Der Harburger Binnenhafen

ON SITE

Text: Peter Noßek Fotos: René Supper

DH2002_Titel_S.jpg

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 52

Ja, ich geb’s zu: Die Geschichte über einen Hafen ausgerechnet mit einem Hinweis auf einen Western zu beginnen, erscheint verwunderlich. Allerdings nur auf den ersten Blick. In dem Oscar-prämierten Streifen „Der mit dem Wolf tanzt“ wird der Soldat, dessen Erlebnisse wiedergegeben werden, gefragt, warum er sich ausgerechnet an einen der hinterletzten Armeeposten in vollkommen unzivilisiertes Gebiet versetzen lassen will. Seine Antwort: „Ich wollte schon immer den Westen kennenlernen, solange es ihn noch gibt.“ Bei dem Satz muss ich stets an den Harburger Binnenhafen denken. Warum das so ist, davon handeln die folgenden Zeilen.

Um ehrlich zu sein, war ich nicht von Beginn an begeistert davon, eine Geschichte über den Harburger Binnenhafen zu schreiben. Weil ich Angst davor habe, dass mediale Aufmerksamkeit immer mehr forciert, was ich seit Jahrzehnten beobachte: den Ausverkauf eines Stadtteils mit Charakter. Wenn ich an dieser Stelle über das Quartier an der Süderelbe erzähle, dann ist dies auch ein Teil meiner Geschichte. Hier war ich schon als Kind unterwegs gewesen. Bereits damals übte der Harburger Hafen eine magische Anziehungskraft auf meine Freunde und mich aus. Eigentlich war es uns verboten, dort hinzugehen. Kaikanten, die ohne Sicherung steil abfallend ins Wasser führen, sind für Eltern ein Graus. Wohl wissend, dass uns ihre Verbote nicht davon abhalten würden, dieses spannende Gebiet zu erkunden, sobald wir außer Sichtweite wären, hatten sie ein Gerücht gestreut, das bei unseren Ausflügen in den Hafen stets wie ein Damoklesschwert über uns schwebte und unseren Übermut dämpfte: Wenn man dort ins Wasser fällt und es nicht schafft, innerhalb von 30 Sekunden wieder draußen zu sein, wäre man tot.

Offen gesagt: Ich würde hier nach wie vor nicht ins Wasser springen. Obwohl ich sehe, dass andere es tun – und es überleben. Angler haben hier unlängst sogar einen Flusskrebs aus dem Wasser geholt. Der kann nur dort existieren, wo das Wasser sauber ist. Tatsächlich ist man überrascht, dass man seine Füße klar und deutlich sehen kann, wenn man sie ins Hafenbecken hält. Dass das Wasser so dunkel wirkt, mag den geologischen Gegebenheiten geschuldet sein. Als um 800 n. Chr. vermutlich die Grafen von Stade den Ort auswählten, um eine Grenzfestung zu errichten, nannten sie den Posten „Horeburg“, was so viel wie „Burg im Sumpf“ bedeutet. Ein idealer Ort, geschützt durch unwegsames Gelände und jede Menge Wasser. Später wurde aus der Sumpfburg ein Schloss, was der kleinen Süderelbinsel ihren heutigen Namen gab: Schlossinsel. Das, was allerdings heute „Harburger Schloss“ genannt wird, ist lediglich ein Wirtschaftsflügel des Herrenhauses. Das eigentliche Schloss wurde zu Beginn der 1970er-Jahre einfach abgerissen. Es war nicht der einzige Frevel, der an der historischen Substanz begangen wurde. 1200 Jahre Geschichte. Derer sollte man sich bewusst sein, wenn man das Areal betritt. Dann spürt man seine Magie intensiver. Harburg war stets ein Ort der Offenheit. Es hatte, im Gegensatz zu Hamburg, nie eine Stadtmauer.

Im Jahr 1991 entdeckte ich den Harburger Binnenhafen wieder. Für mich, als angehenden Porträtfotografen, bot er nach Dienstschluss und am Wochenende unverzichtbare Dinge, wenn man sich dieses Metier aneignen möchte: Ruhe, Abgeschiedenheit und spannende Hintergründe in Hülle und Fülle. Jahrzehnte hatte er als Hafenbezirk unter der Ägide der HPA (Hamburg Port Authority) einen Dornröschenschlaf gehalten, was dafür gesorgt hatte, dass viel historische Bausubstanz erhalten geblieben war. Zudem hatte sich auf den Schiffen, die in den Kanälen lagen, eine alternative Lebenskultur entwickelt, die so aufregend anders war als alles, was man sonst so kannte. Nie hätte ich gedacht, dass ich einstmals selbst dazugehören würde.

