Große Freiheit

 

 

ST. PAULIS LUSTGÄNGERZONE 

 

 

Text: Till Briegleb  
Fotos: Julia Schwendner 

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 45

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„Wir waren der erste Club am Platz“, sagt Pfarrer Schultz. Er meint sein Gotteshaus. Das einzige Gebäude auf der Südhälfte der Großen Freiheit, das von der Straße zurücktritt und das auch sonst hier alle Regeln bricht. Die katholische Kirche St. Joseph hat eine Barockfassade, die römische und bayerische Stilelemente vereint und zwischen den dekorierten Hütten dieser Lustgängerzone aussieht wie ein Goldbarren im Bonbonladen. Statt wummernden Oldies und Hip-Hop erklingt vom elegant geschwungenen Dach alle 15 Minuten heller Glockenklang. Und dann ist da noch das mit der Sünde, die bei den Nachbarn praktiziert und hier als christliche Zentralverwerfnis angeprangert werden muss. Wobei das schon mal viel schlimmer war, bei den Nachbarn versteht sich.

Aber Karl Schultz ist kein Savonarola. Der Pastor sucht gute Nachbarschaft zum sündigen Gewerbe und ist auch bereit, sich ein wenig dem Stil seiner Schäfchen anzupassen. Einmal im Monat öffnet er seine Kirche samstagnachts, wenn draußen auf der Straße fröhlichste Ballermannstimmung herrscht, und dann unterbricht feinsinnigere Musik die Kakofonie in Dur und Viervierteltakt, die als röhrende Hauptstimme der großen Lustbarkeiten hier erschallt. Ein wenig Besinnung kehrt ein auf der Fleisch- und Promillemeile. Ein bisschen Club eben, aber der Einkehr. Doch das mit dem „ersten Club“ meint Pastor Schultz dann doch eher historisch. 

Obwohl frühere Generationen den Straßennamen Große Freiheit als große Befreiung von sexuellen Tabus verstanden, war die Bezeichnung ursprünglich auf Religionen gemünzt. 1601 richtete Graf Ernst zu Holstein-Schauenburg und Pinneberg im Dörflein Altona eine Sonderwirtschaftszone ein für Glaubensflüchtlinge und Gewerbetreibende, die dem Religionszwang ihrer Fürsten und dem Zunftzwang der Stadt Hamburg entkommen wollten. Also eigentlich das Vorbild chinesischer Sonderwirtschaftszonen, wo Dörfer zu Städten wurden, in denen der Kommunismus kapitalistisch sein durfte. Nur dass aus Altona keine Millionenmetropole wurde, sondern nur die deutsche Sündenhauptstadt.

Denn der Freigeist gedieh später unter dänischer Herrschaft am Nobistor weiter. Tolerante Fürsten, die natürlich auch von der Wirtschaftskraft ihrer Flüchtlinge profitieren wollten, boten unter anderem nach der Besetzung Hamburgs durch Napoleons Truppen Reichen und Armen Asyl. Und als Holstein und Hamburg wieder beide dem Deutschen Reich angehörten, entwickelte sich dieser Teil Altonas im Dialog mit der Vorstadt Hamburger Berg, die 1833 in Vorstadt St. Pauli umbenannt wurde, zum unregierbaren Ende der Stadt mit Weltruhm unter Matrosen, Weggelaufenen, Künstlern und anderen Rabauken mit Freiheitsdrang. 

Aber da war St. Joseph schon lange auf der Großen Freiheit, als Seelenbarke für die reuig Gefallenen katholischen Glaubens. 1723 eröffnet und nach Brand und Krieg zweimal wiederhergestellt, konnte man noch in den Achtzigern an Heiligabend Luden und ihre Damenbegleitungen in Pelzmänteln und mit goldener Rolex am Arm beim Weihnachtsgottesdienst Tränchen hinter ihren großen Sonnenbrillen verdrücken sehen. Das wurde ein rührendes Ritual auf der verrufenen Meile, nicht nur weil einige der prominentesten Sex-Club- und Bordellbesitzer aus Österreich, Bayern, Frankreich oder anderen katholisch geprägten Ländern stammten. Man wollte einfach ein bisschen Herz zeigen, wo die Große Freiheit nach dem Krieg allgemein als Babel der Gewalt und des Betrugs galt. 

