Hamburger Fischmarkt

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Text: Steffi von Wolff | Fotos: Julia Schwendner

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 55

Eins muss man dir lassen, Hamburg: Du kriegst einen immer wieder. Wenn deine Elbe in träger Gelassenheit vor sich hinfließt, die Werft gegenüber in der Dunkelheit blinkt und leuchtet, der Mond so langsam verschwindet und dem Morgengrauen Platz macht – da bequemst du dich, du arrogantes Stück, ein bisschen zur Seite zu rücken, jedenfalls für ein paar Stunden, und lässt den bodenständigen Fischmarkt aufwachen. „Wir wachen schon früher auf“, sagt Schnipsel-Dieter, „im Sommer um zehn vor zwei, damit wir aus Schleswig-Holstein pünktlich zum Aufbau hier in Hamburg sind.“ In den Sommermonaten macht der Fischmarkt um fünf Uhr auf, im Winter um sieben. Seit 1990 ist Dieter mit kurzen Unterbrechungen hier. „Klar auch wegen der Pandemie, aber auch manchmal wegen Hochwasser. Das ist immer ein Zirkus, erst heißt es, ach was, das Wasser kommt nicht hoch. Ich sag’, dann schaut doch mal hin, es blubbert ja schon über die Mauer. Och, sagen sie, das bleibt da schon. Das kommt nicht näher. Aber ich hab’ ja Augen im Kopp. Und schon kommt es rüber zu uns, vorher schon aus den Sielen, da wird es hochgepresst, ich denk’ dann immer nur: Hoffentlich kommen wir weg.“

Sind sie bis jetzt ja jedes Mal. Schnipsel-Dieter ist stolz auf sein Angebot. „Meine Gigant-Multi-Hobel halten 20 Jahre“, erklärt er. „Damit kann man alles schneiden, alles, alles.“ Er hat auch noch Reiben und Messer im Angebot. „Wirklich sehr scharf.“ Das glaubt man spätestens dann, wenn man sich aus Versehen in den Finger geschnitten hat. Schnipsel-Dieter führt lautstark seine Produkte vor – so wie viele der Betreiber. Wer brüllen kann, ist hier richtig. Wer als Kunde stehen bleibt, hat fast schon verloren, die Jungs wissen, wie man die Leute überzeugt. „Nun komm und lauf nicht so steif, soll ich dir ’ne Nackensalbe geben?“, hört man da, oder auch: „Mönsch, nun mach deine Frau doch mit meinem Schmuck noch schöner.“

Ja, der Fischmarkt. Seit über 300 Jahren gibt’s ihn, den ollen Kerl. Der Grund, warum es ihn gibt, ist einfach erklärt: Viele Händler hatten sonnabends noch Fisch übrig, bis Montag hätte der nicht gehalten, und sonntags war ja alles zu. Also bekamen sie die Erlaubnis, den Markt zu eröffnen. So ist das bis heute geblieben, und immer mehr an Angebot kam dazu. Der echte Hamburg-Besuch, so sagen viele, ist nur dann was wert, wenn man eine Nacht auf dem Kiez durchgemacht hat und dann runter auf den Fischmarkt schwankt. Mit zwei Promille ist man gern bereit, sich eine Tüte voll mit Schinken und Würsten aufbrüllen zu lassen, und wenn man vor Schoko-Jonny steht, ist eh alles zu spät. Man möchte Jonny eine Stimmbandölung bezahlen oder ihn zumindest großzügig mit Lutschpastillen versorgen. Diese Stimme geht durch Mark und Bein und droht ständig zu kippen, aber Jonny hält durch.
„Und ich mach’ noch Oreo rein und noch Schokolade und noch, und noch, und noch …“ Und das alles für zehn Euro. Ein Schnäppchen, klar. Schon hat man eine weitere Tüte am Wickel und wandert jetzt mit Wurst und Schokolade weiter.

