Thämers

SPOTLIGHT WEXSTRASSE

Text: Simone Rickert Fotos: Giovanni Mafrici

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 52

ABENDS BELEUCHTEN LICHTERKETTEN die sonnenwie regenfeste Markise. Darunter werden Bratkartoffeln serviert, die Stammgäste für die besten der Stadt befinden. Dazu je nach Saison feinster Matjes oder Grünkohl, für den ganze Familienfeiern hierher verlegt werden, weil Mutti und Papi den zu Hause so gut nicht hinkriegen. Dubravka Popovic und ihre Tochter Valentina haben die Geschäfte 2008 übernommen, nach und nach etwas modernisiert, die Einrichtung oder das Rezept für die Bratkartoffeln, aber immer unauffällig: Im Grunde ist hier alles beim Alten, und so soll es auch sein. Der Tradition des Lokals sind Mutter und Tochter sehr gern verpflichtet, vor allem, weil sie so schön ist. Ein Großteil der Belegschaft ist auch schon sehr lange an Bord, 15 oder 35 Jahre. „Wie eine große Familie“, lacht Valentina, während sie ihren Sohn sanft im Kinderwagen anschubst. Das Restaurant hat so viel Geschichte, man weiß gar nicht, wo man anfangen soll. Vielleicht am Anfang: erbaut von den Architektenbrüdern Wex, wie die ganze Straße, maßgeschneidert für den Weinhandel von Eduard Buhbe, ab 1863 ansässig im schönen Eckgebäude und das nicht ohne Grund. In den Katakomben im zweiten Kellergeschoss entsprang die unterirdische Quelle des Bächleins Thielbek: Aus dem frischen Wasser plus Trauben aus dem Bordeaux kelterten Buhbe und Söhne Wein direkt vor Ort. Die Weinstube im Souterrain trägt darum ihren Namen, übrigens der Geheimtipp, wenn oben alle Plätze belegt sind. Im Hinterzimmer dort traf sich in den 1920er-Jahren ein Künstlerstammtisch, 26 ihrer Gemälde hängen noch heute: Einer von ihnen war Otto Thämer, Hamburger Maler, nach ihm ist das Lokal benannt. Also irgendwie schon immer da, seit den 1970er-Jahren besonders, als Thoms Drees, seine Frau Ursel und sein Bruder Broder den Großneumarkt mit gleich mehreren Kneipen hip machten. „Der Spiegel“ schrieb im Sommer 1978 „heimliches Herz“, handfeste Alternative zu Eppen- und Pöseldorf, Anlaufpunkt für Journalisten aus den nahen Verlagshäusern, nach wie vor, Künstlern und Musikern. Diese ganze Geschichte schwingt hier irgendwie mit, selbst wenn die Gäste die Historie nicht kennen. Trotz der guten Lage trifft man hier mehr Stammkunden als Touristen, und das ist sehr schön so.