Porträt –

Der Würstchenachter

 

 

AUTORIN: SIMONE RICKERT

FOTOS: PHILIP REISS

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 44

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Wenn im Hamburger und Germania Ruder Club jemand „Würstchen“ gerufen wird, dann ist das keine Beleidigung. Im Gegenteil, es schwingt Kameraderie und Respekt mit, denn die Ahnen dieser Herren haben den Spitznamen für sich und ihr Boot mit einer historischen Versöhnung erworben. Angefangen hat alles kurz nach dem Krieg. „Der Club“, wie man den ältesten Ruderclub außerhalb Englands hier schlicht nennt, war von der britischen Militärverwaltung  beschlagnahmt worden. Ein kleines Grüppchen Hamburger Jungs erwirkte mit guten Manieren und englischen Sprachkenntnissen, dass sie trotzdem wieder trainieren durften. Aber das Clubhaus mit Restaurant blieb weiterhin tabu. Da die Geselligkeit hier schon immer zum Sport dazugehörte, ließen sie sich was einfallen: Einer brachte Würstchen mit, einer Brot und ein Dritter einen Pott und Tauchsieder. So wurde das traditionelle Abendessen nach dem Training einfach im Windfang der Bootshalle zubereitet. So viel Hartnäckigkeit muss auch den Briten ein Schmunzeln entlockt haben, jedenfalls hatten  die  Jungs  schnell  ihren  Spitznamen „Die Würstchen“ weg und trugen ihn fortan mit Stolz. Jetzt rudert schon die dritte Generation unter diesem  Namen,  Durchschnittsalter  74,4 Jahre. Einen Chef brauchen sie nicht, aber einen Dienstältesten haben sie: Klaus Soltau, Jahrgang 1938, seit 1957 im Club und seit dreißig Jahren Würstchen. Er ist der Schlagmann, gibt den Takt vor, und das tut er zügig. Schließlich rudert er Masters-Regatten – inzwischen in der Altersklasse 70 plus. Rudolf Dahlke ist heute  zum  Steuermann  ernannt  und  steckt sich eine Feder ins Haar, damit ihn auch keiner übersieht.

Übrigens nicht der beliebteste Job an Bord: wenig Bewegung, viel Verantwortung. Er ist der Einzige, der in Fahrtrichtung guckt. Die beiden und ihre Crew Hans Eisenträger (mit Jahrgang 1934 der Älteste), Joachim Helm (1937, seine Mutter hat schon die Club-Jugend trainiert und ihn als Kielschwein mitgenommen), Axel Reiss (Vater unseres Fotografen), Björn Staub  und  Rüdiger  Schwarz  nennen  sich  die Alt-Würstchen. Harald Fritze (1961) und Frank Morgenstern (1962 und Träger mehrerer Goldener Wentzel-Nadeln für Hochgeschwindigkeit) sind noch Jung-Würstchen, und betrachten sich lachend als „Dauerleihgabe“. Alle neune, acht Ruderer plus Steuermann, zum dritten Mal durchgezählt, sind vollzählig.

Jetzt wird angepackt: Ihr 230 Kilo schwerer Mahagoni-Achter, der ebenfalls auf den Namen „Die Würstchen“ getauft ist, muss aus der Bootshalle gehievt werden. „Das kriegen wir grad noch hin“, wehrt Rudolf chefig ab. Natürlich packen ungefragt ein paar Jungs und Mädels aus der Jugendgruppe mit an. Ehrensache. 17,50 Meter Mahagoni gleiten Heck voran in die Alster. So was wird heute gar nicht mehr gebaut: zu teuer, für Regatten auch zu schwer, aber stabil und natürlich viel schöner als Kunststoff. Allgemeines Wuling beim Einsteigen, „Hey, das ist mein Platz“, Skulls sortieren – das Gleichgewicht des ranken Bootes wahren die erfahrenen Herren dabei wie im Schlaf. Beim Ablegen Richtung Krugkoppelbrücke gibt Vorstandsmitglied Oliver Ernst ihnen den letzten Schwung vom Steg weg, dann die Alster rauf bis zum An- schlag, heißt bis Ohlsdorfer Schleuse und zu- rück. Rund 18 Kilometer in zwei Stunden, das


ist ihr übliches Pensum, zweimal die Woche. Wir dürfen bei Lars Christiansen im Begleitboot mitfahren. Bei dem Wetter ein Traum, das angesagte Gewitter zieht links der Alster vorbei. Nur das Wasser ist ziemlich kabbelig, das mögen die Ruderer nicht so sehr. Die wunderbar elegante Bewegung, wenn die Skulls knapp über die Wasseroberfläche ziehen und dann alle acht beidseitig synchron eintauchen und durchziehen, gelingt bei null Wind perfekter. Dafür haben die Segler heute ihren Spaß. Startschuss zur Mittwochsregatta, die Alster ist voll. Lars hält sein Motorboot plus die Würstchen schön am westlichen Alsterufer, per ungeschriebenem Gesetz die Seite der Ruderer und unter Alsterratten als „Autobahn“ bekannt. Schon bald sind die Würstchen außer Sichtweite! Auf der herrlichen Terrasse des Clubs sitzt bereits Roelf Janssen und lässt sich ein Bier in der Abendsonne schmecken. Er ist Jahrgang 1934, seit 1952 im Club und hat noch mit den Ur-Würstchen gerudert. Sein Herz macht das Training nicht mehr mit, aber den geselligen Teil danach möchte er nicht missen – und die Würstchen ihn auch nicht. Er erzählt von den Wanderfahrten, die sie ein-, zweimal im Jahr unternehmen: kein Fluss im   Umkreis von 1000 Kilometern, den sie noch nicht befahren haben. Lars war neulich mit auf der Müritz: „Die sind vielleicht nicht mehr die schnellsten, aber sie wissen immer, wo das beste Lokal ist.“ Nach und nach steigen die übrigen Würstchen frisch geduscht auf die Terrasse: „Ein kleines Bier, bitte, oder nee … mach mal doch ein großes.“ Endlich wird eine Runde Würstchen für alle geordert und unter großem Hallo verteilt. Humor, Freundschaft und sportliches Training bei jedem Wetter außer bei Eisgang – das hält die Würstchen in Top-Form und eine wahre Hamburgensie aktiv.

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