofort erwirtschaften muss.

Auf dem historischen Gruppenfoto ist hinter dem noch geschlossenen Tor der hochaufragende Fels des Hauptpanoramas schon zu sehen. Als sich um 10 Uhr das Tor schließlich für die ersten Besucher öffnet, sehen sie auf den ersten Metern nicht ein einziges Tier, bis es ihnen dann buchstäblich den Atem verschlägt. Wie ist es möglich, wilden Tieren Auge in Auge gegenüberzustehen? Müssen die Bestien nicht in Käfigen und hinter Gitterstäben gehalten werden? Bei Hagenbeck ist alles anders, hier hat der Besucher den Eindruck, die Tiere in freier Wildbahn zu beobachten. Natürlich ist das eine Illusion, denn anstelle der Gitterstäbe sind andere Sicherheitsvorrichtungen getreten, nämlich Gräben, die so breit sind, dass die Tiere sie nicht überwinden können. Was heute so selbstverständlich erscheint, war es einst keineswegs. Und so drängen sich die Besucher vor dem Panorama, entdecken nach und nach die Löwen und die Zebras, die Flamingos und die Gämsen, die behände auf dem künstlichen Felsen klettern – und fühlen sich, als seien sie mit der Straßenbahn von Hamburg nicht nach Stellingen im preußischen Kreis Pinneberg gefahren, sondern geradewegs nach Afrika.

107 Jahre später macht Tony Kershaw auf einer Bank vor dem Hauptpanorama Mittagspause. Der hoch gewachsene Engländer stammt aus Chester, hat aber schon mehr als die Hälfte seines Lebens in Hamburg verbracht, oder genauer gesagt in Stellingen. 1979 hat er bei Hagenbeck im damaligen Troparium angefangen, heute ist er Revierpfleger bei den Löwen und Straußen. »Im Prinzip sieht es hier tatsächlich noch so aus wie zur Eröffnung 1907«, sagt Kershaw, der erst vor ein paar Tagen den Sandboden im Gehege erneuert hat. Der Strauß weiß es zu schätzen, er wälzt sich auf dem Boden, spreizt das Gefieder und genießt das spritzige Sandbad. »Das sieht hier nicht anders aus als in Afrika«, sagt Kershaw, der das Gehege grundsätzlich nur dann betritt, wenn sich dort kein Tier mehr befindet. Das ist schon aus versicherungsrechtlichen Gründen so, denn die Tiere, mit denen er es zu tun hat, gehören zu den Kategorien »gefährlich« oder »sehr gefährlich«. »Ich genieße den Anblick noch immer, vor allem wenn ich früh morgens noch ganz allein bin. Hier befinde ich mich mitten in der Großstadt, aber zugleich ganz weit weg«, sagt Kershaw und fügt schmunzelnd hinzu: »Dieses Stück Afrika ist mein Königreich.« Auf den Einwand, der wahre König sei doch aber immer noch der Löwe, sagt der Engländer: »Ach was, die Löwen sind faule Socken. Der wirkliche König ist das Warzenschwein.« Dann erzählt er von dem dramatischen Moment, als er das erste Warzenschwein vor ein paar Jahren in das gemeinsame Gehege mit Zebras und Straußen gelassen hat. »Ich hätte gewettet, dass der Strauß sich durchsetzt, doch der stellte schon sehr bald fest, dass mit dem Warzenschwein überhaupt nicht zu spaßen ist. Da die Menschen dieses eher unscheinbare Tier oft unterschätzen, fordert es in der Wildnis mehr Opfer als etwa die Löwen.«

 

"Tigerzucht bei Hagenbeck"

Opfer gibt es bei Hagenbeck nicht. Die Löwen, die so malerisch ins Afrika-Bild passen, müssen nicht jagen, sie bekommen ihr Futter gratis. »Meine Löwen könnten auch gar nicht jagen, haben es ja nie gelernt. Wenn man sie in Kenia oder Tansania auswildern würde, hätten sie keine Chance und müssten verhungern«, sagt Tony Kershaw, der den Stellinger Raubtieren eine wichtige Funktion beimisst: »Sie sind die Botschafter der Wildnis, sie vermitteln unseren Besuchern einen Eindruck, wie die Raubkatzen aussehen und sich bewegen. Und ich hoffe, dass es die Menschen dazu bringt, etwas dafür zu tun, dass der Lebensraum dieser großartigen Tiere auch in Zukunft erhalten bleibt.«

