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Still smashing
LE LION
Mit dem Drink Gin Basil Smash hat Jörg Meyer Hamburg auf die globale Barkarte gehievt. Seine Bar „Le Lion“ zählt zu den internationalen Hotspots der gepflegten Barkultur. Über einen Landjungen von Weltformat.
Text: Regine Marxen | Fotos: Philipp Trochim
Du kriegst die Leute aus dem Dorf, aber das Dorf nicht aus den Leuten. Gut so, sagt Jörg Meyer. Deshalb mag er die Großstadt. Aufgewachsen ist er in Bünne bei Dinklage im niedersächsischen Irgendwo. Genauer: im Landgasthof Meyer-Bünne, der bis heute in Familienhand ist. Meyer stand schon als kleiner Junge im Schlafanzug hinter dem Tresen. „Da gab es eigentlich nie Ruhe. Selbst am Ruhetag klingelten morgens die Nachbarn.“ Der Gasthof war Lebensmittelpunkt und Arbeitsplatz zugleich, Privatsphäre blieb eher ein theoretisches Konzept. Anstrengend, weil jede Möglichkeit der Abschottung fehlte. Schön, weil daraus Nähe entstand. Die unmittelbaren Begegnungen, das Gespräch als Werkzeug. „Ich habe viel vom Land kennen- und lieben gelernt. Ich weiß aber auch um die Nachteile. Die Mischung ist wichtig.“ In seiner Bar „Le Lion“ wird diese Mischung zum Konzept: Zugewandtheit trifft auf Anonymität. Sie ist ein zeitloser Ort; er führt sie seit 18 Jahren. Hier hat er echte Bargeschichte geschrieben.
Ein Landkind von Weltformat. Meyer ist gern in Bünne aufgewachsen. Aber nach der Schule zog es ihn weg. Erst nach Berlin, wo er merkte, dass ihm die Großstadt lag. Zurück in Niedersachsen überlegte er, wie es weitergehen sollte. „Ich bin nicht so der geplante Mensch“, sagte er. „Reiner Pragmatismus.“ Ein Studium dauerte ihm zu lange, Gastronomie kannte er. Also bewarb er sich bundesweit für eine Ausbildung im Hotelfach, idealerweise in einem großen Haus – und wurde überall abgelehnt. Gute Hotels hatten damals lange Wartelisten für Auszubildende. Meyer fuhr nach Hamburg und lief die Hotels persönlich ab. Im Hotel Elysée war gerade jemand abgesprungen. Zwei, drei Wochen später begann er dort seine Ausbildung.
Die Bar war damals nebenan und für ihn doch weit entfernt. Im Elysée arbeitete Meyer zunächst ausschließlich im Restaurant. Am Abend begegnete er dem kleinen Barteam. Beim Abräumen, Gläserspülen, in kurzen Momenten am Tresen sah er, wie dort gearbeitet wurde. „Die Barleute waren einfach cooler“, sagte er. „Da war mehr Neugier im Raum.“ Das reizte ihn. Abseits des Hotels bildete er sich weiter. „Als Trinker“, wie er grinsend sagt. Sein Trinkgeld investierte er in der „Old Fashioned Bar“ und der „Harry’s New York Bar“. Dort probierte er sich durch die Klassiker, beobachtete Techniken. Im Elysée erlernte er das Handwerk des Gastgebers. Die Mischung aus Distanz und Nähe, wie sich ein Abend entfaltet, wenn jemand führt, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Beobachtungen, die seine Art, eine Bar zu denken, bis heute prägen.
„Der Löwe“. Dass die Bar „Le Lion“ überhaupt entstehen konnte, lag auch an Rainer Wendt. „Last Man Standing“, sagt Meyer. „Den kenne ich seit über dreißig Jahren.“ Kennengelernt hatten sie sich im Restaurant „Atlas“ in Altona, wo Meyer nach seiner Ausbildung als Barmann arbeitete und später Teilhaber wurde. Sie verstanden sich schnell, teilten denselben Pragmatismus. Erst machen, dann schauen. Meyer sehnte sich zunehmend nach einem eigenen Ort, genauer einer eigenen Bar. In der Innenstadt sollte sie liegen. Ein neutrales Gebiet, weniger trendgetrieben, im Herzen Hamburgs. Die Gelegenheit ergab sich gegenüber vom „Café Paris“, das Wendt heute noch führt. Dort wurde ein früheres Versicherungszimmer frei. Klein, ein Raum ohne Fenster, eigentlich nicht ideal für eine Bar. Egal, könnte klappen, dachte er sich. Erst machen, dann schauen. 2007 eröffnete Meyer das „Le Lion“. Rainer Wendt ist bis heute sein Partner. Das erklärt den Beinamen der Bar: „Le Lion. Bar de Paris“.
