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The Big Five

ANSICHTSSACHE

St. Petri

Luther hielt nicht viel vom Pilgern. Für ihn war das katholische „Geläuff“ reines „Narrenwerk“.
Darin folgt ihm Hape Kerkeling in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“, wo er nichts Gutes über
religiöses Wandern sagt. Dennoch hat dessen Beschreibung seiner Erlebnisse auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela den „Kerkeling-Effekt“ begründet. Der Bestseller von 2006 löste einen Boom der inneren Einkehr zu Fuß aus. Und beförderte auch evangelisches Langwandern, für das in Hamburg die Kirche des Pilgerheiligen St. Jakob verantwortlich ist.

In Santiago de Hamburgo gibt es mit Bernd Lohse einen Pilgerpastor mit eigener Seitenkapelle. Und solche Vernetzungen sind enorm wichtig in einer Altstadt, wo die Kirche das letzte Alte ist.
Der stetige Umbau einer dichten Wohn- in eine reine Geschäftsstadt hinterließ in Hamburg wunderschöne Gotteshäuser ohne Gemeinde. Und St. Jacobi hat es am härtesten getroffen mit seinem Kirchspiel im Kontorhausviertel. Hier betet man das Geld an, aber hier wohnt niemand mehr.
Entsprechend, sagt Hauptpastorin Astrid Kleist, suche sie ihre Gemeinde über Themen. Denn aus der Not eine Tugend machend wurden die Hamburger Hauptkirchen im unbehausten Wallring
zu Kirchen der ganzen Stadt ernannt. Von der Obdachlosenhilfe bis zur Polizeiseelsorge, von der Trauergruppe des UKE bis zu Flüchtlingen reicht das Spektrum gesellschaftlicher Teilbereiche, um das sich Astrid Kleists Kirche kümmert. Und auch die alten Verbindungen zu den Zünften hält
die Liturgie in St. Jacobi am Leben. Maler und Fischer finden hier ihre schönen Altäre. Nur der
goldene Trinitatis-Altar hat seine Berufsgruppe verloren: die Fassmacher.

Überhaupt ist das gemein eingekeilte Gotteshaus im Hinterhof der Mönckebergstraße kunst-
historisch das spannendste seiner Art. Das meistgelobte Instrument der Stadt, die Arp-Schnitger-
Orgel von 1693, sorgt hier für den erhabenen Klang. Zahlreiche Gemälde und Kunstschätze
schmücken den eher intimen Kirchenraum. Aber auch die Eingriffe des Wiederaufbaus machen
die östlichste Spitze der Big Five einmalig. Als einzige Innenstadt-Kirche erhielt sie 1962 einen zeitgenössisch gestalteten Turm im Stil skulpturaler Moderne.

Diese Collage historischer Schichten aus sieben Jahrhunderten versteckt viele überraschende Orte. Im Sakristei-Anbau von 1438 findet sich ein prachtvoll dekorierter „Herrensaal“ mit Wappen­wänden und barbusigen Tugenden an der Decke. Im südlichen Turmjoch ist eine Restaurierungswerkstatt untergebracht, die wie eine mittelalterliche Bauhütte erscheint. Und die Rekonstruktion des alten Kirchengewölbes nach dem Krieg hat über der Decke eine bizarre Landschaft von verschnürten Betoneiern unter dem leeren hohen Spitzdach hinterlassen, die wie ein Monumentalkunstwerk wirkt, obwohl es nie zur Ansicht bestimmt war. Die 1255 als Pilgerkapelle außerhalb der Stadtmauer gegründete Kirche besitzt also auch 2021 noch die Anziehungskraft des Außerirdischen. Hinpilgern lohnt.



St. Katharinen

Frank Engelbrechts Tochter hat ihn kürzlich gefragt: „Papa, warum werden eigentlich keine Altbauten mehr gebaut?“ Die lustige Frage steckt natürlich voll kindlicher Weisheit. Die Stadt vor dem Zweiten Weltkrieg, wo jedes Gebäude seinen eigenen Charakter hatte, die Blöcke und Quartiere voller Leben steckten, weil in ihnen gewohnt, gearbeitet, gespielt und eingekauft wurde, ist nach dem Bombenschaden einer Technokraten-Idee zum Opfer gefallen: der einer modernen Ordnungsstadt mit streng getrennten Bereichen und Vorfahrt für Auto und Abrissbirne.