Auf der Terrasse der Flamingo-Lodge, dem Tierparkrestaurant, treffen wir Dr. Claus Hagenbeck, den Enkel des Tierparkgründers, der einer der beiden Geschäftsführer ist. Nachdem er kurz mit Tony Kershaw geplaudert hat, sagt er: »Dass Tony von seinem Königreich spricht, ist ganz typisch für die Menschen, die hier mit den Tieren arbeiten, denn es sind wirklich ›ihre Tiere‹«. Und dann erzählt er, wie sein Vater Carl-Heinrich Hagenbeck als amtierender Tierpark-Chef in den 70er-Jahren einen Elefanten verkaufen wollte. »Die Elefantenpfleger Karl Kock und Horst Brügmann haben geheult wie Schlosshunde und meinem Vater gesagt, dass er das nicht tun könne. Und der hat das schließlich eingesehen und den Verkauf wieder abgeblasen«, sagt Claus Hagenbeck schmunzelnd.
Und was würde sein Großvater sagen, wenn er durch den heutigen Tierpark spazieren könnte? Wenn er durch den neuen Haupteingang mit dem 
nepalesischen Pagoden-Tempel treten würde, vorbei am neuen Tropen-Aquarium und der neuen Elefantenanlage? »Das frage ich mich oft. Manchmal versuche ich mir auch vorzustellen, was mein Vater zu dem heutigen Tierpark sagen würde, in dem sich so viel verändert hat«, sagt Claus Hagenbeck nachdenklich und erzählt, wie er das neue Orang-Utan-Haus geplant hat, das 2004 eröffnet wurde. Es ist ein 16 Meter hoher Kuppelbau mit einem Durchmesser von 32 Metern. Innerhalb von nur sieben Minuten lässt sich die transparente Halbkugel öffnen oder schließen. »So etwas hätte sich Carl Hagenbeck gar nicht vorstellen können, weil es die technischen Möglichkeiten seiner Zeit weit überstieg, aber es entspricht dennoch ziemlich genau seinem Konzept, die Tiere in einem naturnahen Panorama zu präsentieren«, sagt Claus Hagenbeck, und geht hinüber zum 2012 eröffneten Eismeer.

Das ist Hagenbecks neueste Attraktion, zugleich aber auch seine älteste. Nordlandpanorama hatte Carl Hagenbeck diese, zur Eröffnung als besonders spektakulär empfundene Anlage genannt. Fasziniert spazierten die Eröffnungsgäste durch eine fjordartige Landschaft, deren Authentizität geradezu perfekt erschien, weil sich hier Seelöwen, Robben und Eisbären tummelten. Man konnte die künstlichen Felsen sogar auf festgelegten Pfaden betreten und von oben »bis zu den Höhen Hamburgs am fernen rauchgeschwängerten Horizonte« blicken, wie es im Tierparkführer von 1907 heißt. Schon zwei Jahre später waren es vom Nordpol zum Südpol nur noch ein paar Schritte, denn nun eröffnete Hagenbeck einen südpolaren Landschaftsteil, den sein Neffe Heinrich Umlauff erstaunlich wirklichkeitsnah gestaltet hatte. Hier konnten die Besucher verschiedene Pinguinarten, Seelöwen und See-Elefanten beobachten. »Im Zweiten Weltkrieg wurde unser Eismeer dann stark beschädigt, insgesamt etwa 70 Prozent des Tierparks fielen den Bomben 1943 zum Opfer«, sagt Claus Hagenbeck, und erzählt vom ebenso schwierigen wie erfolgreichen Wiederaufbau nach 1945.
Dass das in der Nachkriegszeit in vereinfachter Form rekonstruierte Eismeer wesentlich zu Hagenbecks Popularität beigetragen hat, ist auch einem besonderen Tier zu verdanken, dem pazifischen Walross »Antje«. Der schnauzbärtige Meeressäuger, der von 1984 bis 2001 dem benachbarten NDR als Wappentier diente und im Fernsehen auch als Pausenfüller posieren durfte, war ein Hamburger Publikumsliebling. Heute befindet sich »Antje« als dermaplastisches Präparat im Zoologischen Museum der Hamburger Uni. Mit 27 Jahren hatte »Antje«, die Claus Hagenbeck übrigens mitten im Kalten Krieg aus dem Moskauer Zoo geholt hatte, ihr durchschnittliches Lebensalter weit überschritten. Bei ihrem Gehege war es leider nicht anders. Schon Anfang des 21. Jahrhunderts zeigten sich in dem Kunstfelsengebirge erhebliche Schäden, 2009 schließlich wäre der weitere Betrieb nicht mehr zu verantworten gewesen.

