Belle la Donna

FEMME FATALE DER BURLESQUE-SZENE

Text: Regine Marxen Fotos: Norris Nather

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 48

Auf St. Pauli, in einer Seitenstraße unweit der Reeper­bahn, gibt ein Schaufenster den Blick frei auf ein verwunschenes Innenleben. Eine Kaffeetafel ziert die
Auslage hinter der Scheibe, die Tassen stehen schief auf den Tellern, als wäre das weiße Kaninchen soeben über den Tisch getanzt, um Alice im Wunderland ihren Tee zu reichen. Vintage-Fliesen sowie schiefe Regale aus Holz, Geäst und Stuck an der Decke dominieren den Raum dahinter: willkommen im Friseursalon „Stand by me“, der Schaltzentrale der Belle la Donna. Die zierliche 34-Jährige mit den langen rosafarbenen Haaren und dem perfekten Lidstrich gehört zu Deutschlands bekanntesten Showgirls. Sie hat Weltformat und sich mit diesem Salon ihren eigenen kleinen Mikrokosmos erschaffen. Das ist ihr Reich, es trägt ihre Handschrift.
„Ich tauche gern in fremde Welten ein“, sagt Belle la Donna. „In Welten, die an ,Das Kabinett des Dr. Parnassus‘ oder eben ,Alice im Wunderland‘ erinnern. So sieht mein Inneres aus.“ Und ihre Bühne. Die echte Bühne da draußen. Belle la Donna ist eine international erfolgreiche Burlesque-Tänzerin. Sie ist bekannt für ihre aufwendigen Shows, in welchen sie verspielt-farbenfroh oder auch mal düster-verwegen mit Vampirflügeln auftritt. Sexy, selbstbewusst, ein Versprechen, das nie ganz enthüllt wird. „Burlesque ist die Mutter des Striptease“, erklärt Belle. Die Kunst, sich stilvoll (fast) auszuziehen, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts populär. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts eroberte der erotische Tanz die Bühnen New Yorks und erhielt eine Auffrischung mit Elementen aus Varieté und Cabaret. Belle selbst betitelt sich als Chamäleon der Burlesque-Szene, das alles abdeckt – von der Femme fatale bis hin zur komödiantischen, frivolen Diva. Während andere Künstler zwischen Bühnen- und Reallife-
Figur trennen, verschmolzen bei Belle zusehends die
Welten. Sie spielt nicht die Belle, sie ist es. Ihre Freunde und Kunden nennen sie bei ihrem Spitznamen Bella;
ihren echten Namen kennen nur die engsten Freunde und Verwandten. Einen Unterschied gäbe es, sagt sie lachend: „Belle la Donna hat eine andere
Optik als mein Alltags-Ich. Der perfekte Look braucht dann doch etwas Zeit.“
„Wenn du berühmt werden willst, musst du nach Hamburg oder Berlin.“ Den Tipp erhielt die junge ­Belle la Donna von ihrer Schwester, der Schauspielerin und Coach Mareike Fell. Damals hieß Belle natürlich noch anders und machte gerade eine Ausbildung als Fotografin in Freiburg im Breisgau. Extrovertiert war sie schon immer, mochte Musik, war Teil der dortigen Punker- und Rockabilly-Szene. Und zielstrebig war sie, sie trainierte an einem Sportinternat Kunstturnen. Mit 17 ließ sie sich eine nackte Frau mit Totenkopf zu Füßen auf den linken Oberarm stechen. „Ein Bekenntnis zur Weiblichkeit“, sagt sie.
Die Kleinstadt war ihr schnell zu eng. Ja, sie wollte berühmt werden. Womit, das wusste sie
nicht. Aber ihr war klar, sie musste raus. Mit 20 
Jahren folgte sie der Empfehlung ihrer Schwester und zog nach Hamburg, machte eine Ausbildung zur Friseurin und startete gleichzeitig als Pin-up-Model durch. Unter anderem posierte sie für die bekannte Hamburger Designerin Silvie Jungbluth. Belle nennt sich selbst wagemutig, sie mag Abenteuer. Als eine Freundin sie bei einem Konzertbesuch fragte, ob sie nicht Lust hätte, eine Burlesque-Gruppe zu gründen, überlegte sie nicht lange. „Damals wussten noch nicht viele, was das überhaupt ist“, erinnert sie sich.
Von da an tanzte sie sich lasziv-verführerisch,
poppig bis provokativ auf und über die Bühne.
An der Elbe, in London, Paris oder New York. Mit dem Quintett „The Sinderellas“, einer Mischung aus New-Burlesque-, Tanz- und Pop-Show, und einem Deal mit Warner erreichte sie den ersten Höhepunkt ihrer Karriere. In Hamburg füllten „The Sinderellas“ unzählige Male das „Grünspan“.
Inzwischen wandelt Belle aber wieder auf Solo-Pfaden, kreiert Shows, brachte eine EP
he­raus, feilt konsequent an ihrer Karriere als
eigenständige Künstlerin. 2016 baute sie als zweites Standbein ihren Friseursalon „Stand by me“ auf. Erfolg ist harte Arbeit und die Entertainment- und Musikbranche kein Ponyhof. „Ich will oft einfach auf eine rosa Wolke. Aber du musst immer abliefern. Immer mehr geben.“
Die zierliche Frau mit den Riesenaugen mag auf den ersten Blick sanft wirken, auf den zweiten aber zeigt sich ein starker Wille. Belles Vorbilder heißen Gwen Stefani, Madonna oder auch
Marilyn Monroe. Da will sie hin, und sie will vorn stehen. Ganz vorn. Sie will die Zügel in der Hand halten. Das weiß sie jetzt. Gerade arbeitet sie an einer neuen Show, ein großes Ding mit eigenen Songs, extravagantem Bühnenbild, Akrobatik.
„Ich will das erreichen, was ich als Talent in mir trage“, sagt sie. „Ich habe versucht, das zu unterdrücken. Aber das reicht mir nicht. Jeder von uns hat Gaben, die wir mit auf den Weg kriegen. Die müssen raus. Die müssen einfach
gesehen werden.“

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