Das hat das tote Geschäftszentrum der Innenstadt hinterlassen, das solche Sehnsuchtsfragen provoziert. Zumal, wenn man in der Innenstadt wohnt wie Frank Engelbrecht und seine Familie. Der Gemeindepfarrer von St. Katharinen lebt in einem Nachkriegsanbau an der Kirchenwand, genau an der Stelle, wo mit dem Turmschaft die älteste noch stehende Bausubstanz Hamburgs aus dem Jahr 1250 zu finden ist. Und die Menschenleere nach Geschäftsschluss an der Altstadtküste gegenüber der Speicherstadt lässt nicht nur Kinder fragen, warum ihr altes Gebäude etwas Magisches besitzt, das dem restlichen Viertel leider verloren ging. Engelbrecht nennt es „Spiritualität“. Aber das ist ein sehr weit gesteckter Begriff bei diesem in der Stadtentwicklungspolitik engagierten Pastor. Es meint weniger etwas Mystisches, wie es in seinem Kirchengebäude empfunden werden kann. Das „Spirituelle“ ist für Engelbrecht Ausdruck für alles, was die autogerechte Stadt systematisch ausgelöscht hat: das Kleinteilige, Gemischte, Lebendige, aber auch das Schöne, Beschauliche und Undefinierte. St. Katharinen als Ausgangspunkt dieser Kritik ist deswegen so etwas wie die Stadtkulturkirche Hamburgs.

Diese Rolle ist schon historisch bedingt, denn das Kirchspiel, das die fünf Altstadtinseln umfasste, hat in den 770 Jahren seiner Geschichte die größten Umwälzungen erlebt: die Zerstörung der barocken Stadtteile Wandrahm und Kehrwieder für die Speicherstadt, die vielen Feuersbrünste mit Krieg und ohne oder den Durchbruch der Ost-West-Straße. Dafür ist St. Katharinen heute die einzige der Kirchen im Wallring, die eine richtige Gemeinde hat. Weil man in dem so wenig spirituellen Hamburg neue Quartiere nicht mehr um ein Gotteshaus herum baut wie früher, schlug man ihr die Hafencity zu. In St. Katharinen verbindet sich deshalb umso zeitgemäßer Sorge um Stadt, um Seelen und Soziales.
Die Kirche selbst wurde wie die Nachbarkirche St. Nikolai im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört, aber anders als diese wieder in Funktion gesetzt. Sie sieht heute mit ihrem barock rekonstruierten Turm und den gotischen Fenstern wie ein relativ unbeschadetes Zeugnis des alten Hamburgs aus, ist von den Hauptkirchen innen aber die ästhetisch protestantischste. Ihr kultureller Schwerpunkt ist eindeutig die rekonstruierte Barockorgel von 1720, ein Kriegsverlust, der durch 3,2 Millionen Euro Spenden 2013 wieder auferstehen konnte. Altes neu bauen? Geht doch.



St. Nikolai

Der schwarze neogotische Glockenturm, der heute ohne Kirchhaus an der sechsspurigen Willy-Brandt-Straße steht, war bei seiner Fertigstellung 1874 der höchste der Welt. Mit 147,3 Meter ist er noch immer der vierthöchste Kirchturm Europas. Aber das macht ihn nicht so besonders im Gruppenfoto Hamburger Spitzen. Zwar ist der gläserne Aufzug zur Aussichtsplattform auf halber Höhe bei 76 Metern, wo ein fantastischer Blick über die Stadt vorbei an dämonischen Wasserspeiern wartet, für viele Touristen der erste Grund, St. Nikolai anzusteuern. Aber die spezielle Bedeutung dieser Ruine ist weder touristisch noch religiös oder architektonisch, sondern historisch, herausfordernd und herzergreifend.

Denn als Mahnmal für die Zerstörung Hamburgs im Zweiten Weltkrieg ist das verkohlte Fragment von St. Nikolai gleichzeitig eine Warnung gegen jede Eskalation, die in den Krieg führt. Und damit auch immer ein Ort, der die Frage stellen muss, wie man des Grauens von Feuersturm und Bombenkrieg in Hamburg gedenkt, ohne die großen historischen Zusammenhänge aus dem Auge zu verlieren, die zu dieser Heimatvernichtung mit 34.000 Toten und diversen ausgelöschten Stadtteilen führte – für die der herausragende Turm von St. Nikolai den Bombern als Zielmarke diente.

Dieses Gedenken findet inhaltlich im Kellergewölbe der Kirche statt, wo die große Ausstellung „Gomorrha 1943“ sehr differenziert das Thema des Bombenkriegs und seiner politischen Vorgeschichte darstellt – aber auch die Geschichte des Kirchenstandorts von der ersten Kapelle im 12. Jahrhundert über diverse Vorgängerbauten bis zum Brand im Phosphorbombenfeuer. Versuche, das Erinnern an Nazi- und Bombenterror künstlerisch anzuregen, finden sich auf der offenen Plattform des ehemaligen Kirchenraums, der ebenso wie bei St. Katharinen nach dem Krieg hätte rekonstruiert werden können, aber stattdessen 1951 bis auf ein paar Fragmente abgetragen wurde. Wie so vieles in der kriegsversehrten Stadt, was man auf alten Luftbildern in der Ausstellung noch recht intakt sieht.
Diese Kunstwerke stellen die unterschiedlichen Ansätze dar, wie nach dem Krieg Gedenken stimuliert werden sollte. Von einem Ecce-Homo-Mosaik von Oskar Kokoschka im stehen gebliebenen Chorfragment im Osten bis zu einem verwitterten Steinquader mit Bohrlöchern vor der Kirche auf dem Hopfenmarkt von Ulrich Rückriem zeigt diese Freiluftausstellung das ganze Nachkriegsprogramm von figürlich bis abstrakt, mit dem das Unbegreifliche symbolisiert werden sollte.