»Wir brauchten dringend eine neue Anlage und mussten diese innerhalb von sehr kurzer Zeit realisieren. Und das war für alle Beteiligten eine 
enorme Herausforderung«, sagt Claus Hagenbeck, der nun Dirk Stutzki begrüßt, den Revierpfleger des neuen Eismeers. Verglichen mit der in die Jahre gekommenen historischen Nachkriegsanlage ist der 2012 eröffnete Neubau ein Quantensprung. Einen Dreiviertelkilometer lang ist der Weg, auf dem die Besucher nord- und südpolare Tiere und Landschaften erleben, aber auch über Lebensbedingungen, Tierschutz und Polarforschung informiert werden. »Wir haben hier völlig neue Möglichkeiten. Die vielleicht wichtigste Neuerung sind die vielen Einsichtsscheiben, die es den Besuchern möglich machen, die Tiere auch unter Wasser zu beobachten«, sagt Stutzki, der höflich zur Seite tritt, als sich eine Schulklasse vor dem Eisbärgehege aufstellt. »Wie im Kino«, sagt eine Zwölfjährige, als die massige Eisbärin Victoria vom Felsen ins Wasser springt. Durch die Scheiben können die Teenager sehen, wie sie sich unter Wasser dreht und geschickt nach einem Ball greift, ihn nach unten drückt und wenig später loslässt, sodass er an die Oberfläche schwebt, wo sie ihn gleich wieder erhascht.

 

"Antjes Nachfolger"

Auch die Robben, die Pinguine und die anderen Meeressäuger kann man nun über und unter Wasser beobachten. Auf einem Felsen liegen draußen gleich vier Kolosse, dicht aneinander gekuschelt halten sie ein Vormittagsschläfchen. Es sind Walrosse, »Antjes« Nachfolger. Am 15. Juni gab es hier sogar Nachwuchs. Das Walross-Baby, das bisher erste und einzige seiner Art, das in Deutschland geboren wurde, brachte satte 57 Kilo auf die Waage.

Denkt Dirk Stutzki trotzdem noch manchmal an »Antje«? Der Tierpfleger lächelt und nickt. »Doch, doch, ich denke oft an sie. Und manchmal stelle ich mir auch vor, wie es ihr wohl in unserem neuen Eismeer gefallen hätte«, sagt der Tierpfleger, der Antje am Morgen des 17. Juli 2003 tot in ihrem Gehege gefunden hat. Jetzt muss er nicht nur ein Walross betreuen, sondern gleich vier. Überhaupt hat sich vieles verändert. »Früher war ich im Eismeer oft allein, heute muss ich mich hier viel mehr mit Kollegen abstimmen. Vor allem gibt es viel mehr Technik zu überwachen und zu bedienen«, sagt Stutzki, der viele seiner Ideen und Erfahrungen in die Planungen mit einbringen konnte.

Wenig später sind wir im neuen, zum 100. Jubiläum 2007 eröffneten Tropenaquarium gleich neben dem Haupteingang mit Joachim Weinlig-Hagenbeck, dem anderen Geschäftsführer, zum Fototermin verabredet. Im Eingangsbereich, der einer Siedlung auf Madagaskar nachempfunden wurde, sitzt er auf einer Bank und wird von Kattas belagert, den possierlichen Halbaffen, die es in Freiheit nur auf der afrikanischen Tropeninsel gibt. Die Besucher können ihnen hier ganz unmittelbar begegnen, dürfen sie aber nicht berühren oder streicheln. »Umgekehrt gilt das nicht«, sagt Weinlig-Hagenbeck schmunzelnd, an dem jetzt ein Katta hochklettert und dem Tierpark-Geschäftsführer seinen langen Schwanz um den Hals legt. Wenig später spricht Weinlig-Hagenbeck in seinem Büro über Veränderungen und darüber, wie sich der berühmte Tierpark in den letzten zwei Jahrzehnten gewandelt hat. »Als ich 1988 in die Geschäftsführung eintrat, waren wir ein reiner Saisonbetrieb. In der kalten Jahreszeit, als kaum Besucher kamen, hatten wir Mühe, die laufenden Kosten zu decken«, erinnert er sich an eine Zeit, in der es um die Zukunft des traditionsreichen Tierparks nicht gut bestellt zu sein schien.