Von da an packte mich dieser so eigenwillige Ort, um mich bis heute nicht mehr loszulassen. Außer meinen Porträtausflügen war es die Lokalberichterstattung für die 2013 eingestellte „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ über das „Marinas“, das Sternerestaurant des damaligen
Weltmeisters der Fischköche Michael Wollenberg, die mich immer wieder dorthin zog. Ende der 90er-Jahre lernte ich den Gründervater des Quartiers, den Harburger Bauunternehmer Arne Weber (HC Hagemann) kennen, gründete mit ihm eine Agentur und lieferte über viele Jahre hinweg Texte und Fotos, mit denen sich der Standort vermarktete. Mitte der 2000er-Jahre eröffnete ich im Hafen ein Fotostudio, an dem ich zwischenzeitlich zwei Jahre wohnte, dort wo heute der sogenannte „Goldfisch“ steht. Ein Bürogebäude mit goldener Fassade. Seit zweieinhalb Jahren lebe ich nun selbst auf einem Schiff, das auf einem der Kanäle schwimmt.

Warum ich das alles erzähle? Um deutlich zu machen, wie sehr ich mit dem Quartier verwachsen bin. Und um wiederzugeben, was ich in den vergangenen 30 Jahren beobachtet habe. Die Vision der Gründer des Vereins „channel hamburg“, einer Interessenvertretung der im Quartier ansässigen Unternehmen, war, von Beginn an ein „etwas anderer Standort“ zu sein. In der Standortzeitung, den „channel news“, sollten nicht Immobilien, sondern Menschen die erste Geige spielen. „Atmosphäre zu vermieten“ hieß der Slogan, den man sich ans Revers heftete. Zu einem der eifrigsten Botschafter des Harburger Binnenhafens entwickelte sich dabei der Countrysänger und Songschreiber Gunter Gabriel, der hier auf seinem Hausboot von Mitte der 90er-Jahre bis zu seinem Tod 2017 gelebt hat. Für ihn war der kleine Hafen die „Südsee des Nordens“. Das sagte er in beinahe jedem Interview, das er gab. Und ja, er hatte recht.
Schnitt.

Die untergehende Sonne flutet mit ihrem sanften Gelb das Grau der Wolken. Es ist ein wahrlich atemberaubender Blick aus der Luke meines Schiffs. Das Leuchten am östlichen Horizont spiegelt sich in den Fenstern eines benachbarten Motorboots. Möwen schreien. Kein Wind weht. Das Wasser ist glatt wie ein Spiegel. Zugegeben, die Szenerie, auf die ich von meinem schwimmenden Heim aus schaue, ist jetzt nicht unbedingt das, was man mit einer Vorstellung von „Süden“ verbinden würde. Gegenüber befindet sich eine Baustelle, rechts am Ziegelwiesenkanal alte backsteinerne Industriegebäude einer ehemaligen Ölmühle. Eigentlich ist es eine Ruine. Hier treffen der alte und der sich neu entwickelnde Hafen aufeinander. Sehenswert ist es nicht. Und doch: An heißen Sommertagen hat es hier tatsächlich etwas von Karibik. Die ist ja auch nicht nur Sandstrand unter Palmen. Hinter der Touristen-Fassade gibt es fies abgerockte Gegenden. Gerade in Hafenecken. Um genau so eine handelt es sich hier: eine im Norden Europas gelegene, authentisch morbide Südseehafenkulisse, voller interessanter Menschen mit ungewöhnlichen Lebensentwürfen.

Der Titel einer kürzlich gesendeten NDR-Reportage über den Harburger Binnenhafen lautete „Das Dorf auf dem Wasser“. Rund um den Lotsekanal kann man es noch erleben, dieses Kleine im Großen. Hier manifestiert sich die Vision von Arne Weber, der von einem „Port Grimaud des Nordens“ träumte. Hier findet man noch die Atmosphäre, die den Quartiers-Gründern einst vorschwebte. Beim Schnack mit Michael, dem schottischen Bootsbauer, den es aus den Highlands hierher verschlagen hat. Oder bei einem Stück des süchtig machenden, selbst gebackenen Kuchens in der „Fischhalle Harburg“ – wenn man Glück hat, begleitet von Liedern über den Harburger Hafen, gesungen vom Inhaber Werner Pfeifer höchstselbst. Alternativ könnte es auch eine Currywurst in „Rosi’s Fährhaus“ sein – eine der besten der Stadt, wie man munkelt. Wohnen könnte man auch direkt vor Ort, auf der „Lydios“, einem historischen Flussfrachtschiff, das der Holländer Marcel zu einem Hotel ausgebaut hat. Man könnte auch beobachten, wie auf der Jöhnk-Werft ein Schiff im Trockendock trockengelegt wird. Oder im ältesten Kiosk der Stadt eine Lesung verfolgen. Sehenswert sind auch die Schiffe des Museumshafens Harburg. Faszinierende Kurzweil bietet der Binnenhafen reichlich. Selbst für jemanden, der ihn seit Jahrzehnten kennt. Immer wieder gibt es auch spektakuläre Kunstaktionen, die dafür sorgen, dass die Zahl der Schaulustigen von auswärts stetig ansteigt. Im östlichen Teil des Lotsekanals kann man sogar noch an einer ungesicherten Kaikante sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. Beliebt vor allem bei Pärchen.

