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SchmuWeWos

Text: Karina Lübke | Illustration: Mone Seidel

Liebe Hambürgerinnen und Hambürger, ist es nicht wunderbar, endlich wieder über die von mir gefrorene Außenalster zu gehen, zu glitschen, auf Schlittschuhen zu gleiten oder an den extra eingerichteten und bewachten Eislöchern ins kalte Wasser zu springen? Am breiten Ufer der Picknickwiese Schöne Aussicht habe ich dazu 20 mobile Holzfass-Saunen mit Panoramablick aufstellen lassen, um dem Volk vorher ein- und es nachher wieder aufzuheizen. Durch die kalte Luft wehen Eukalyptusdämpfe mit Buchenholzrauchnote und fröhliche Schreie. Wenn ich sehe, wie untypisch glücklich für diese Jahreszeit hier alle sind, denke ich, dass sich die künstliche Vereisung der Wasserfläche zwischen Kennedy- und Krugkoppelbrücke über den gesamten Februar doch gelohnt hat. Das letzte Mal, dass Mutter Natur das von sich aus geregelt hat, war anno 2012, darauf können wir nicht warten! Auch der seelische Klimaschutz meines Volkes ist mir ein großes Anliegen.

Naturgemäß ist im Winter selbst unsere Stadt nicht mehr die schönste der Welt. Nach Weihnachten, Silvester und den ersten gebrochenen Neujahrsvorsätzen fällt Hamburg regelmäßig in tiefe Graurigkeit; neben dem seelischen Konto ist auch das finanzielle chronisch verausgabt. Und wir haben – zum Glück, wie ich nordisch by nature persönlich finde – auch keinen Karneval als saisonales Antidepressivum. Deswegen habe ich als hanseatische Alternative nun offiziell die „Royalen Schmuddelwetterwochen“, kurz „SchmuWeWos“ ins Leben gerufen – mit dem Anspruch, daraus eine neue winterfeste Lieblingsjahreszeit zu machen.

Fangen wir mit dem größten Kracher an! Als Erstes habe ich gleich mal den Volksentscheid zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen für alle entschieden: Januar, Februar und März bekommen alle Hambürger aus der Staatsschatulle monatlich 1500 Euro Trostgeld. Nie hat man es nötiger – Heizkosten, heiße Schokolade, bunte Blumensträuße, Bücher, Rotwein, Dating, Netflix-Abo, Alpakawolle und Stricknadeln … Die Stimmung hebt sich nicht von allein, und es stimmt leider nicht, dass die besten Dinge im Leben gratis sind. Das haben sich die ausgedacht, die schon immer alles umsonst gekriegt haben.

Am 2. Januar hat deshalb auch jeder Einwohner von mir eine Dreimonatsration Vitamin D, C und Zink in einem Your-Queen-cares-Paket zugeschickt bekommen. Das wird nun Tradition: Zu den Vitaminen ein Glas Hamburger Stadthonig, ein Teesortiment und ein tiefroter Regenponcho mit einem großen, silberweißen, reflektierenden Hamburgwappen auf dem Rücken und großer Reißverschlusstasche vorne. Wer hat schon die Hände frei für einen Schirm? Winterschlafende Arbeits- und Schulzeiten fangen selbstverständlich nicht vor 9.30 Uhr an. In sämtlichen U-Bahnstationen und Buswartehäuschen werden bis zur Frühlingssonne anstelle der Werbetafeln große Lichtpanels mit stimmungsaufhellendem Tageslicht installiert und auf den Bahnsteigen kleine Tankstellen fürs Gemüt aufgebaut: gemütliche Holzhütten, in denen man einfach mit jemandem reden oder sich beraten lassen kann. Wahlweise durch Psychologiestudenten, die hier von der Theorie in die Praxiserfahrung kommen, oder von Senioren, die froh sind, sämtliche Lebensweisheiten weitergeben zu können, die ihre eigenen Kinder nicht mehr hören können oder wollen.

Um nicht nur der Einsamkeit, sondern auch den Virenwellen zu wehren, werden überall, wo im Sommer Eisdielen stehen, royale Hühnerbrühereien eingerichtet. Sie schenken preiswert nun eben richtig gute Hühnersuppe aus, wahlweise mit Ingwer, Knoblauch, Zitrone, Koriander. Na gut, in der Schanze und Eimsbüttel auch die vegane Variante. Das könnte Hamburgs neues To-go-Getränk werden: nahrhaft, gesünder als Matcha Latte und schmeckt nicht wie ein umgekippter Teich. In der Aula der Fachhochschule für Gestaltung in der Armgartstraße werden zum Zeitvertreib an dunklen Abenden kostenlose Kurse angeboten, wie man seine Kleidung selbst flicken oder umändern kann, schon um die Flut von Wegwerfklamotten einzudämmen, die offensichtlich aus sämtlichen Altkleider-Containern quillt.

Darüber bin ich nicht amüsiert, meine Lieben! Wer stattdessen an der frischen Luft sein möchte, aber trotzdem im warmen Gemeinschaftsgefühl baden mag, versammelt sich mit den Hamburger Goldkehlchen jeden Montag zur öffentlichen Mitsingstunde an wechselnden Locations in der Stadt. Moin, Moin, Hamburg, meine Perle!

Und, fühlt ihr die SchmuWeWos schon? Dann seid bitte nicht traurig, wenn ich ab März aus Eis wieder Alsterwasser werden lasse. Dafür mache ich einen anderen lang gehegten Traum wahr und lasse eine gigantische Hängebrücke über die Außen­alster spannen: Am Ende der Milchstraße wird sich die filigrane Konstruktion über das grüne Alstervorland aufschwingen zu einem atemberaubenden Höhenweg mit fantastischen Aussichten in alle Richtungen. Endlich übers Wasser wandeln!

Da­runter gleiten die ersten Boote der weißen Flotte, Enten und ein paar unverfrorene SUPler durch. Auf der anderen Seite kann man dann dort, wo eben noch die Saunafässer standen, wieder an Land gehen. Endlich wächst zusammen, was zusammengehört und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur mit viel Zeitverlust erreichbar ist: das rechte und das linke Alsterufer.

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