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Cris Sebiger-Bertram

 

 

AUTORIN: SIMONE RICKERT

FOTO: JULIA SCHWENDNER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 38

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Für Kuchen und Milch war Cris extra noch schnell unten bei Mutterland. So ist sie, möchte, dass Gäste sich willkommen fühlen. Ihre Altbauwohnung in St. Georg ist durchgestylt. Auf die gute Art – kein Firlefanz, jedes Möbel, jede Vase, die Bücher auf dem Tisch: bewusst ausgesucht. Seit 18 Jahren wohnt sie hier und will auch nicht mehr weg. Viele ihrer Freunde wohnen in der Nachbarschaft: das Atelier der Modedesignerin Sibilla Pavenstedt, Fotografin Esther Haase, Jan Schawe mit dem Mutterland – alle ums Eck. Und die Pet Shop Boyz, ihr Lieblingsladen erst seit Kurzem. Für eine überzeugte Vegetarierin eigentlich No-go-Area, aber da gibt es jetzt doch einen guten Grund einzukehren, obwohl sie beim ersten Mal den Würgereiz unterdrücken musste.


Sammy ist ein junger Zypernhund. Sein Liebstes: getrocknete Rinderkopfhaut. Seine Mama: eine Streunerin auf der sonnigen Mittelmeerinsel. Ihre vier Welpen hätte sie nicht großziehen können, so ausgemergelt ist sie. Ein Tier vom Züchter wäre für Cris nicht in Frage gekommen, solange es diese Hilfsbedürftigen gibt. Die Frau hat ihre Überzeugungen, Nachhaltigkeit steht ganz oben auf der Liste. Erstmal zur Pflege hat sie die Terriermischung bei sich aufgenommen. Im Moment unserer Ankunft auf 1000 Volt gepolt, hüpft das blondgelockte Wesen durch den langen Flur. „Eine echte Fressmaschine, deutlich ein Labrador-Anteil und echt noch ein Baby, noch so touchy“, liebevoller Blick.


Themenwechsel, zur Arbeit. Die sie nie im Leben als solche bezeichnen würde. Sie tut, was sie tut, aus Leidenschaft. Kreativ sein, Artdirektion, ihren Blog bestücken. Der ist auch relativ neu in ihrem Leben. Wenn sie darüber spricht, strahlt sie. Es ist die Entdeckung einer neuen Leidenschaft: Menschen aufspüren, die so für ihr Tun brennen, wie sie es selbst tut. Sie im Interview kennenlernen, ihre Gedanken in Worte fassen, ihren Ideen mit Achtung begegnen.


Wie das Schreiben ins Leben der Art-Direktorin kam? Cris war zum ersten mal in ihrem Leben fest angestellt. Nettes Gehalt, Führungsposition – und dann Kündigung wegen allgemeinen Personalabbaus. Da musste sie sich erstmal auf den Hosenboden setzen, sagt sie heute lachend. Zum Arbeitsamt, muss man ja, egal ob man will oder nicht. Schnell weg, ihre Schwester in München besuchen. Cris schaute im Internet nach einem netten Café. Aber irgendwie war nichts dabei, was sie berührte. Empfehlungsseiten. Sonnenterrasse, toller Frühstücksplatz, aber nichts, was vermittelte: Das ist ein heimeliger Ort. Ihr wurde klar, das liebenswerte an Orten sind die Menschen, die dahinter stehen. Und dann war sie plötzlich da, die Idee, eine völlig neue Webseite für Hamburg zu gestalten. Porträts über Leute, die mit Leidenschaft einen Laden führen, Kunst schaffen, manchmal wenig verdienen, viel Zeit investieren, aber das gern tun. Also hat sie in ihrem Freundeskreis rumgefragt, wer mitmacht. Hannes Dierks, mit dem sie schon jahrelang zusammenarbeitete, hat die Seite programmiert. Der Autor Carsten Kukla übernahm überwiegend das Edit und führt auch Interviews. Eine Reihe namhafter Fotografen liefert die edle Optik. Anne Simone Krüger steuert ihre Kunstexpertise in der neuen Rubrik „Little Art Affair“ bei. Cris ist stolz auf ihre engagierte Community, durch die jedes Porträt eine ganz eigene Handschrift bekommt.

 

Sie verstehen den Blog auch als Akquise-Tool für ihre bezahlte Arbeit. Fotos, Corporate Design, sie beraten Start-ups bei der Profilierung der Marke, helfen Unternehmen, kreativ und glaubwürdig ihren Weg zu gehen, vielleicht auch in Richtung Nachhaltigkeit. Beim Kaffee saßen sie und haben den Namen besprochen: seven days a week – eight days a week wie bei den Beatles – aber es müsste doch auch einen Superlativ geben, übertriebener: tendaysaweek. Es ist ungefähr klar, was gemeint ist: Leute, die so viel arbeiten. Cris gibt zu, das könne auch grauenvoll sein, komplette Ausbeutung, aber witzigerweise fände das keiner aus ihrer kleinen Community negativ. Wer das jetzt nicht so witzig findet, hat vielleicht seine Leidenschaft noch nicht entdeckt. Darum geht es Cris. Es ist das Wort, das sie im Gespräch am häufigsten gebraucht. Leidenschaft für den Job, das zeichnet die Leute aus, die sie in ihrem Blog porträtiert. Und immer ist sie schockverliebt, nimmt von jedem ein Steinchen seiner Philosophie mit – für ihr eigenes Mosaik. Ein großer Schatz. Übrigens, wie die beiden so dasitzen, Sammy auf Cris’ Schoß, im leichten Hundeschlaf die Schnauze unter ihrem Arm vergraben, sehen sie nicht aus, als ob sie sich irgendwann wieder trennen könnten.

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