Und damit wären wir dann wieder bei eingangs zitiertem Filmzitat. Noch funktioniert das „Dorf auf dem Wasser“, das eine Idylle kreiert, die Menschen guttut. Eine Atmosphäre zum Wohlfühlen. Allerdings ist die gefährdet. Versinnbildlicht wird dies insbesondere beim Kampf der Anwohner um eine der letzten natürlichen Grünflächen, dem „Wilden Wäldchen“ am Kanalplatz. Beim Drang, sämtliche freie Flächen zu vermarkten, hat man offensichtlich vergessen, dass Menschen, die dort leben, auch gern ein lebenswertes Umfeld hätten. Das richtet sich nun mal nicht nach Bruttogeschossfläche von Bürogebäuden. Die sind auch nicht das, was Touristen anzieht. Am Lotsekai etwa befindet sich auf einer Länge von 150 Metern ein Industrieensemble, das zeigt, wie zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Waren im Hafen umgeschlagen wurden. Seitdem hat sich hier kaum etwas verändert. Lediglich die Hafenkräne fehlen. Statt aus dem überlieferten „Pfund“ eine Art Freilichtmuseum zu schaffen, ist nach wie vor der Plan präsent, alles abzureißen und Bürotürme hinzusetzen. Am Östlichen Bahnhofskanal und der dort parallel entstandenen Theodor-Yorck-Straße kann man sich anschauen, wie solch uninspirierte Stadtplanung Potenzial dahinrafft. Dazu eine kleine Geschichte: Ende der 2000er-Jahre schaffte sich der Verein „channel hamburg“ das sogenannte „channel pad“ an. Sah aus wie ein überdimensionales iPad auf einem Sockel. Auf dem Bildschirm konnte man unter anderem auch eine Luftbildaufnahme aufrufen, die abgeschlossene, in Bau befindliche und geplante Bauprojekte zeigte. Dort, wo sich heute die Theodor-Yorck-Straße befindet, sah es aus, als hätte jemand Bauklötze in der Hand geschüttelt und einfach hingeworfen: quadratisch, praktisch, gut. Auf die Kritik, das würde ja furchtbar aussehen, entgegneten die Macher: Das seien doch nur Platzhalter. Am Ende würde alles ganz anders aussehen. Viel schöner. Heute hat man das Gefühl, dass genau diese Bauklötzchenansicht umgesetzt wurde. Charakter- und gesichtslos. Nichts mehr zu erkennen von dem, was die privaten Investoren Ende der 90er-Jahre vorgemacht haben: historische Bausubstanz mit moderner zu verbinden, wie etwa beim „Silo“ am Schellerdamm, das sogar einen international renommierten Architekturpreis verliehen bekommen hat.

Ich hoffe sehr, dass die verantwortlichen Stadtgestalter einsehen, dass der Harburger Hafen kein kleiner Abklatsch der Hafencity werden darf. Vielmehr bietet sich hier die Gelegenheit, etwas ganz Eigenes zu kreieren. Etwas, das die Seele, die aus dem Vergangenen strömt, in sich aufnimmt und neu interpretiert. Ein Handschlag zwischen gestern und heute. So etwas würde die Sehenswürdigkeiten der Stadt erweitern. Wer die Hafencity gesehen hat, fährt für den „kleinen Abklatsch“ davon wohl kaum in den Süden der Stadt.

Also, besuchen Sie den Harburger Binnenhafen so bald wie möglich. Solange es ihn in seiner jetzigen Form noch gibt. Ich garantiere, dass Sie Ihren Spaß haben werden an den Kanälen. Oder an, wie Gunter Gabriel es eben ausdrückte: „Der Südsee des Nordens.“ Vermutlich ist das einer der Gründe, warum eine Initiative ihm hier ein Denkmal setzen möchte. Damit nie vergessen wird, was es zu erhalten gilt.