Paradise Island

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Text: David Pohle
Fotos: René Supper

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 53

Auf die Frage, ob es noch was zum Frühstücken gibt, senkt Alina Griebel leicht den Blick. Nein, natürlich nicht, aber ob wir vielleicht Tee, Kaffee oder lieber ein Bier haben möchten. Bier? Es sei ja immerhin schon bald elf Uhr, lächelt sie. Es ist ein traumhafter Tag, um eine Reise auf Hamburgs Außenposten in der Nordsee zu tun, der einer der 104 Stadtteile der Hansestadt ist und zum Bezirk Mitte gehört. Es ist Anfang September, die Vorhersage versprach viel, die Realität legte mit 27 Grad – wir sprechen von der deutschen Küste – und strahlend blauem Himmel noch einen drauf. Aber Bier?

Wir waren in Hamburg um fünf Uhr aufgestanden, um kurz vor sechs Uhr mit müden Augen losgefahren, B 73 über Buxtehude und Stade mit Ziel Sahlenburger Strand bei Cuxhaven. Endlose Autoschlangen kommen uns entgegen, der Traum vom Leben auf dem Land erhebt beinhart Lebenszoll, den die Pendler stoisch in Kauf nehmen. Abends winkt der Feierabend auf der Hollywoodschaukel. Auf unserer Seite ist es nicht viel besser, hier eine Baustelle, da ein Trecker und wenn wir gerade wieder mal Schwung nehmen, kommen die Ampeln niedersächsischer Perlen, die Hechthausen, Otterndorf, Himmelpforten oder Düdenbüttel heißen.

Volker Griebel, Seniorchef, Koch, Wattwagenfahrer, Wirt und wie alle Neuwerker wohl auch Faktotum für alles andere,
hatte am Telefon ganz unaufgeregt gesagt, er hätte keine Zimmer im „Hus achtern Diek“ frei, aber im Strohlager auf dem Scheunenboden sei es auch ganz schön. Wie wir anreisen wollten? Mit dem Auto, dann zu Fuß durchs Watt auf dem wahrscheinlich schönsten Weg, sich dieser Insel vom Festland zu nähern. „Dann müsst ihr um acht Uhr losgehen, nicht später, denn die Flut kommt.“ Wann genau, war uns nicht ganz klar, aber als wir um Viertel vor neun Uhr endlich den Sahlenburger Strand erreichen, rät er auf telefonische Nachfrage, wann der späteste Zeitpunkt zum Losgehen wäre, vom Abenteuer Wattgang ab. Aber auf dem Wattwagen bei Dirk seien zwei Plätze frei. Ja, auch für den Hund.
Knapp drei Dutzend Tagestouristen warten, einige pensionierte Wattführer sind dabei, sie tragen Allwetterjacken, denn man weiß ja nie. Wer sich einer Führung nach Neuwerk anschließt, braucht zu Fuß drei bis dreieinhalb Stunden.
Dafür gibt es abseits des abgesteckten Weges die Garantie, die Small Five zu sehen: Wattwurm und -schnecke, Nordseekrabbe, Herzmuschel sowie den Taschenkrebs, quasi der Löwe des Wattenmeers.

Wer locker – alte Turnschuhe, Socken, kurze Hose, keine Gummistiefel – geht, ohne Guide und nicht jede Muschel inspiziert, braucht für neun Kilometer ab Wasserkante Sahlenburg knapp zwei Stunden. Der Wagen vom gleichen Start­ort nur eine gute. Wer mit der „MS Flipper“ ab Alte Liebe im Hafen von Cuxhaven anreist, braucht zwei Stunden für einen Weg und hat nur eine gute Stunde auf der Insel. Das reicht für ein Fischbrötchen beim Inselkaufmann Lange und einen hastigen Blick ins Nationalparkhaus, vielleicht noch ein herausforderndes Selfie vor dem 35 Meter hohen Wehrturm, aber Neuwerk hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Eine Legende sagt übrigens, dass Klaus Störte­beker, der alte Schluckspecht und Seeräuber, im Kerker von Hamburgs ältestem Bauwerk zwischengeparkt wurde,
nachdem er um 1400 vor Helgoland von der Hanse aufgebracht worden war.

