Partnerstadt –

León

 

 

 

AUTORIN: MARGIT HASELWANTER  

FOTOS: ANTHONY JOHN COLETTI

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 37

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MAGGIE IN LEÓN. Im August 2011 kam ich erstmals nach Nicaragua. Ein Auslandssemester meines Bachelorstudiums hatte mich hergeführt. Ohne konkrete Vorstellungen, was mich erwarten könnte. Nie hätte ich gedacht, dass sich mein ganzes Leben ändern würde.


Schnell an das tropische Klima gewöhnt, fand ich sofort Anschluss. Zu anderen Studenten und den Einheimischen. Das musste an meiner kommunikativen Art liegen. Wir haben Ausflüge aufs Land gemacht, sind gereist, haben gelebt, und ich habe gelernt, Salsa zu tanzen. Komplett und von Herzen gern habe ich mich in die Kultur und Lebensfreude verliebt. Und vor allem in León. Es war brütend heiß, als ich meine Schmutzwäsche zur Wäscherei schleppte, eine alte Dame saß im Schaukelstuhl vorm Haus, lächelte mich an, fragte, wie mein Tag so sei? Ein Taxi fuhr vorbei, krächzende Lautsprecher, voll aufgedreht, der Fahrer lauthals singend. Mir lief der Schweiß über die Stirn, Tränen aus den Augenwinkeln. Hier würde ich glücklich sein.


Heute lebe ich in einem Kolonialhaus, wunderschön, züchte im kleinen Garten Basilikum,kubanischen Oregano, Zitronengras, Yuka und Minze. In der Mitte steht ein dicker Limettenbaum, der täglich zwei Dutzend Früchte runterregnen lässt. Die zahnlose Viviane, meine Nachbarin, die
immer Kochschürze trägt, nimmt welche. Und Manuel, der daraus Limonade macht. Manchmal werde ich eingeladen, Geschichten aus Europa zu erzählen. Ohne Geld zum Reisen, sagen meine Nachbarn mir, sei ich ihr Fenster in die Welt. Das rührt mich.
 


Das authentischeE León –
Ein Schmelztiegel der Geschichte, Religion und Poesie

Die Revolution der 1970er-Jahre ist omnipräsent. An vielen Häusern zeugen Wandmalereien von der Zeit, als die Sandinistas 1979 nach langem Widerstand das Land übernahmen. Diktator Anastasio Somoza hatte am Ende mit der Staatskasse Kurs auf Florida genommen. Über 200 Veteranen leben noch, einige im Innenhof des Revolutionsmuseums, zeigen voller Stolz alte, verbleichte Fotos aus dem bombardierten León. Ziemlich jeder Leónese ist übrigens Poet, schreibt Gedichte, mindestens Geschichten. Einer der bekanntesten ist Fernando Nuñez, der seit der Revolution auf der Straße lebt. Der hagere 73-Jährige trägt stets zu großen Anzug und Krawatte. Einen Stapel Bücher hat er unter seinen Arm geklemmt. Einmal reichte er mir, ich hatte um einen Stift gebeten, versehentlich seine Zahnbürste. Wir lachten beide sehr, ich lud ihn zum Frühstück ein, er bestärkte mich, eigene Texte zu veröffentlichen.
In León ist immer etwas los, es brodelt Tag und Nacht. Das liegt an den vielen Studenten und Freiwilligen ungezählter NGO-Projekte. Aber auch an Umzügen wie der Griteria im Dezember, die die Götter gnädig stimmen sollen, damit León von Vulkanausbrüchen verschont bleibe. Und Vulkane gibt es hier, so weit das Auge reicht.


Generell ist Nicaragua eher aus der politischen Berichterstattung bekannt. Wenn es um die Natur geht, dann kommt meist der Nachbar Costa Rica groß raus. Aber dank atemberaubender Biodiver­sität muss sich Nicaragua, trotz nahezu ununterbrochener Erdbeben- und Vulkanausbruchgefahr, nun wirklich nicht verstecken. Cerro Negro, 25 Kilometer von León entfernt, ist wohl einer der wenigen Vulkane weltweit, auf dem man Vulkan-Boarding machen kann. Nach einem 45-minütigen Aufstieg, ballert man auf einem Holzbrett sitzend ins Tal. Die eigentliche Magie spielt sich vorher ab. Am Ende des Kraters erkennt man, wo man ist: mittendrin in einer beispiellosen Kette von Vulkanen. Da sind sie dann, im Zickzack hintereinander thronen Santa Clara, Telica, Casita und San Cristóbal. Links davon liegt León. Einmal noch dreht man sich um die eigene Achse. Und noch mehr Vulkane bannen den Blick. Von der Besteigung des Momotombo wird sogar ausdrücklich abgeraten, fünf weitere sind derzeit aktiv, und sogar dem Auswärtigen Amt ist das eine aktuelle Meldung wert. Egal, ob man dieses Panorama vom Dach der Kathedrale, von der Festung südwestlich von León oder von einem der Vulkane beobachtet, ich kann mich nicht sattsehen.

Ein weiteres Highlight Leóns ist Las Peñitas, der nur zwanzig Kilometer entfernte Pazifikstrand. Perfekt, um der Hitze der Stadt zu entfliehen. Graues, feines Sandgestein, mächtige Wellen, coole Surfer, unvergessliche Sonnenuntergänge, wenn Himmel und Ozean sich vereinen.

 

Mein Alltag in León ist manchmal trotzdem nicht ohne. Ich liebe die Kultur, doch die Unterschiede sind manchmal groß. Der Machismus zum Beispiel ist einfach irre. Pfeifen, Blicke, selbst, wenn man eine Woche krank im Bett lag und ungeduscht und völlig zerzaust zur Apotheke läuft. Es gibt Männer, die – so kommt es mir vor – glaubhaft davon überzeugt sind, ich sei trotzdem schön wie eine Heilige. Würde man sich aber mit einem von denen verabreden, käme das Thema Pünktlichkeit zum Tragen. Wer dreißig Minuten zu spät kommt, ist meistens noch eine Stunde zu früh. Nichts beginnt je pünktlich. Kommt die Deutsche durch, heißt es: „Beruhig dich, das ist typisch Nica-Time.“


Trotz scheinbaren Chaos und Unverbindlichkeit – zwischenmenschlich, aber auch in Bezug auf öffentliche Verkehrsmittel –, am Ende des Tages funktioniert dann doch alles irgendwie. Und das, obwohl Nicaragua eines der ärmsten Länder der Welt ist. Die Meister im Improvisieren machen eben aus der Not eine Tugend. Über drei Jahre habe ich hier verbracht. Wie lange ich bleibe? Ich weiß es nicht! Ich denke nicht so weit in die Zukunft. Meine Hamburger Freunde ärgern mich gern: „Maggie, wie heißt der Mann, für den du immer wieder zurückgehst?“ Die Antwort ist einfach: León. León zeigt mir, was wichtig ist, wie wenig man braucht und trotzdem glücklich sein kann. Unsere Beziehung entwickelt sich immer weiter. Ich werde immer besser darin, schreibe Gedichte, tanze Salsa, fotografiere, blogge, philosophiere, und im Gärtnern bin ich auch schon ganz gut. Die Quintessenz unserer Beziehung: León bietet mir die Möglichkeit, die beste Version meiner selbst zu sein. Und was könnte man sich mehr von einem Partner wünschen, als das?

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