Porträt –

Nil

 

 

AUTOR: DAVID POHLE 

FOTOS: RENÉ SUPPER, NIL

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 30

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Hellmann sitzt neben dem Eingang, mit dem Rücken zum Fenster, hat sein Nil entspannt im Blick. Wäre Hellmann Kapitän, man würde mit ihm auf große Fahrt gehen. Es ist ein Freitagnachmittag im Februar, am Abend wird es voll werden. Wie immer, vor allem an Wochenenden, wenn Gäste besonders
gern auch besonders lange sitzen.

 

Damals, vor rund 27 Jahren, 1989, die Mauer war gefallen, Hellmann hatte nach mittlerer Reife und Kochlehre schon rund 10 Jahre hinter verschiedenen Herden gearbeitet. Und das, schiebt er ein, obwohl sein Großvater der Ansicht war, dass er weder die Lehre noch irgendetwas anderes jemals beenden würde. Aber der Alte irrte. Jetzt schwebte die Selbstständigkeit vor, ein kleines Restaurant, nur 25 Sitzplätze. Zwei würden sich die Küche teilen, ein anderer sich um den Service kümmern. Man würde reihum wechseln.

 

Zwischen ihren Wohnungen lag das Schuhhaus Hartmann, mit großer Fensterscheibe und einem Zettel mittendrin: Zu verkaufen. Adrenalin. Viel zu groß für das Trio, sicher 60 bis 70 Plätze. Egal. Machen wir. Sie spuckten in
die Hände. Schuhregale raus, Linoleum raus,mBeleuchtung, Fahrstuhl, Küche rein, die Vision des eigenen ersten Restaurants nie verlierend, arbeiten, essen, arbeiten, schlafen. 4 Monate im Blaumann. Es würde schon schön werden. Aber das Geld blieb knapp. Dann die Idee.

 

Renovierungsanleihen! Motto: „Helft uns schneller an den Herd.“ 50 Mark pro Stück, ohne Dividende, 100%ig einlösbar für Essen und Trinken.


15 000 Mark kamen zusammen. Es ging los. In dieser Lage, eigentlich Niemandsland, nicht Karolinenviertel, nicht Schanze, nicht St. Pauli.
Damals waren noch die heißen Tage in der Hafenstraße, die Besetzung der „Flora“. Die Lage beschreibend, hieß das Lokal in den Anfangs­tagen einfach nur „Speisegaststätte am Neuen Pferdemarkt 5“. Wäre es nur nach Hellmann gegangen, würde man heute zu Hildegard ins „Knef“ gehen. Aber das war nicht mehrheitsfähig, und als die Fische Butter brauchten, einigte man sich schließlich auf Nil, den Fluss, den großen Ernährer. Das könnte zeitlos sein, Bestand haben für alle ihre vielen Gäste, die kommen sollten, um zu bleiben.

 

Es ist kurz nach 18 Uhr, die CD hakt dreimal zu lang, eine Kakofonie. Hellmanns Blick scheint Lisa hinterm Tresen zu reichen, die Musik hört auf. „Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein?“, sagt Hellmann. Und dann: „Oh, Gott, jetzt zitiere ich Ulrike Meinhof wegen einer CD.“  Es ging bürgerlich los: Schellfisch, Labskaus, Senfeier fallen Hellmann als erstes ein. Vegetarisch war damals neu, das gab es auch. 10 Jahre später musste wieder was passieren. Geld war knapper als die Pläne, die das Souterrain erschließen und Leder auf das Mobiliar bringen sollten. Dieses Mal legten die Finanzakrobaten in eigener Sache eine Aktie mit 20 % Verzinsung auf, natürlich wieder nur in Naturalien abfressbar und nicht alles auf einmal.

 

Nicht wenige der Investoren haben danach noch oft gegessen, trotzdem bezahlt und heute eine gerahmte Aktie über dem eigenen Herd hängen.


Hellmann, den hier wirklich alle nur Steffen nennen, vergleicht die Vorbereitungen für den Abend mit denen für ein großes Fußballspiel: Tische eindecken ist dann wie Linien kreiden, Kerzen und Leuchter anzünden wie Flutlicht starten, die ersten Gäste sind die ins Stadion strömenden Fans. Den Anpfiff hört man nicht, aber auf einmal ist das Spiel in vollem Gang. Hellmann ist heißglühender St.-Pauli-Fan. Einst heiratete er sogar auf dem Dach des Bunkers am Heiligengeistfeld. Auch ein Freitag, es war Dom, das Feuerwerk fest einkalkuliert. Dass der FC St. Pauli ein Nachholspiel unter Flutlicht gegen Köln bestritt, war Zufall, aber Hellmanns Augen leuchten noch heute ob des schicksal­haften Geniestreichs. Telse, eine rechte Hand von Hellmann, kommt und legt das rand­volle Reservierungsbuch vor. Tisch 150 kann man zweimal belegen, die Leute von Tisch 202 kommen später,
dafür nur zu dritt und – es ist jetzt 19.30 Uhr – Tisch 10 wird wohl frei bleiben. Gastronomenroutine.

 

Das Nil steht heute für sternefreie Küche. Es ist die zelebrierte, selbstbewusste und unaufgeregte Normalität, die das Nil so besonders macht. Hellmann: „Es gibt bei uns keinen Standard, wir sind offen für alles. Die Jahreszeit muss auf der Karte erkennbar sein, derber im Winter, da wollen die Leute auch satt werden und Rotwein trinken, leichter im Frühling.“ Nicht alle lieben das Nil. „Es gibt kein Restaurant für alle, es gibt auch keine Musik für alle. Im Unperfekten, im Umgang mit Fehlern liegt die Chance; es wäre furchtbar langweilig, wenn alles perfekt wäre. Egal was die Leute wollen, wir wollen sie glücklich machen.“ Noch so ein Hellmann. Ein einziges Mal geriet Hellmann außer sich: Der Laden voll, ein Hausbesetzer, den er zufällig vom Sehen kannte, weil er im un­besetzten Teil desselben Hauses wohnte, betrunken und stoned, warf einen Böller ins Nil. Hellmann packte den großen Typen und schrie ihn an: „Du zerstörst mein Lebenswerk nicht. Und wenn ich dich noch einmal hier sehe, dann mache ich dich platt.“ Der Punk kam nicht wieder, die Gäste blieben. Wenn Sie mal im Nil sein sollten, achten Sie auf einen freundlichen Mann, dem Sie diese Worte nicht zutrauen würden, und der sagt: „Es steht ja nicht auf der Stirn, dass ich hier der Wirt bin.“ Das ist Steffen Hellmann. 

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