Paper’s Delight

 

 

BETHGE, KATHLEEN NUFER 

 

 

Text: Simone Rickert
Fotos: Giovanni Mafrici 

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 45

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Von der Idee bis zum fertigen Produkt im Laden sind es knapp vier Kilometer Luftlinie: Gedruckt wird am Fischmarkt, und das Ladengeschäft in den Hohen Bleichen kennt wohl jeder Hamburger. Als wir in der Druckerei zu Gast sind, wird gerade ein Weihnachtsmotiv auf Grußkarten gedruckt. Palme, mit kleiner Christbaumkugel dran baumelnd – ironisch, modern, beliebt und damit irgendwie typisch hamburgisch. Im Druck eine Präzisionsarbeit, alle drei Farben werden nacheinander aufgetragen und passen am Ende perfekt ineinander. 

Kathleen Nufer führt uns durch die Druckerei: Platz für fünf Siebdruck-Pressen, das Papierlager, fertige Produkte und die Designbüros. Geschäftsführerin ist sie erst seit knapp drei Jahren – aber „schon immer im Geiste“. Sie erzählt, wie sie vor 20 Jahren von der Schwäbischen Alb nach Hamburg kam und so ziemlich als Erstes den schon damals alteingesessenen Papierwarenladen entdeckte, sich dachte: „Ist das ein cooler Laden! Wenn ich groß bin, möchte ich da arbeiten.“ Seitdem war sie begeistert, wurde zwar erst mal Marketing-Spezialistin, aber sie war Stammkundin, lernte die Firmengründerin kennen, organisierte gemeinsame Schreib-Coachings: „Als Frau Bethge mich fragte, ob ich ihre Nachfolgerin werden möchte, weil sie sich in den Ruhestand zurückziehen wollte, da habe ich relativ schnell überlegt und Ja gesagt. Für mich war das eine große Ehre.“ Vom Siebdruck hatte sie da zwar noch nicht viel Ahnung, dafür gab sie ihre eigene Marketing-Agentur auf und folgte ihrer Überzeugung: Wertschätzung ist im geschäftlichen wie privaten Kontakt unbezahlbar. 1000 E-Mails sind nichts gegen eine handgeschriebene Grußkarte, ein liebevoll ausgesuchtes Geschenk, verpackt in handbedrucktem Papier.

 

„Manufaktur ist bei uns kein Modewort, hier in Hamburg wird wirklich alles gemacht. Der große Unterschied zu anderen Druckereien ist unsere Kontrolle vor Ort, die Qualität ist immer gleichbleibend.“ 

20 Arbeitsschritte bis zum fertig verpackten Produkt, alle bis auf einen finden hier in der Druckerei statt: Der Entwurf am Computer durch die Grafikdesigner wird schon gemeinsam mit Drucker Matthias Nickel angelegt, er kann beurteilen, ob das Motiv am Ende auch zum Druck geeignet ist. Kunden können individuelle Motive zwar auch in den Läden oder online bestellen, aber viele kommen sehr gern persönlich in die Druckerei. Kein Wunder, es duftet nach Farbe, die Pressen rattern in einem beruhigenden Gleichklang, die Auswahl der edlen Papiere und Kartons kann einen vor Begeisterung ausflippen lassen. Matthias kann einschätzen, wie dünn eine Linie sein darf, damit sie noch mit einer bestimmten Farbe druckbar ist. Lackfarben sind dünner als die changierende Bronzefarbe mit Metallpigmenten, die Maschen der Gaze, die als Sieb beschichtet wird, müssen dementsprechend fein sein. Das Gewebe, das er uns für das gerade entstehende Weihnachtsmotiv zeigt, spannt 124 Fäden auf einem Quadratzentimeter. Millimeterarbeit wäre untertrieben. Doch erst mal muss das Sieb als Vorlage entstehen. Die gelben Flächen auf dem Sieb sind offen, die grüne Fläche ist farbundurchlässig. Mit einem Rakel, einer Art Pinsel mit weichem Gummibart, wird die Farbe durch das Sieb auf den Karton gestrichen. So fein, auch ein @-Zeichen kann man in Schriftgröße 6 noch darstellen. Da hätte selbst die Offset-Druckerei ihre Grenzen. Doch das funktioniert nur, wenn man so viel Expertise mitbringt wie Matthias, in über 20 Jahren hat er seine Erfahrung mit den Materialien gesammelt und kann auch die anspruchsvollsten Wünsche realisieren. Als Kathleen zum Beispiel auf die Idee kam, den beliebten Mondkalender für das kommende Jahr in Silberpigment-Farbe auf schwarzem Karton zu drucken, dazu noch mit changierendem Farbverlauf, für den zwei Farben ineinander gegossen werden, war das eine echte Herausforderung – das Ergebnis ist ein Meisterwerk. „Das ist die hohe Kunst, das Sahnehäubchen. So etwas könnten wir ohne Matthias nicht drucken“, Kathleen ist stolz darauf, mit so kundigen Menschen arbeiten zu dürfen. Die meisten Mitarbeiter sind schon zehn, zwanzig Jahre dabei.


Allein in der Druckerei kommen bei zehn Leuten insgesamt 150 Jahre Bethge-Erfahrung zusammen. Mit den Verkäufern in den drei Bethge-Concept-Stores Hamburg, Düsseldorf und München sind es beachtliche 28 Mitarbeiter. Der Papiereinkauf ist ebenso entscheidend wie das Handwerk. Welche Papiere geeignet sind und vor allem, wo man sie bekommt, weiß Frau Ellerbeck, seit 26 Jahren im Unternehmen. Ihr Know-how gehört zu den Betriebsgeheimnissen. Sie kümmert sich auch um die Druckabwicklung und die liebevolle Kundenbetreuung. Fünf bis sechs Korrekturrunden sind nicht selten, aber dafür hält ein Brautpaar dann auch das Set aus Einladungskarten, Tischkarten, Dankeskarten in den Händen, mit dem es wirklich glücklich ist. 

Bianca Endres kennt viele Hamburger Kunden seit Jahren persönlich, manchmal kommen sie auch nur kurz zum Hallosagen in den Laden, weil die Atmosphäre so angenehm ist. Stöbern neue Geschenkpapiermotive durch, lassen ein Schreibgerät, wie man hier sagt, reparieren, Ledermappen aufarbeiten. „Es gibt hier kein Wegwerfprodukt. Wir stehen für das, was bleibt.“ Kathleen rührt es, wenn ein Vater für seine Tochter für ihre Reitturnier-Siege ein individuell geprägtes Album aus der exklusiven Bethge-Kollektion bestellt oder bei ihr der erste Füllfederhalter des Lebens ausgesucht wird, damit die Großmutter dieses Jahr nicht wieder eine SMS, sondern eine handgeschriebene, handgedruckte Karte bekommt. Dann weiß sie, dass sie mit ihrem Einstehen für persönliche Wertschätzung genau das Richtige tut. 

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