Am anderen Ende: Fisherman Uwe. Hier muss man schon tiefer in die Tasche greifen, aber das schreckt viele nicht ab. Ein Herren-Troyer (für Nicht-Seeleute: Das sind dick gestrickte Wollpullover mit kurzem Reißverschluss, die von, richtig, Seeleuten getragen werden. Und warum? Ja! Weil sie wärmen, denn auf See ist nix mit Romantik pur und „Junge, komm bald wieder“) kann schon mal 250 Euro kosten, aus Kaschmir sind sie noch teurer. „Aber“, das sagt der dienstälteste Mitarbeiter Phillip, „die halten ewig.“ 1969 ist das Geschäft gegründet worden, es gibt Hemden und Troyer für Damen, Herren und Kinder.
„Ich hab’ mal ’ner hübschen Frau einen Kinder-Troyer verkaufen wollen, da sagte sie: ‚Was will ich damit, ich hab’ ja noch nicht mal ein Kind?‘ Ich: ‚Och, das ist ja schade.‘ Sie lachte und meinte: ‚Aber vielleicht können wir das ja eben mal erledigen.‘“ Phillip lacht. „Ist aber nichts draus geworden.“ Schade eigentlich. „Wusstest du übrigens, dass wir hier auf dem Fischmarkt eine Geheimsprache hatten?“ – „Warum?“ – „Ganz einfach, wegen der Steuer.

Hier auf den Markt kommen ja auch mal die Leute vom Finanzamt. Wir sind ja nicht blöd. Also haben wir uns eine eigene Sprache ausgedacht.“ Die wie geht?„Na ja, zum Beispiel ‚Ick hepp mi en Scharett köppt for drej Tilofen.‘ Was heißt das?“ Ahnungsloses Schulterzucken, klar. Das ist ja auch der Sinn der Sache.
„Das heißt: ‚Ich hab’ mir ein Auto für 3000 Mark gekauft.‘ Natürlich vom nicht versteuerten Geld. So haben wir das hier gehandhabt.“ Eben. Man ist ja nicht blöd. Ah, da sind ein paar promillebeladene Nachtschwärmer, die mit glasigen Augen, dank Schoko- und Wursttüten gut gelaunt um ein gemeinsames Foto bitten. „Ich hab’ hier meine Frau fürs Leben kennengelernt“, sagt ein 22-Jähriger aus Börnsen verliebt. „Schau doch mal, dieses Lächeln.“ Nun. „Ist sie nicht wunderschön? Ich kauf’ jetzt noch Fisch für meinen Opa, dann frag’ ich sie, ob sie mich heiraten will, obwohl sie schon gesagt hat, ich bin ihr zu jung, sie ist 32, aber Alter spielt doch bei Liebe keine Rolle, oder? Sag doch mal, sag doch mal!“ „Nein, natürlich nicht.“ „Genau, jetzt brauch’ ich also erst Fisch für’n Opa, dann …“

Schade, dass man nie erfahren wird, was aus der Geschichte geworden ist. Während Schnipsel-Dieter und Schoko-Jonny vor sich hinbrüllen, geht’s weiter. Da kommt auch schon Vogel-Jockel mit seinem Wägelchen angefahren. Eigentlich heißt er Jürgen Gessel, und er verkauft Flöten, mit denen man Vogelstimmen imitieren kann. „85 bin ich jetzt“, erzählt er. „Vor 75 Jahren hab’ ich als Schüler angefangen, hier auf dem Fischmarkt auszuhelfen, und dann hab’ ich irgendwann mit den, ich nenn’ sie Nachtigall-Flöten, angefangen. Man muss die kleinen Dinger in den Mund nehmen und nass machen, dann kann man damit ganz tolle Vögel nachmachen. Einfach auf die Zunge legen, ist echt für Doofe.“