Hier lag der Seiteneingang der berühmten Huren-Kaserne „Eros Center“, in der 1982 nach einer kleinen Prügelei zwischen zwei Prostituierten der Zuhälterkrieg mit Schusswaffengebrauch zwischen GMBH und Nutella seinen Ausgang nahm. Nach der Erschießung der beiden Nutella-Mitglieder „SS-Klaus“ Breitenreicher und „Angie“ Becker sowie dem Bauchschuss für den berühmten „Karate-Tommy“, dem Mann für die Abteilung Stress bei Nutella, liquidierten sich rivalisierende Loddels zunehmend gegenseitig auf dem Barhocker der „Ritze“ oder im Bayerischen Wald. Erst mit dem Dreifachmord des Auftragskillers Mucki Pinzner im Polizeihochhaus am Berliner Tor 1986, wo er den Staatsanwalt, seine Frau und sich selbst erschoss, endete das biblische Auge um Auge, Zahn um Zahn auf dem Kiez und führte zum Waffenstillstand. Mit ein bisschen Hilfe der „Lustseuche“. Denn mit dem Aufkommen von Aids als Ansteckungskrankheit in den Achtzigern war das Goldene Zeitalter von Stöpselspielen und Lamborghinis, Geldrollen mit Gummiband und frierenden „Tillen“ in neonfarbenen Stretchklamotten eigentlich zu Ende. Danach übernahm die Subkultur der Post-Punk-Ära Bar für Bar, Puff für Puff und verwandelte sie in Musikkneipen und Technoschuppen, in Clubs, Kabaretts und Galerien. 

Als Resultat dieser Entwicklung ist Sex auf der Großen Freiheit nur noch ein Teilaspekt. Die alten Erotik-Theater wie das „Salambo“ von René Durand in den Räumlichkeiten des alten „Star-Clubs“, wo erstmals echter Geschlechtsverkehr auf der Bühne „choreografiert“ wurde, sind längst alle dicht. Das „Safari“ mit dem berühmten Leucht-Elefanten über der Straße ist heute ein dumpfes Bierdorf zwischen der Hip-Hop-Bar „Brooklyn“ und dem „sauberen“ Nacktgeschäft des „Dollhouse“, wo Junggesellenabschiede für guten Umsatz sorgen und Nackttänzerinnen angeblich sofort fliegen, wenn sie sich wie früher Getränke auf Kosten der Gäste bestellen. Denn Sekt zu Fantasiepreisen und Abgabe der Armbanduhr mit Prügel auf dem Hinterhof soll es auf der neuen Freiheit nicht mehr geben. Hier herrscht jetzt nette Kultur. Die Großunternehmerin Olivia Jones lässt an einen ihrer vielen Travestie- und Strip-Clubs ein rosa Schild anbringen: „Pelzträger ecken hier an.“ Ein Meter Astra kostet nebenan 12,90 Euro, in der Shot-Bar jeder Drink 99 Cent. Es gibt mehr Techno-Clubs und Karaoke-Bars als Tabledance. Und Angst, der süße Reiz der Achtziger, hat sich komplett verflüchtigt. Hier ist einfach Ausgehmeile. 

Geblieben von der Zeit von Koksboom, Aids und „Bleivergiftung“, wie der Kieztod durch Handfeuerwaffe hieß, ist eigentlich nichts auf der längsten Straße der Welt, die in diesem Milieu der Jargonbegriffe wiederum so genannt wurde, weil Matrosen früher schwörten, man bräuchte vier Tage, um von einem Ende zum anderen zu kommen. Nur die Konzerthalle „Große Freiheit 36“ mit „Kaiserkeller“ ist immer noch da, direkt gegenüber von St. Joseph. Aber dieser Ort der Kiezhochkultur hat eine Geschichte, die weit vor die Zeit von Ringo Klemm und Kiezklatscher-Hentschel, von Stotter-Harry, Chinesen-Fritz oder Lackschuh-Dieter reicht. Inzwischen alle entweder tot oder „Künstler“ und Künstleragent geworden, wie der „Schöne Klaus“ Barkowsky oder die ewige „Kiez-Größe“ Kalle Schwensen, die es eigentlich nur noch dann in die Boulevardpresse schaffen, wenn mal wieder in Ohlsdorf Trauerreden auf irgendwelche Mythen der wilden Zeit in Sargform gehalten werden müssen. Denn Kultur, das ist doch erstaunlicherweise die zähere Tradition der Großen Freiheit, auch wenn es immer um Unterhaltungskunst ging. Speziell im „Kaiserkeller“ wurden Mythen geschaffen, die noch heute jeder kennt. Dort befand sich lange ein Hippodrom, wo „leicht beschürzte Damen“ zum Gejohle der Männer im Kreis ritten und das Fohlen „Fanny“ von den Gästen Bier erbettelte. Diese Szenerie wurde unsterblich, als Hans Albers hier für den Film „Große Freiheit Nr. 7“ die Sankt-Pauli-Hymne „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ sang, 1944, als auch St. Pauli nur noch wenige seiner großen Freiheiten genoss. 

