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Tessa Aust

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: JULIA SCHWENDNER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 43

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Auf der mit Abstand bekanntesten Straße Hamburgs geht echt alles. Auf der Reeperbahn ist der kulturelle Puls Hamburgs immer am Anschlag. Die unzähligen Clubs und Läden sind Sehnsuchtsort für Millionen vergnügungsgierige Menschen. Jeden Tag. Besonders an den Wochenenden. Tessa Aust ist, gemeinsam mit Corny Littmann und Hannes Vater, Chefin des wahrscheinlich größten Betriebs dort, der allein schon rund eine halbe Million Gäste pro Jahr anzieht: der Schmidts Tivoli GmbH.

Tessa spricht zurückhaltend, mit Bedacht, ruhig, eher leise. Das fällt aber vielleicht nur deshalb auf, weil wir ja nun genau dort sind, wo eigentlich keiner ruhig ist, wo am Wochenende schon nachmittags alles quirlig, laut und bunt ist, wo jeder jeden unterhalten will, wo alles etwas greller ist. Aber das ist natürlich auch ein beliebter Trugschluss: zu meinen, dass jemand, der an exponiertester Stelle ein großes Unternehmen leitet, automatisch so sein müsse wie alles um ihn oder eben sie herum.

Angefangen hat hier im Schmidt Theater alles Ende der – vor allem auf dem Kiez ziemlich wilden – 80er. Da tourte Corny Littmann mit der „Familie Schmidt“ enorm erfolgreich durch Deutschland. Aber irgendwann wollte die freie Theatergruppe nicht mehr reisen. Heute kann man es sich eigentlich gar nicht mehr vorstellen, aber damals lag der Spielbudenplatz ziemlich verwaist und leblos am quasi falschen Ende der Reeperbahn. Genau dort mietete „Familie Schmidt“ das ehemalige Tanzlokal „Kaiserhof“ an und wurde endlich sesshaft. Seitdem hat sich vieles verändert: Mit Gründung des deutlich größeren Schmidts Tivoli 1991, gleich neben dem Schmidt Theater,
kam Norbert Aust als Gesellschafter und Geschäftsführer dazu. Gemeinsam mit Littmann baute er das Unternehmen zu dem auf, was es heute ist – dem wohl erfolgreichsten Privattheater Deutschlands, wo in den letzten drei Jahrzehnten nahezu ausnahmslos alle namhaften deutschen Künstler aufgetreten sind. Zum Unternehmen gehören seit der Eröffnung vom kleineren Schmidtchen insgesamt drei Bühnen, zwei Restaurants, zwei Bars und das „Angie’s“. Einen Eventbereich gibt es natürlich auch noch. Und einen Tourneebetrieb, bei dem Schmidt-Stücke auf Bühnen deutschlandweit aufgeführt werden. 

Tessa Aust ist Sozialökonomin und war, bevor sie 2017 zum Schmidt gekommen ist, bei Apple, wo sie sich um die Digitalisierung des Unterrichts in Norddeutschland gekümmert hat. Was ein ziemlich langfristiges Unterfangen war. „Im Kontrast dazu sind die Entscheidungswege hier im Theater deutlich kürzer. Mir ist es wichtig, mit der Zeit zu gehen, sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen und gleichzeitig die guten Traditionen unserer Häuser zu bewahren.“ Und das ist ja auch gar nicht so abwegig. Denn früher gab es noch mehr als 60 Theater an und auf der Reeperbahn. Davon sind nicht mehr viele übrig.

Dass Norbert Aust irgendwann an seine älteste Tochter Tessa übergeben könnte, war nicht unbedingt absehbar. Zumindest hat Tessa ihre Karriere nicht darauf ausgerichtet – auch wenn das Schmidt für sie immer sehr präsent war. Oder anders: Ihm war es vielleicht etwas früher klar als ihr. Durch die Staffel-Übergabe an seine Tochter ist aus dem Betrieb, bei dessen Gründung ja die „Familie Schmidt“ einen nicht ganz unerheblichen Anteil hatte, tatsächlich so was wie ein Familienunternehmen geworden. Im Schmidt wird man auch künftig auf eigene Produktionen und das eigene Kreativteam setzen, das für Erfolge wie den Dauerbrenner „Heiße Ecke“ und erfolgreiche Kinderprogramme wie „Der kleine Störtebeker“ verantwortlich ist. Und so wie es aussieht, kommt das Schmidt mit seinen drei Bühnen auch in den nächsten 30 Jahren komplett ohne Subventionen aus und bleibt einfach das erfolgreichste Privattheater Deutschlands. Mit allem, was dazugehört.

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