Aha. Es gelingt nicht so richtig. Deswegen ist es wohl auch für Doofe. In der Gebrauchsanweisung steht, dass man die Flöte, wenn sie nass ist, gegen den Gaumen drücken soll, dann kann man Spatz (zip, zip, ziep), Kohlmeise (sizi däh), Amsel (zi ruh, beu, hau, ba h-die, di di) und anderes pfeifen. Wenn man es denn kann eben. „Ich war in ganz Europa unterwegs“, so Vogel-Jockel. „Aber der Fischmarkt war und ist für mich immer besonders. Jetzt bin ich Rentner und immer noch dabei. Hier, nimm noch eine Flöte, da kannst du üben.“ Das ist nett. „Übrigens, wusstest du schon, dass Aale-Dieter und ich Gründungsmitglieder vom Fischmarkt sind? Vor 300 Jahren waren wir dabei und sind noch gut erhalten. Na ja, wir riechen vielleicht ein bisschen streng.“ Er lacht und tippt an seinen Hut.

Eigentlich wäre jetzt ein Besuch bei Aale-Dieter fällig, aber von gegenüber kommt: „Och, zum Dieter gehen sie alle, kommt doch auch mal hierher.“ Am Stand der Sockenbaroness gibt’s selbst gestrickte Socken in Hülle und Fülle. Mit Herzen, mit Ankern, mit Hamburg-Wappen, gepunktet, gestreift und alle ganz warm dank Schafwolle mit Merino. Birger und Kati unterstützen mit dem Sockenverkauf vier Familien aus dem Kaukasus, und diese Socken sind wirklich verdammt warm. „Wir kaufen die Wolle bei diesen Familien und helfen dadurch“, erzählt Birger. „Die einen haben die Schafe, die anderen die Strickmaschine, und so hilft man sich gegenseitig.“ Klar, dass man hier was kauft. Geht ja gar nicht anders.
Nun aber rüber zu … „Sie ist weg.“ Der junge Mann aus Börnsen steht hilflos da. „Was soll ich denn jetzt machen?“ Tja. Er strahlt und wedelt mit der Schinkentüte. „Ach, da ist sie ja.“ Weg ist er. Glück gehabt.
Jetzt endlich zu Aale-Dieter. Dieter Bruhn, man muss es einfach sagen, ist kein Mann, sondern eine Erscheinung. Der Hans Albers vom Fischmarkt. Diese phänomenalen blauen, leuchtenden Augen, die einen anstrahlen, sodass man sich ganz schnell verliebt, obwohl der Mann seit Januar 83 Jahre alt ist.
Aale-Dieter ist gelernter Maschinenschlosser. „Nicht nur das. Ich hab’ auch eine Gesangsausbildung, bin Tenor“, erwähnt er stolz. „Hab’ auch schon was rausgebracht. Ich bin jetzt hier auf dem Markt im 64. Jahr.“
Wie bitte? Das ist ja seit … „1959, ganz richtig.“

Dann hat er ja noch ein bisschen was von der Wirtschaftswunderzeit mitbekommen. „Und ob. Das waren schöne Zeiten. Da haben die Leute miteinander ge­redet und nicht aufs Handy geguckt so wie heute. Die Menschen waren viel dankbarer und haben Dinge mehr wertgeschätzt. Heutzutage kommen doch immer mehr die Ellenbogen zum Einsatz, jeder denkt an sich selbst, das finde ich furchtbar. Auch diese Digitalisierung von allem. Es geht doch nichts über echte Kommunikation, oder? Das merke ich doch auch, wenn ich hier stehe und meine Aale verkaufe. Da guckt niemand auf sein Telefon.“
Angefangen hat er damals beim Aale-Wilhelm und ist mit ihm durch ganz Deutschland gefahren. „Immer auf die Märkte, war auch immer interessant“, sagt Dieter. „Aber irgendwann wollte ich allein für mich arbeiten. Erst hab’ ich noch für Caviar-Christensen gearbeitet, dann war ich irgendwann selbstständig, und das hab’ ich nie bereut. Was mein Geheimnis ist? Hm. Ich bin authentisch und ehrlich. Bin seit 60 Jahren verheiratet, und ich hab’ keine Sekunde davon bereut. Klar, meine Frau war früher mal eifersüchtig, aber das hat sich mittlerweile gelegt.“

