Porträt –

Bombenentschärfer

 

 

AUTORIN: SIMONE RICKERT 

FOTOS: JULIA SCHWENDNER

„Entschärfung, Sprengung, Abtransport – das ist unser Auftrag“, so bündig fasst Hermann Borelli seine Auf-gaben als Sprengmeister beim Kampfmittel-räumdienst Hamburg zusammen. Nüchtern, sachlich, mit leichtem Hamburger Zungenschlag gewährt er uns Einblick in eine Arbeit, bei der er und seine Kollegen ihr Leben riskieren, um uns Bürger vor Gefahren zu schützen, von denen wir nichts ahnen. Bei einem echten Einsatz zusehen dürfen wir natürlich nicht, verboten. Ist auch ganz gut so: Denn sie legen ihre Hände an die explosiven Überbleibsel der Kriege.


Borelli empfängt uns also in seiner Dienststelle. Büros, Einsatzfahrzeuge, Werkstatt, unzählige entschärfte Kampfmittel, die zu Lehrzwecken hergerichtet wurden. Kaum ist ein Kaffee eingeschenkt, geht um 10.07 Uhr sein Pieper: „Vollalarm. Kampfmittelfund in Blankenese.“ Jetzt startet eine genau festgelegte Alarmierungskette. Der Entschärfer Ronald Weiler steckt den Kopf zur Tür hinein: „Ich fahr da jetzt hin.“ Zum ersten Angriff, wie man sagt: Sichtung und Identifizierung des Objekts, Gefahrenanalyse der
Einsatzstelle. Eine Minute später ist die Sirene seines Dienstfahrzeugs außer Hörweite. Vor Ort entscheidet der Kollege, welche Technik, welche personelle Unterstützung er braucht, hält Rücksprache mit Polizei, Katastrophenschutz, Rettungsdiensten, Hochbahn, plant eine Evakuierung des Gebietes, Luftraumsperrung – wenn nötig, das volle Programm. Und erst, wenn alle anderen, Mensch und Tier, in Sicherheit sind, macht er sich an seine Arbeit. Übrigens zum Nulltarif für den Bürger.


Das klingt alles ganz selbstverständlich, wenn Borelli den regelhaften Ablauf erläutert. Über die Lebensgefahr könne man sich da nicht jedes Mal Gedanken machen, findet er. „Wir haben einen gesunden Menschenverstand, Vertrauen in unsere Fähigkeiten und gehen mit gehörigem Respekt an jeden Einsatz heran.“ Das Handy klingelt: „Ja, Ronald, ich höre.“ 15-Kilo-Phosphorbrandbombe (so groß wie ein Feuerlöscher), britisches Fabrikat, die macht der Kollege jetzt transportsicher. Sein Schutzanzug: Lederhandschuhe, ein Overall aus Baumwolle, schwer entflammbar, mehr nicht, ist auch nicht vorgesehen. Borelli macht klar:

 

„Wenn sich etliche Kilo militärischer Sprengstoff in einer Entfernung von 40 bis 80 Zentimetern – so lang sind meine Arme – detonativ umsetzen, gibt es auch im Spezialschutzanzug keine Überlebenschance.“


Kein Kampfmittelfund ist wie der andere. Meist stecken sie im Dreck, kaum erkennbar, wo der Lehm aufhört, wo die Bombe anfängt. Es gibt Hunderte verschiedener Modelle, Granaten, Munition, defekte oder intakte Zünder, Sprengbomben, die ihre tödliche Wirkung durch Gasschlagwirkung entfalten, oder Brandbomben, gefüllt mit einem hoch entzündlichen Gemisch aus Kautschuk und Phosphor. Die Identifizierung des Modells und seines Zustands ist der erste wichtige Schritt, um es unschädlich zu machen. „Und machen Sie das mal mit geschlossenen Augen“, Borelli meint die Taucher, die im schlickigen Elbwasser praktisch keine Sicht haben und all diese Informationen ertasten müssen. Kollege Weiler ist Taucher, einen riesigen Respekt hat er vor dessen Arbeit. Die drei Sprengmeister und sechs Entschärfer des Teams sind spezialisiert auf historische Kampfmittel. Der suspekte Rucksack auf dem Bahnhof, für den ist die Polizei zuständig. Im Schnitt sind die Kampfmittelräumer täglich einmal im Einsatz. Ihre Ausbeute: sechs bis sieben Tonnen Munition und Waffen, abzüglich der Ummantelung sind es vier Tonnen Explosivstoff, die freigelegt werden – pro Jahr! Zum Großteil amerikanische oder britische Modelle.

 

Schätzungsweise 20 Prozent der Blindgänger aus den Luftangriffen liegen noch in der Stadt. „Die letzte Bombe werden wir nie finden“,
meint Borelli.


Die technischen Hilfsmittel haben die Ingenieure hier teils selbst entwickelt: wie die Hochdruckwasserschneidanlage, die es ermöglicht, aus 70 Meter Entfernung einen Zünder sauber herauszuschneiden. Aus der Luft überwacht ihre Drohne den Einsatzort. Sicherheit durch Technik. Hier ist allen klar, dass ihr eigenes und das Leben anderer davon abhängt, dass sie ihren Job ordentlich machen. Dazu gehört nicht nur Fachkenntnis und Technik, sondern auch absolute Disziplin. Nach jedem noch so anstrengenden Einsatz wird die gesamte Ausrüstung umgehend wieder klargemacht, denn der nächste Alarm kann jede Minute eingehen. Wenn andere am Freitag um 14 Uhr die Füße hochlegen, beginnt für die bereitschafthabenden Sprengmeister der Dienst. Die Funde gibt’s leider nicht nur innerhalb der Geschäftszeiten. Und wenn das Kind gerade Einschulung hat, während Papa an einer Bombe arbeitet, ist das hart. „Wir arbeiten hier mit zwei Teams“, so Borelli, „das eine sind meine Kollegen, die hier morgens zur Besprechung zusammensitzen. Mein anderes Team hab ich zu Hause. Ohne unsere Familien wären wir nicht mal 50 Prozent wert.“
Er hat sich für diesen Job vor über 30 Jahren mit seiner Frau gemeinsam entschieden. Davor war er Berufssoldat, heute bezeichnet er sich als Hamburger Patrioten:

 

„Ich bin 1974 in die Armee eingetreten, weil ich dachte, ich müsste die Sicherheit für Deutschland herstellen. Heute sehe ich das als Hanseat ein bisschen anders. Wenn man diese Arbeit macht, wird man zum Pazifisten!“


Seit 1949 der Feuerwerker Westermann bei der Entschärfung einer Langzeit-zünderbombe ums Leben kam, gab es keine Toten und Verletzten mehr bei den Kampfmittelräumern. Das strenge Sicherheitskonzept zahlt sich aus. „Jeden einzelnen Tag sind wir wieder froh, dass wir alle gesund und munter zu Hause aufschlagen – das ist mit das Wichtigste.“ Möge es so bleiben, die Heilige Barbara und ihr eigener, glasklarer Sachverstand diese Männer schützen und weiter unbeschadet ihre Arbeit für uns Hamburger tun lassen.

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 33

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