Pünktlich um neun Uhr rollen sechs gelbe, höhergelegte Kutschen mit je zwei massiv gebauten Pferden auf den Parkplatz, wir sitzen erste Reihe eines „Achtern Diek“-Wagens. Dirk, so heißt unser Kutscher, hatte einen langen Abend und ist vermutlich ganz froh, dass er keinen Bürojob hat und sich schon etwas auslüften durfte. Um ehrlich zu sein, hat er sogar Urlaub. Er kommt aus Buchholz in der Nordheide und ist dem Zauber von Hamburgs nördlichstem Außenposten, das ist eigentlich das sieben Wattkilometer entfernte Vogelparadies Scharhörn, das gehört aber zu Neuwerk, seit über 50 Jahren verfallen. Er ist um diese Uhrzeit keine Sabbeltasche, aber dass er in den vielen Jahren in alle möglichen Jobs auf der Insel reingewachsen ist und durchaus Ahnung vom Watt hat, wird nicht nur durch die von der Wattwagenkommission ausgestellte Fahrerlaubnis deutlich. „Früher war es trotzdem uriger, wir waren wie Strandräuber unterwegs, stromerten durchs Gelände, pütscherten so rum, fischten Schollen und fingen Krebse und machten Lagerfeuer wie Tom Sawyer und Huck Finn. Einmal wurde ein Container voll mit Messgeräten angeschwemmt. Wir haben alle getrocknet, aber die waren nicht mehr zu retten“, grinst er schelmisch, und man hat den Eindruck, dass da noch viel mehr ist. „Das geht heute alles nicht mehr, aber das ist auch okay.“ Neuwerk liegt nämlich in exponierter Lage im Außenbereich der westlichen Elbmündung. Seit 1990 ist das gesamte Wattenmeer von der dänischen Grenze bis in die Niederlande Nationalpark, Schleswig-Holstein hat einen großen Teil vom Matschkuchen, Hamburg den kleinsten, aber dort prozentual gesehen – mit über 90 Prozent – den höchsten Anteil an Wildnisfläche und ist liebevoll umschlossen von Niedersachsens Tortenstück. 1992 kam das Biosphärenreservat hinzu, 2011 zeichnete die UNESCO das Wattenmeer sogar als Weltnaturerbe aus. Es ist damit auf einer Stufe mit dem Grand Canyon oder dem Great Barrier Reef. Und Neuwerk liegt mittendrin. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass die westafrikanische Republik Benin 2003 eine Briefmarkenserie mit Leuchttürmen aus aller Welt auflegte und mit dem Neuwerker Wahrzeichen die 200-Franc-Marke adelte.

Eine gute Stunde dauert die gemütlich-holperige Fahrt, Thomas und Naomi sind in Form, wir überholen ein paar Wattwanderer. Zwei größere Priele, die dieser Tage für einen hochgewachsenen Mann nur knietief sind, queren wir. Insbesondere der eine Priel macht Sorge, wird er doch immer tiefer, damit schwer oder nicht passierbar und hat kürzlich sogar die einzige Trinkwasserleitung freigelegt. Ohne Wagen und Wasser bestünde ein existenzielles Problem für das seit rund 700 Jahren – mit kurzer Unterbrechung – zu Hamburg gehörende Eiland.

Aber mit dem Überfahren des Neuwerker Deiches hat auch der gestressteste Städter schlagartig den Eindruck, und zwar egal, in welchem Gang er vorher unterwegs war, dass irgendetwas ihn zwei Gänge runterschaltet. Es hat – ich war eine Neuwerk-Jungfrau – etwas Magisches, obwohl in aber auch jeder Hinsicht überhaupt nichts los ist. Und das ist besonders schön. Dirk fährt uns in ein paar Minuten zum „Hus achtern Diek“, einem von nur fünf Gasthöfen, wo man mit endlosem Blick über den Deich übernachten kann. Zur Erinnerung: wir im Stroh. Hofhund Spike begrüßt schwanzwedelnd, Volker Griebel, Kutscher des zweiten Wattwagens, springt vom Bock direkt in die Küche, wirft die gestärkte Kochjacke über und schwenkt Bratkartoffeln der köstlichsten Art. Ein paar Gäste checken ein, wir tapern die Treppe zum Boden hoch, schmeißen Schlafsäcke und kleines Marschgepäck ins Stroh, murmeln vor uns hin, dass das ja ein Abenteuer ist. Der wortkarge Friese, der gerade die Pferde abspannt, sagt dazu nur: „Neuwerk ist immer ein Abenteuer.“

