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Klein und fein
BÜCHERSTUBE STOLTERFOHT
Sie ist der kleinste Buchladen der Stadt: die legendäre Bücherstube Stolterfoht an prominenter Adresse, Rothenbaumchaussee 100. Nach dem Krieg als Provisorium erbaut, hält sie sich so gut, wie Übergangslösungen oft die Planung um Längen überdauern – und strahlt nun frisch restauriert.
Text: Robert Eberhardt | Fotos: Giovanni Mafrici
Der Geruch von frisch gestrichenem Holz verrät den neuen Zustand dieser historisch anmutenden Umgebung. 2025 wurde der Bücherpavillon komplett auseinander- und wieder zusammengebaut, eine denkmalpflegerische Großtat, ein Hausmikado. Als ob nichts gewesen wäre, sitzt nun Buchhändler Frank Bartling an diesem sonnigen Frühlingstag um 13 Uhr hinter dem Kassentresen und teilt mit: „Seit 10 Uhr habe ich geöffnet, und bisher war ein einziger Kunde da.“ Ja, es gab weitaus rosigere Zeiten für den stationären Buchhandel als in diesen unaufrichtigen Tagen, an denen Fotos von „cozy bookstores“ online mit einem Herzchen versehen werden, aber das Buch dann trotzdem aus Versehen oder Gewohnheit bei Jeff Bezos bestellt und jedwede Wertschöpfung dem amerikanischen Techkonzern übertragen wird, obwohl man doch abends in Winterhude so inbrünstig gegen Trump und seine Unterstützer argumentiert.
Frank Bartling hat das Schicksal der Zeit angenommen. Es kommen vor allem treue Kunden, manchmal auch Passanten aus dem U-Bahn-Schacht. Manche Stammkunden spenden, damit dieser Bücherort der Hansestadt erhalten bleibt. Doch das hat Frank Bartling bereits geschafft, denn er hat seine Buchhandlung an die Zukunft verschenkt und damit den ewigen Fortbestand gesichert. Eine kreative und einzigartige Lösung. Wie kam es dazu?
Seit 1949 behauptet sich die Bücherstube an der Rothenbaumchaussee 100 als ein eigenwillig kostbares Stück Stadtgeschichte. Der kleine Verkaufspavillon, entworfen von Werner Kallmorgen, der durchaus auch größer konnte, Kaispeicher A, Spiegel-Hochhaus, ist ein Artefakt jener frühen Nachkriegsmoderne, die aus der Verweigerung des Überflüssigen eine ästhetische Tugend formte. Wer hier, unweit des Hamburger Grindelviertels, lebt, zwischen alten Bäumen, gediegenen Fassaden und der diskreten Noblesse des Viertels, mag sich fragen, weshalb es noch des literarischen Eskapismus bedarf. Bücher gelten als Vehikel des Rückzugs, als Passage in Gegenwelten. Doch am Rothenbaum ist die Welt selbst bereits von einer Dichte, die kaum Flucht verlangt. Gerade darin liegt die Pointe dieses Ortes. Die Literatur tritt hier nicht als Gegenentwurf zur Wirklichkeit auf, sondern als ihre Verfeinerung.
Auf nur 44 Quadratmetern entfaltet sich eine klare Holzkonstruktion mit weit gespannter Transparenz, die nicht nur der Straße, sondern auch dem Geist offen entgegentreten mag. Die präzise proportionierten Flächen wirken wie eine architektonische Fußnote zu jener Hamburger Haltung, die Nüchternheit nicht als Verzicht, sondern als intellektuelle Form der Weltanschauung verstand.
Bemerkenswert ist neben der architektonischen Qualität vor allem der rechtliche und konstruktive Status des Bauwerks. Es handelt sich um eine sogenannte Mobilie. Die Konstruktion ist so ausgeführt, dass das Gebäude demontiert, transportiert und theoretisch an anderer Stelle wieder aufgebaut werden kann. Dass der Pavillon gleichwohl seit Jahrzehnten am Rothenbaum verweilt, zeugt von einer aktiven Entscheidung für den Standort.
