Spotlight – Koppel 66

AUTORIN: SVENJA HIRSCH  

FOTOS: GIOVANNI MAFRICI

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 38

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Unter dem Dach der alten Maschinenfabrik lebt einer, Tag und Nacht mit rund 500 Leinwänden und 2000 Zeichnungen. Michael Sazarin öffnet die Tür. Hinter ihm Bilder, gewaltig, Tiefe, als könne man hineinsteigen. Sazarin, wie er Farbe von oben auf die liegende Leinwand gießt. „Ich male aus Lösungen Rätsel. In jedem Bild sind zig Techniken vereint. Ich bin wie ein Koch, der eine richtig gute Soße kreiert.“ Abstrakte Farbwelten, Figuren aus der Mythologie. „Jeder sieht, was er in sich trägt. Der eine erkennt überall Busen, ein Besucher von der Langen
Reihe sah in meinen Bildern nur Penisse.“


Wenn er spricht, wenn er sich aufrichtet und ein Gedicht auswendig spricht, steckt man in einer Zeit, in der Kunst noch groß war. Sazarin, 74 Jahre, prallgefülltes Leben. 1943 als Sohn von Balletttänzerin Maria Sazarina geboren, zwei Jahre darauf in Hamburg, nahe Hochkamp aufgewachsen, Gustav-Schwab-Straße. Mit 18 Jahren in die USA, boxen, Teil einer Elite-Kampfeinheit der Army. Lernte wahnwitzig schnell Englisch. Drogen, Alkohol und Schlägereien begleiten ihn lange. „Die Kultur kam, als ich 26 war. Es war leer in mir.“ Diese Stimme im Kopf, dass es da noch etwas anderes gibt. „Schuld und Sühne“ von Dostojewski, dann begann er selbst zu schreiben. Durch die Arbeit im Kinderheim – Sazarin nennt es Schicksal – geriet er an die Kunst. „Ich bin Autodidakt, habe mir alles angelesen. Heute habe ich die ganze Welt im Kopf.“ In seinem Atelier türmen sich die Bücher, bilden das Tor zu seinem „Wohnzimmer“. Bett, Küchenecke, fertig. Sazarins Bedingung, als er 1981 in die Koppel 66 zog:

 

„Ich muss hier leben, bei meinen Kindern, den Bildern.“

Der Einzige, mit Sondergenehmigung. Wenige Quadratmeter, umringt vom eigenen Leben. In sein Bett kommt nur Susi, sein iPad. „Ich bete stets ‚Herr, schick mir keine Krankheiten und keine schönen Frauen mehr.‘ Mit Frauen komme ich nicht zur Ruhe. Die letzten habe ich vorsätzlich verjagt, indem ich zwei Flaschen Wein getrunken habe und hier über den Boden gekrochen bin.“ Einst Alkoholiker, konnte nicht mehr malen, ging auf Entzug. Selbstrettung. Alles, seine komplette Lebensentscheidung für die Kunst, gegen das konventionelle Leben. „Manche halten mich für einen Spinner, die anderen für ein Genie.“ Beim Blick auf die Bilder: letzteres.

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