Und dann treffen wir auf Alina, seit über 20 Jahren die Frau von Steffan, der der Sohn von Volker und Afra ist, die uns im Watt schon im Sulky vor der Bernsteinküste locker trabend begegnet war und täglich alle Kuchen und Torten selbst backt. Statt Bier oder Rhabarber-Schmand gibt es Kaffee der ordentlichen Sorte, dazu ein mächtiges Bauernfrühstück, wo ein Hund mit Sportabzeichen nicht drüberspringen könnte.

Apropos Sport. Griebel der Ältere war mal richtiger Jockey. Da war er 20 und wog 47 Kilogramm, lernte in Köln bei Trainerlegende Hein Bollow. Eine tolle Zeit mit vielen Siegen, unter anderem beim berühmten Duhner Wattrennen, aber Neuwerk war einfach zu weit weg, da halfen auch Konfetti und Bützje nicht. Er blieb trotzdem drei Jahre. Und ein Pferdemann für immer. Früher brachte der Hamburger Kaffeekönig Addi Darboven manchmal Pferde zur Kur, bei Griebel kamen sie wieder auf die Beine. So wie Brioni, der allerdings der Familie Herz gehörte und nach Wellness auf den nur von Hasen gesäumten Wiesen ein wahrer Traberstar wurde und Millionen erlief. Nun, Tempi passati, bald 50 Jahre nach dem Jockeytum und ähnlich viele Kilos später lebt er mit Frau, Sohn, Schwiegertochter, manchmal Enkelinnen, Hund, Pferden, Schweinen, Katzen und Gänsen auf dem Hof seiner Eltern. Griebels gibt es hier immerhin seit rund 185 Jahren. Neben deftig-leckerer Nordseeküche – der Fisch ist so frisch, der würde glatt wieder ins Meer springen – helfen hübsche Zimmer gen Salzwiese, Watt und Elbmündung, sich dem Zauber der Insel im Schlaf zu nähern.

Auch wenn es einem keiner explizit sagt, macht das was mit einem. Vielleicht ist das Instinkt. Man spürt schnell, dass nur die Natur bestimmt, was passiert. Auf dem Festland hat alles seinen Beginn, sein Ende, hier verschieben sich die Abläufe seit Hunderten von Jahren durch Ebbe und Flut. Als Besucher auf Zeit gibt mir das ein Hochgefühl. Abgeschnitten sein. Für einen Tag. Keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen. Als Neuwerker hingegen möchte man schon mal kotzen, dass die Gezeiten, manchmal nur das Wetter regelmäßig Striche durch die schönsten Rechnungen machen. Da man das ja eh nicht ändern kann, ist der Neuwerker per se ein Musterbeispiel an Gelassenheit.
So stehen da auch zwei alte Fahrräder, die wir nehmen können. Eins gehört Volker. Etwas zu klein, Alibibremse, aber für was sollte man die auch brauchen? Autos gibt es nicht, ein paar Trecker, Radlader, das E-Mobil von Postbote Vincent oder die beiden Fahrzeuge der freiwilligen Feuerwehr. Das ist – neben den Wattwagen – ungefähr der komplette Fuhrpark auf der Insel. Und Schulkinder gibt es auch nicht mehr. An der Inselschule hängt ein selbst gemalter Zettel der letzten beiden: Wir brauchen Kinder. Die Schule ist seitdem dicht.