Die geistige Dimension dieses Ortes gründet in der Biografie seiner Gründerin. Greta Stolterfoht emanzipierte sich 1933 nicht nur von tradierten Rollenzuschreibungen, sondern begründete als Buchhändlerin eine eigene wirtschaftliche Existenz. In einer Zeit politischer Verwerfungen und gesellschaftlicher Restriktionen bedeutete dies weit mehr als berufliche Selbstständigkeit: Mut und Zivilcourage. Es war ein Akt kultureller Behauptung. Stolterfoht führte nicht nur ein möglichst gutes Programm, sie ließ auch jüdische Stammkundinnen aus ihrer Hinterstube telefonieren, im damaligen Laden in der Maria-Louisen-Straße – den sie auf Druck der Nazis aufgeben musste. Nach 1945 entwickelte sich die Bücherstube am Rothenbaum zu einem literarischen Treffpunkt. Autoren wie Helmut Heißenbüttel, Peter Härtling und Hubert Fichte waren mit dem Ort verbunden. Horst Janssen schließt 1973 mitten am Tag ab und veranstaltet eine Lesung aus eigenen Werken. Da hat den Laden schon Gretas Tochter Margrit geerbt, die ihn erfolgreich weiterführte. Sicher half es, dass der benachbarte NDR stapelweise bestellte. Mitte der 90er übergab sie an Bartling.
Nach über siebzig Jahren kontinuierlicher Nutzung machte zuletzt doch die Zeit ihre Ansprüche geltend. Witterung und Materialermüdung erforderten eine Instandsetzung. Um den Fortbestand des denkmalgeschützten Gebäudes zu sichern, wurde 2025 eine tragfähige Eigentumsstruktur geschaffen. Bartling übertrug das 1998 erworbene Eigentum an die Stiftung Denkmalpflege Hamburg, wodurch die Voraussetzung für eine denkmalgerechte Sanierung entstand. Die Hermann Reemtsma Stiftung übernahm Finanzierung und Organisation der Maßnahmen, behutsam durchgeführt vom Architekturbüro Klaus und Schulz.
Von Juni bis Dezember 2025 wurde der Pavillon mit einem Aufwand von rund 500.000 Euro instand gesetzt. Leitend war der Grundsatz größtmöglicher Substanzerhaltung. Das Gebäude wurde behutsam zerlegt, jedes einzelne Holzpaneel nummeriert, restauriert und am historischen Standort wieder zusammengefügt. Ergänzungen orientierten sich an fotografischen und materiellen Befunden. Ein ursprünglich geplanter Wasseranschluss wurde realisiert, damit endlich auch ein eigenes WC. Zaun und Markise rekonstruierte man auf Grundlage überlieferter Bildquellen. Während der Bauzeit blieb der Buchhandel in einem benachbarten Provisorium in Betrieb, sodass die geistige Kontinuität des Ortes gewahrt blieb.
Heute steht die Bücherstube erneut in jener stillen Selbstverständlichkeit am Rothenbaum, die sie seit 1949 auszeichnet. Als Mobilie wäre sie versetzbar. Als kultureller Ort ist sie es nicht. Ihre Architektur trägt die Idee der Beweglichkeit in sich, ihre Geschichte jedoch bindet sie an genau diesen Stadtraum.
Gegen 13.30 Uhr kommt dann doch ein zweiter Kunde in den Laden. In seinem Stuhl sitzend zeigt Frank Bartling auf Titel, die er empfiehlt. Der Kunde muss selbst dorthin laufen und das Buch suchen. Der Buchhändler scheint mit seinem Pavillon verwachsen zu sein. Keine Kooperationen, eine junge Kollegin, kein Instagram. Er, seine Beratung aus dem Stegreif mit geradezu enzyklopädischem Fachwissen, die Druckwerke – und wenn es eben so kommt, die Kunden – dann aber sehr gern.
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