Aber vor allem startete hier und im „Indra“ auf der nördlichen Freiheit die Karriere der Beatles. 1960 als lebende Jukebox für Tanzmusik aus Liverpool geholt, spielten John, Paul und George hier Hunderte Konzerte am Stück, lernten Ringo Starr kennen und starteten zu ihrer Weltkarriere durch, für die sie endlich auch in Hamburg gewürdigt werden. Seit 2008 beginnt die Große Freiheit an der Reeperbahn mit einem etwas mickrigen Beatles-Platz mit Geisterschablonen. Und im März 2020 eröffnet die glühende Beatles-Expertin und singende Führerin auf Fab-Four-Spuren, Stefanie Hempel, das Beatles-Festival „Come Together“ an den Originalschauplätzen, die erhalten sind wie das „Indra“, die Wiege der Pilzköpfe.

 

Auf dieser anderen Seite der Großen Freiheit, die hart durch die Ausfallstraße – benannt zu Ehren des Störtebeker-Jägers Simon von Utrecht – vom Glitzer-Rest getrennt ist, hatte immer das alternative Hamburg seine berühmten 150 Meter im Sinne der Freiheit. Hier eröffnete 1968 die Bewusstseinsgarage „Grünspan“, wie der berühmte Subkultur-Mythologe Hubert Fichte den Tanzschuppen mit seiner psychedelischen Lightshow, dem freien Drogenverkauf und dem Pop-Art-Wandbild von Dieter Glasmacher und Werner Nöfer einmal nannte. In den Achtzigern bezogen alternative Wohnprojekte denkmalgeschützte alte Pfarrhäuser im ruhigen Teil der Freiheit, und in der alten Fabrik gegenüber siedelten sich Künstler und eine Druckerei an, die über Jahrzehnte die ganze linksradikale Papierware des rebellischen Viertels gedruckt hat. Auf dem Dach der dortigen Tiefgarage wird seit Jahren Guerilla Gardening gepflegt, das auch nach der kommenden Bebauung des verwilderten Grundstücks mit Wohnungen und Gewerbe erhalten wird. Doch endet die Große Freiheit wieder in Tradition: Den Schlussstein bildet die Bäckerei Schumann mit ihrer Fünfzigerjahre-Fassade, einer der wenigen Orte, die sich im ständigen Wandel St. Paulis nicht verändern wollen.

Die St. Joseph-Kirche ist das stille Gelenk all dieser Aktivitäten, Erinnerungen und Traditionen. Aber auch sie verändert sich. In der Krypta der schönen Kirche befindet sich neuerdings ein Beinhaus. Gestapelte Schädel und Knochen von rund 150 Toten, die hier in den Katakomben begraben wurden. Als 1944 Bomben nur die Hülle der Kirche stehen ließen, verschütteten die Trümmer die letzte Ruhestätte. Aber bei der Renovierung 2015 wurden die Gebeine ausgegraben und sind seither in einem Gewölbe ausgestellt. Als Memento mori – Gedenke des Todes! 

Diese stille Mahnung hat natürlich an diesem lebensprallen Ort eine besondere Brisanz. Aber sie bleibt still. Man kann sie nur auf Anmeldung besuchen. Und Pfarrer Schultz will damit auch überhaupt nicht mit den vermeintlichen Sensationen der Großen Freiheit konkurrieren. „Jeder hier macht sein Angebot. Aber niemand sollte versuchen, die anderen zu übertönen. Das funktioniert sehr gut“, sagt er zum Abschied. „Und deswegen herrscht hier ein sehr freundlicher Umgang.“ Das ist die neue große Freiheit. Koexistenz statt Konfrontation. Ein Segen für alle.

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