Doch letztlich ist es der Kirchturm selbst, der als isoliertes rußschwarzes Fragment im Herz der Stadt die stärkste Sendung hat. Während die neue Hauptkirche St. Nikolai am Klosterstern in moderner Architektur von Gerhard Langmaack erstand, bleibt das romantisch gemeinte neogotische Stammhaus ein weit sichtbarer Ort des Schauderns. Damit es auch ein Ort des Innehaltens werden kann, müsste allerdings endlich die Stadtautobahn daneben stillgelegt werden.


St. Michaelis

Sie ist die prominenteste Kirche der Stadt und die Kirche der Prominenten. St. Michaelis auf dem Berg mit dem markanten Turm, der nach seiner Neuverhüllung in Kupfer vor zehn Jahren irgendwann auch mal wieder patinagrün sein wird, ist der Ort, in dem sich die Stadt repräsentiert. Siegfried Lenz, Helmut Schmidt und Jan Fedder erhielten hier ihr letztes feierliches Geleit, das extra beinfreie Senatsgestühl mit dem wulstig geschnitzten und löwenbewehrten Stadtwappen füllt sich zu Gedenkgottesdiensten mit der Staatsspitze, und auch die Linken aus dem benachbarten St. Pauli treten hier manchmal überraschend mit Transparenten auf, wenn es um wirksame Sichtbarmachung brisanter Themen geht.

Solch eine Kirche braucht nicht nur einen Hauptpastor an ihrer Spitze, sondern einen Hauptpastor mit Showqualitäten. Und das ist kein bisschen abwertend gemeint. Wer das Privileg genießen durfte, von Alexander Röder eine historische Stunde zur Geschichte des Hamburger Wahrzeichens zu erhalten, weiß für alle Zeiten, was lebendige Kirche bedeutet. Röder kann von der eigenwilligen Konzeption Sonnins, der die Menschen der Neustadt auf ihrem Weg zur Hafenarbeit durch die Kirche führen wollte, ebenso mitreißend erzählen, wie er das Platt nachmachen kann, in dem die Armen sich darüber beschwert haben mussten, als man ihren Michel mal in „St. Salvator“-Kirche umbenennen wollte.
Die ganze erlebnisreiche Bau- und Zeitgeschichte dieser jüngsten Hamburger Hauptkirche weiß Röder schillernd, schnell sprechend und mit Supergedächtnis plastisch darzustellen. 1600 als Kapelle auf einem Pestfriedhof von St. Nikolai vor der Stadtmauer begründet, musste St. Michaelis mit der wachsenden Arbeiterstadt im Westen innerhalb des neuen Wallrings bald mit einem ersten Kirchenbau vergrößert werden. Und nach einem dieser Brände, die alle Hamburger Kirchen mal hinweggerafft haben, wurde der Michel ab 1751 in der barocken Konzeption von Ernst Georg Sonnin (der gar kein Architekt war) und Johann Leonard Prey (der Sonnin nicht ausstehen konnte, wie Röder zu berichten weiß) in Holz erbaut.

Natürlich brannte auch der Bau ab, 1906 nach Handwerkerarbeiten. Doch obwohl Fritz Schumacher, der damalige Oberbaudirektor, lieber was Backsteinmodernes an der Stelle errichten wollte, setzte sich Volkes Wille durch. Michel blieb Michel, nur jetzt in Stahlbeton. Aber das sieht ja keiner. Und es hat auch nicht wirklich was genützt, was das Bauen betrifft. Seit 1983 wird hier ständig saniert und erneuert. Als Nächstes soll ein neues Besucherzentrum entstehen. Denn die ganzen Superlative des Michels (größte und berühmteste Kirche der Stadt mit der größten Uhr Deutschlands und den meisten Orgeln) führen 1,5 Millionen Besucher in das elegante Innere. Nur der Satan muss leider draußen bleiben. Da hat der Erzengel Michael vor dem Westportal seinen Fuß drauf. Auch das eine Show.

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Die Bildstrecke finden Sie in unserer Ausgabe 50

Fotos: Matthias Plander | Text: Till Briegleb

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