Also war ein neues Konzept erforderlich, und dafür mussten neue Geldquellen erschlossen werden. Wie hilfreich privates Engagement sein kann, zeigt sich 1998, als die »Stiftung Tierpark Hagenbeck« und der »Verein der Freunde des Tierparks Hagenbeck e. V.« gegründet werden. Ihre Unterstützung allein reichte aber nicht aus, auch die Stadt, die sich dank Hagenbeck die hohen Kosten für einen kommunalen Zoo sparen kann, sollte helfen. »Das ist auch geschehen, zum Bau des Orang-Utan-Hauses steuerte Hamburg 4,6 Millionen bei, zehn Millionen für das Tropenaquarium und für das Eismeer 7,5 Millionen aus einem Investitionsprogramm«, sagt Weinlig-Hagenbeck, der sich aber auch um weitere Finanzquellen bemühte. So gab die Stadt schließlich grünes Licht für umfangreiche Grundstücksverkäufe, durch die jene Mittel erwirtschaftet wurden, mit denen Hagenbeck seine neuen Projekte überhaupt erst finanzieren konnte. 
Neben den neuen Tierhäusern und Panoramen gehört dazu auch das 2009 eröffnete Lindner Park-Hotel Hagen-
beck, das weltweit erste Tierpark-
Themenhotel. »Heute sind wir kein Saisonbetrieb mehr, sondern haben das ganze Jahr über Besucher. Wir besitzen eine attraktive Gastronomie, bieten Veranstaltungen wie die Romantiknächte an und verdienen auch mit Vermietungen Geld«, sagt der Geschäftsführer. So kann zum Beispiel vor der 14 Meter langen Scheibe des Haifisch-Atolls im Tropenaquarium eine festlich gedeckte Tafel aufgestellt werden – für ein Dinner am Meeresgrund. Diese wie viele andere Ideen stammen übrigens von Dr. Stephan Hering-Hagenbeck, der als Projektverantwortlicher nicht nur für die 2006 eröffnete Elefantenhalle, sondern auch für das Tropenaquarium und das Eismeer, die jüngste Attraktion des Tierparks, zuständig war.

Ob Hagenbeck heute tatsächlich kein Saisonbetrieb mehr ist, darüber haben die beiden Geschäftsführer unterschiedliche Ansichten. »Natürlich haben wir auch im Winter Besucher im Tropenaquarium, aber nach wie vor kommen in der kalten Jahreszeit nur wenige Menschen in den Tierpark«, sagt Claus Hagenbeck, der auch die wirtschaftliche Situation in der Zeit vor den großen Investitionen der letzten Jahrzehnte anders beurteilt: »Als privater Tierpark, der nicht subventioniert wird, war es für uns nicht immer einfach, trotzdem haben wir immer solide gewirtschaftet und konnten zu jeder Zeit unseren Verpflichtungen nachkommen.« Aber dass Hagenbeck auf einem guten Weg ist, darüber herrscht Einigkeit. So geht auch an Joachim Weinlig-Hagenbeck die Frage, was der legendäre Tierparkgründer zu all den Neuerungen sagen würde. Die Antwort kommt spontan: »Hagenbecks Idee ist noch immer überzeugend, wir müssen sie nur immer wieder zeitgemäß und neu interpretieren. Genau das haben wir getan, und der Erfolg gibt uns Recht. Unsere Besucherzahlen sind stabil, 2013 kamen 1,7 Millionen Menschen zu uns«, sagt er und fügt hinzu: »Und um Ihre Frage ganz konkret zu beantworten: Wenn Carl Hagenbeck zum Beginn des 20. Jahrhunderts die technischen Möglichkeiten gehabt hätte, die uns heute zur Verfügung stehen, hätte er seinen Tierpark genau so gestaltet, wie wir es in seinem Sinne getan haben. Davon bin ich fest überzeugt.«

Inzwischen ist die Kita-Gruppe im Eingangsbereich des Tropen-Aquariums angekommen. »Nicht anfassen! Ihr müsst ganz still sein, dann kommen sie von ganz alleine«, sagt die Kindergärtnerin zu den Vier- und Fünfjährigen, die die Kattas aufgeregt und fasziniert beobachten. Drei Mädchen und ein Junge haben sich auf die Bank gesetzt, und tatsächlich dauert es nicht lange, bis einer der possierlichen Halbaffen zu ihnen kommt. Behutsam klettert er den Kindern mit den roten Mützen über die Knie und kuschelt sich schließlich dem ganz rechts sitzenden Mädchen auf die Schulter. Die Kinder können ihr Glück kaum fassen.

Fotos Marcelo Hernandez | Text Dr. Matthias Gretzschel