Er überlegt kurz. „Das Leben ist ja wie eine Achterbahn, mal geht’s hoch, mal runter. Auf Regen folgt Sonnenschein, ist so. Ich bin immer ich geblieben und finde, man sollte sich selbst nicht so ernst nehmen. Denn Hochmut kommt vor dem Fall. Ganz viele Sprichwörter stimmen einfach.“
Dieter wurde vom „Manager Magazin“ im Jahr 1989 sogar zu den zehn besten Verkäufern Deutschlands gewählt. „Viele buchen mich für Firmen-Events. Denen erzähl’ ich dann von meinen Aalen und wie ich verkaufe, es wird viel gelacht, und die Stimmung wird locker. Ich kann das einfach gut, das ist mein Leben.“
Das merkt man auch, wenn er loslegt und die Leute stehen bleiben. „Ich nehm’ kein Blatt vor den Mund. Vor meinem Stand hat mal ein Pärchen gestanden, die waren so süß miteinander und haben so gut zueinander gepasst, da hab’ ich gesagt: Wenn ihr beide Kinder kriegt, will ich eins vom ersten Wurf haben! Die kamen dann tatsächlich mal wieder und haben mich auf einen Sekt eingeladen, weil das erste Kind da war. Das sind wirklich schöne Momente hier, die möchte ich nicht missen.“ Wie viele Aale hat er wohl schon verkauft? „Ach du liebe Zeit, wenn ich das wüsste. Aber bestimmt einmal rund um die Erdkugel, wenn das reicht.“ Ans Aufhören denkt er nicht. „Warum auch? Ist doch alles schön so, wie’s ist. Ich mach’ hier weiter. Möchtest du ein Stück Aal? Ich hab’ hier wirklich beste Qualität.“ Das stimmt.

Und da kommen auch schon die nächsten Leute und bleiben stehen, weil man bei Dieter einfach stehen bleiben muss. Schon wegen dieser wundervollen Augen! Und der Aal ist wirklich lecker.
So. Vorbei noch am Stand von Blumen-Gitte. Man merkt, dass der Frühling sich so langsam auf den Weg macht. Mittlerweile ist es schon hell geworden, und die Menschen werden mehr. Schoko-Jonny brüllt gnadenlos die Menge an, an einem Stand wird Sahlep angeboten, ein Getränk aus Milch, Honig, Orchideenknospen, Vanillezucker und Zimt, das einfach saulecker schmeckt, und etwas weiter kann man Franzbrötchen und Plunderteilchen im Fünferpack kaufen.

Bei Noble’s Fisk gibt’s Stint und Knurrhahn, frisch aus dem Wasser. So langsam geht’s auf den Schluss zu. Pünktlich zum Gottesdienst ist hier nämlich Ende Gelände. Wie schon damals, und so wird es auch in Zukunft sein. Der Platz wird dann leer, und die Leute gehen voll bepackt wohin auch immer, nach Börnsen oder einfach ein paar Straßen weiter. Dann hast du erst mal wieder deine Ruhe vor dem Fischmarkt, Hamburg, obwohl du ja weißt, er gehört dazu wie die Barkassen und die Akkordeonspieler, wie die Huren auf dem Kiez, die arroganten Pfeffersäcke und die Möwen. Bis zum nächsten Sonntag, dann blinzelst du kurz gnädig und sagst Ja zum Fischmarkt. „Jetzt ist sie ganz weg“, sagt der junge Mann mit einer Blume in der Hand und schaut über den leeren Platz. Aber wenigstens hat er jetzt Fisch für Opa.