Die ersten Jahre? Eher schwierig. Die Hamburger Innenstadt war damals noch eine andere. Tagsüber herrschte Betrieb, doch am Abend wurde es leer. „Wie im Wilden Westen. Verlassene Straßen, durch die Strohballen wehten“, erinnert er sich. „Ein ganz harter Fight um jeden Gast.“ Heute sei Hamburg eine internationale Stadt, die Innenstadt ziehe deutlich mehr Gäste an, insbesondere Touristen, die gezielt für Wochenenden des Genusses kommen. Viele sind aus Skandinavien. Und wenn sie zu ihm kommen, an seinen Tresen, hinter dem die Löwenskulptur heroisch über das Geschehen wacht, dann wollen sie vor allem eines: den Gin Basil Smash. Denn hier, in der Bar „Le Lion“, wurde er erfunden.
Es geschah 2008. Jörg Meyer und seine Frau waren gerade in New York gewesen und hatten den Whisky Smash entdeckt. Der Cocktail aus Bourbon und Minze wurde damals von Barkeepern wie Dale DeGroff und Audrey Saunders neu interpretiert. „Total gut“, dachte sich Jörg Meyer. Daheim servierte er eine Variante mit Gin, die Spirituose war gerade angesagt. Die Minze mopste er sich im „Café de Paris“ gegenüber. „Mit Genehmigung natürlich, man ist ja befreundet und arbeitet zusammen.“ Eines Tages stand dort statt Minze haufenweise Basilikum. „Die wollten anscheinend Pesto machen.“ Interessant, dachte er. Müsste eigentlich funktionieren, denn beim Zerdrücken, dem Muddling, wird Basilikum nicht bitter. Also warum nicht Basilikum statt Minze? Er mixte. Er sah, was geschah. Und siehe da, es wurde gut. Richtig gut.
Das ursprüngliche Rezept für den Gin Basil Smash – Gin Pesto veröffentlichte Meyer am 10. Juli 2008 auf seinem damals einflussreichen Bitters-Blog. Wie erfolgreich seine Kreation werden sollte, ahnte er damals noch nicht. Es machte nicht sofort Bäm, und die Bar war auch nicht schlagartig voll. Der Drink musste sich erst herumsprechen. 2008 gab es noch kein Instagram, wo er heutzutage mit seiner frischen, grünen Farbe hervorragend posieren kann. Dennoch, die Sache nahm Fahrt auf. Erst in der Szene selbst. Schon ein Jahr nach der Eröffnung wurde das „Le Lion“ bei den „Tales of the Cocktail“ in New Orleans zur weltbesten Bar-Neueröffnung gekürt. Seit 2011 gehört es regelmäßig zu den 50 besten Bars der Welt. Der Gin Basil Smash wurde vom Difford’s Guide auf Rang drei der beliebtesten Drinks weltweit gelistet. Im „Löwen“ macht er laut Meyer zwischen einem Drittel und einem Viertel des Gesamtumsatzes aus. Eine Erfolgsgeschichte.
Meyer, heute Vater dreier Kinder und immer noch überzeugter Wahlhamburger, ruht sich nicht aus auf dem Erfolg. Er plant, künftig regelmäßig am Samstagnachmittag zu öffnen, denkt über eine „Glückliche Stunde“ nach. Dezente Veränderungen, der Kern der Bar bleibt unberührt. Das „Le Lion“ ist eine Institution. Gin mag nicht mehr hip sein, mit Basilikum wird er zum Klassiker. Zeitgeist vergeht. Landkinder wissen das. Der Gin Basil Smash besteht.
Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 70