Alina meint, es dauere nur 20 Minuten mit dem Fahrrad, die Insel zu runden. Volker möchte wissen, wann wir wiederkommen. Falls er sein Fahrrad braucht. Ich sage, na ja, alle 20 Minuten, meint Alina. Kannst mich dann ja anhalten. Er lacht. Wo sie es am schönsten findet, fragen wir Alina. Sie lächelt. Auf 3,3 Quadratkilometern kann es nicht zu viele Lieblingsorte geben: an der Ostbake, wenn die Salzwiesen blühen und duften. Von der Deichkrone, die die Insel komplett umgibt, ist die Bake  – wie eigentlich alles auf der Insel – sofort in Sicht. Niemand begegnet uns, alle 50 Meter hat jemand eine Möwe verspeist und den Tisch nicht abgeräumt, verdächtigt wird ein anonymer Greif, der hier Platzhirsch ist, denn Füchse gibt es nicht. Die Luft ist warm, es duftet nach Meer. Es ist unaufgeregt. Während Fotograf René die 25 Meter hohe und neue Bake, deren Vorgängerin Sturm Kyrill 2007 nach fast 400 Jahren zu Kleinholz gemacht hatte, ins rechte Licht setzt, liege ich auf dem Deich. Absolute Ruhe. Den Weltschifffahrtsweg der Elbe blinzelnd in Sicht. Ein roter Gigant der Hamburg-Süd-Reederei schiebt sich haushoch mit Containern hinaus auf die Weltmeere. Südamerika? Hongkong? Alles möglich. Direkt vor der Neuwerker Haustür kommt vorbei, was die Märkte der Welt beliefert. Aber nach Neuwerk kommt nur, wer die Gezeiten kennt.

Als wir den kleinen Anleger erreichen, planscht ein Pärchen gottverlassen im Wasser. Die „MS Flipper“ hat sich schon wieder gen Alter Liebe getrollt, ein anderes Schiff kommt eh nicht. In Ermangelung von echtem Strand ist die Gelegenheit zu schön: Klamotten runter, ein Sprung in die ablaufende Nordsee, danach handtuchlose Trocknung in der salzig-warmen Meeresluft. Die Neuwerkstatt hat schon zu. Es ist 16.30 Uhr. Macht ja auch Sinn, wer jetzt noch nicht da war, kommt auch nicht mehr. Ein Anruf bei Frau Todemann. Drei Gläser Neuwerk-Honig hätte ich so gern. „Bringe ich gleich vorbei, gib Alina einfach das Geld.“ Das ist alles wie Dorf. Nur noch kleiner. Im „Achtern Diek“ ist heute früh Schluss, morgen ist wieder früh Tag. Aber im urigen „Anker“ vom Nige Hus gleich um die Ecke steht Kutscher Dirk noch am Tresen und knutscht mit Cola-Rum. Wir schnacken, lachen und verbrüdern fast. Was ist so schön an Neuwerk? Dirk zuckt nach über 50 Jahren mit den Schultern. „Wie soll ich das sagen? Das ist so ein Gefühl!“ Es ist so herrlich norddeutsch, so etwas nicht erklären zu können. Die liebenswürdige Carlotta entlässt uns in die Nacht. Schluss für heute.

Vor der Tür ist es stockdunkel. Keine Straßenbeleuchtung, keine Windräder, nur der schönste Sternenhimmel über uns. Mit vorsichtigen, kleinen Schritten tasten wir uns nach Hause. Handylicht? I wo denn, Neuwerk soll ja Abenteuer bleiben. Erwähnte ich die Ruhe? Wir schieben uns in unsere Schlafsäcke, schlummern selig. Morgens kommen die Weckschwalben unters Dach, hinterm Deich schnattern die Wildgänse, der Hofhund bellt, die Pferde werden angespannt, Naomi hat heute frei. Um acht Uhr ist Abfahrt. Wir werfen diesmal nur Gepäck hinauf, frühstücken bei Alina und verlassen gegen neun Uhr wehmütig die menschenleere Insel durch den Nationalpark Wattenmeer. Der Turm verblasst im leichten Nebel. Die Luft tut gut.