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Hamburger Ehe

Text: Karina Lübke | Illustration: Mone Seidel

Liebe Hambürgerinnen und Hambürger, mit frischer Solar-Energie verwandelt sich unsere großstädtische Indoor-Arena gerade wieder in ein großflächiges Outdoor-Event. Das Erste, was ich euch also Gutes tun werde, ist für alle ein Anrecht auf Teilzeit als Sommer-Lifestyle. Die „besondere Begründung“? Na, die Sonne scheint! Diese Wochen, in denen der Himmel hier im Norden so blau leuchtet, die Kirsch- und Apfelbäume vor Blüten überschäumen, in denen man auf sonnenwarmen Bänken, Stegen und Picknickdecken sitzen kann und automatisch ein Lächeln im Gesicht trägt, sind zu kostbar, um sie unter dem goldgerahmten Porträt von Friedrich Merz im Büro absitzen zu müssen. Für steile Wirtschaftskurven sind jetzt höchstens die Lokale zuständig, vor deren Türen man endlich wieder unverfroren essen, trinken und schaulaufen kann. Es gibt so viele verwunschene Kanäle zum Durchpaddeln, Brücken zum Überqueren, Fahrradtouren zu machen, auf der Alster mit den Schäfchenwolken um die Wette zu segeln, eine „Kleine Rast“ am Elbuferweg einzulegen – und vor allem Menschen im echten Leben zu treffen.

Doch nun kommt meine Mahnung: Hambürger und Hambürgerinnen, wir haben Liebeskummer! Die Zahl der Einpersonenhaushalte in unserer Stadt erreicht immer neue Höhepunkte. Im letzten Jahr waren es fast 600.000; besonders hoch liegt der Anteil in Stadtteilen wie Eimsbüttel, Eppendorf, Barmbek, Winterhude, Uhlenhorst und St. Pauli. Gleichzeitig wird die Wohnungsnot immer bedrückender, und Mieten sind von einem Gehalt kaum noch bezahlbar. Ja, ich sitze der Stadt wegen sozialem Wohnungsbau permanent im Hamburger Specknacken, aber die müssen ja alles immer ewig pfeffersacken lassen. Dabei erfordern besondere Notlagen besondere Maßnahmen.

Ich habe deshalb einen (Spitzen-)Traum: Lasst uns Paris nicht nur den Rang als besten Austragungsort der Olympischen Spiele ablaufen, sondern auch den als „Stadt der Liebe“! Fangen wir gleich mit Fair Play beim Daten an. Denn wie ich aus vielen Klagen höre, sind wir eher Hauptstadt des Swipings, Ghostings, Benchings und offen gelebter Beziehungen, von denen die festen Partner nichts wissen. Dieser chronische App–etit auf Bestätigung verdirbt den Hunger nach Liebe.

All diese Spielverderber müssen verpflichtend zu einem Nachhilfekurs in Sachen Anstand. Lernt, wieder abendfüllende Gespräche zu führen, ohne einmal das Handy aus der Tasche zu holen. Seid nett und respektvoll zueinander, als wäre es eine olympische Disziplin – dazu gehörte von 1900 bis 1920 immerhin auch das Tauziehen.

Die Gelegenheiten, neue Menschen zu treffen und sich offline zu verlieben, sind in Hamburg so viel besser als in anderen deutschen Städten. Lasst uns das im Alltag nutzen: Ich verfüge, dass man sich jeden Tag um 12 Uhr und um 19 Uhr zu „Laufend verlieben“-Runden an Treffpunkten versammeln kann – Krugkoppelbrücke, Planetarium, Teufelsbrück. Auf der Bühne des Musikpavillons in Planten un Blomen soll standardmäßig getanzt werden wie am Ufer der Seine. Auch denkbar auf den großartigen Plattformen, die für die Olympiafeiern auf der Alster liegen sollen. Warum nicht schon jetzt? In Supermärkten mag zu verschiedenfarbigen Einkaufswagen greifen, wer Single ist und angesprochen werden will, Kunst-Liebhaber können die „Lange Nacht der Museen“ gleich miteinander verbringen. Einfach an der Schlange für Singles anstellen! In den von mir neu eingerichteten liebesapfelroten Party-Waggons von S- und U-Bahnen darf man neue Verbindungen knüpfen, wobei Mitglieder von Kampfsportvereinen, die dafür Jahreskarten vom HVV bekommen, mitfahren und darauf achten, dass Grenzen akzeptiert werden. Zivilcourage ist schön, aber Krav Maga notfalls etwas besser.

Und dann habe ich mir noch etwas ausgedacht: die „Hamburger Ehe“. Eine bindungsstilsichere Variante des „hanseatischen Handschlags“, der seit Jahrhunderten als verpflichtender Abschluss eines Vertrags unter Ehrenmännern und -frauen bekannt war und in letzter Zeit viel zu sehr in Vergessenheit und Verruf geraten ist. In einem hübsch geschmückten Zelt auf der Moorweide, um das herum wie in den guten alten Zeiten Schafe grasen, werde ich Paaren offiziell zutrauen, sich für ein Jahr exklusiv zueinander zu bekennen. Nach 365 Tagen und Nächten erlischt diese Verbindung automatisch und kann höchstens noch ein Mal erneuert werden, ehe man für the Real Deal eins unserer schönen Standesämter aufsuchen muss. Ein Jahr ist überschaubar, aber lang genug, um jede Jahreszeit miteinander zu erleben und dann bestenfalls zwei Herzen, Seelen und Körper in einem Haushalt unterzubringen, damit die andere Wohnung frei wird. Win-win! Quasi ein hanseatisches Mash-up aus „Love is Blind“ und „mieten, kaufen, wohnen“, … ach kommt, ich weiß doch, dass ihr das heimlich gern guckt, wo kommen sonst die guten Einschaltquoten her?

Die Moorweide ist sowieso chronisch unterschätzt. 1966 machte der Senat daraus jeden Samstag die „Meckerwiese“ für die Stimmen des Volkes: Jeder durfte nach dem Vorbild der „Speakers’ Corner“ im Londoner Hyde Park auf eine Trittleiter steigen und seine Meinung kundtun. Auch das sollten wir wieder einführen. Doch wer meckert, muss auch Lösungsvorschläge liefern.
Liebesgrüsse aus Hamburg! Eure Königin.

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