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Xenia Dubrovskaya

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: JULIA SCHWENDNER

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 40

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Und siehe da: Seine Enkelin wird tatsächlich die erste Berufsmusikerin der Familie. Nur wird sie Pianistin, nicht Violinistin. Der Urgroßvater hat sich sozusagen ein bisschen verträumt. Aber wegen dieses einen Traumes hängt in einem großen Schrank im Elternhaus von Ksenia über Jahre diese eine Geige, die eigentlich für ihre Mutter bestimmt ist, aber nie gespielt wird. Bis seine Urenkelin, Ksenia, sechs Jahre alt ist – und, das sieht der Lehrer schnell, herausragendes Talent zeigt.


Seit inzwischen 14 Jahren lebt Ksenia in Hamburg, wo es gerade sehr warm und sehr sonnig ist. Sie schaut aus dem Garten in Pöseldorf, in dem wir sitzen und wo man das Rauschen der Alster bestimmt 
hören könnte, wenn sie rauschen würde, hinauf zum Obergeschoss. „Gestern habe ich mit offenem Fenster gespielt. Dann dachte ich aber, dass das doch etwas zu laut sein könnte, und habe das Fenster 
geschlossen.“ Ihre Augen werden größer, als sie tief Luft holt. „Und dann kommt heute Morgen die Nachbarin auf mich zu und sagt, dass ich beim nächsten Mal das Fenster doch bitte offen lassen solle.“


In ihrer Heimatstadt Kolomna, etwas südöstlich von Moskau, steht sie mit sechseinhalb Jahren, wenige Monate nach ihrem ersten Unterricht, das erste Mal auf der Bühne und spielt Beethoven. Und obwohl sie – nicht nur für russische Verhältnisse – eher spät ihr Instrument entdeckt, geht sie einen ebenso imposanten wie schwierigen Weg. Mit elf Jahren schafft sie es auf das Internat in Moskau. Die berühmteste Musikschule der damaligen Sowjetunion. Was sich nach einem ersten Erfolg in ihrer Vita anhört, ist in erster Linie enorm schwer. Allein. Ohne Familie. Ohne Ende Druck.
Beim Thema Internat wird sie ruhiger, nachdenklicher. Aber nur kurz. Dann erzählt sie von ihren Freundinnen, die sie dort kennenlernt und nie aus den Augen verliert. Vom Internat geht es mit einigen dieser Wegbegleiterinnen gemeinsam aufs Tschaikowski-Konservatorium – das mit Abstand renommierteste Institut des Landes. Bis heute treten sie immer wieder gemeinsam auf. Gut 60 gefeierte Konzerte spielt Ksenia derzeit pro Jahr als Solistin auf großen Festivals in der ganzen Welt und in Europa: bezaubernd ihre Auftritte in Italien, im Vatikan, in Österreich, Frankreich, den Niederlanden und Belgien. „Geigenspiel wie Engelshaar“, schreibt der schockverliebte Redakteur der „Neuen Presse Coburg“. Zuletzt reist sie an den Ural und weiter nach Sibirien. „Wenn ich in Russland spiele, ist es eine Mischung aus Dankbarkeit für die Ausbildung, die ich dort genossen habe, und der Neugierde auf das eigene Land. Aber ganz gleich, wohin es geht: Ich liebe es, zu reisen, neue Orte und nette Menschen kennenzulernen.“ Ksenia ist musikalisch eine erfolgreiche Solistin. Sonst ist sie das genaue Gegenteil: offen, interessiert, zugewandt, absoluter Familienmensch.

 

„Ich bin perfektionistisch. Aber manchmal gewinnt deine Kunst, wenn du eine Pause machst, spazieren gehst und den Vögeln zuhörst.“

 

Egal wie oft sie sich schon mit einer Komposition auseinandergesetzt und wie oft sie sie schon interpretiert hat: Sie greift vor Auftritten nicht auf alte Notizen von früheren Vorbereitungen zurück. Ksenia beginnt immer von vorn und erarbeitet sich das Stück komplett neu. Dann geht sie raus auf die Bühne und spielt nicht selten ganz ohne Noten. Sie schaut sich um. „Wenn ich morgen auf die Bühne müsste, dann sollten auch die Wärme und die Eindrücke des Nachmittags heute hier im Garten Teil meiner Interpretation sein.“ Ist bei all der Klassik auch Zeit für andere Musik? Sie lacht herzlich. „Wenn du Bach authentisch spielen willst, musst du auch Rock und Pop kennen!“


Trotz ihrer bemerkenswerten Ausbildung, die sie mit einem Master bei Zakhar Bron, u. a. Lehrer und Entdecker von Daniel Hope („Von dem phänomenalen Zakhar Bron unterrichtet zu werden, ist wie ein Hauptgewinn im Lotto“) und David Garrett, in Zürich abgerundet hat, widmet sie sich nach ihrem Studium, in einer Zeit, in der andere Studenten an ihren Karrieren arbeiten, zunächst komplett der Familie. 
Jetzt ist ihr Sohn in einem Alter, in dem sie auch wieder mehr und 
regelmäßiger spielen kann. „Der Tag des Konzerts ist für mich immer ein Festtag.“ Und von diesen werden sie und wir wohl viele erleben dürfen. Das Repertoire hierfür hat sie allemal. Am liebsten würde sie trotz der internationalen Verpflichtungen auch häufiger in ihrer Wahlheimat Hamburg spielen. 


Fast direkt nach unserem Gespräch geht es aber über Auftritte in 
Bremen und die Niederlande zurück nach Kolomna, wo ihre Schwester Olga sie am Klavier begleitet. Und dann spielen die beiden genau auf der Bühne, wo für die sechseinhalbjährige Ksenia alles angefangen hat. Nachdenklich sagt sie: „Leider kann uns unsere Mutter nicht mehr sehen. Trotzdem habe ich immer das Gefühl, dass sie in der Nähe ist. Besonders während der Festtage auf der Bühne.“

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