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Kultur kann uns nicht die Wirklichkeit vom Leib halten, sagt Carsten Brosda. Das soll sie auch gar nicht. Sie kann helfen, anders auf sie zu schauen. Und zu lernen. Für Hamburgs Senator für Kultur und Medien ist Kunst deshalb kein schmückendes Beiwerk, sondern Teil des demokratischen Fundaments. Seit 2017 verantwortet Brosda die Kultur- und Medienpolitik der Hansestadt. Sein Ressort reicht von Theatern und Museen über Filmförderung bis zur Kreativwirtschaft. Zuvor arbeitete er als Redenschreiber und politischer Stratege im SPD-Parteivorstand und im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. 2011 kam er nach Hamburg – zunächst in die Senatskanzlei, zuständig für Medienpolitik. Brosda, Jahrgang 1974, ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Herkunft, sagt er, prägt den Blick auf die Welt. Kunst kann ihn erweitern oder verändern. Also sprechen wir über Perspektiven. Über das, was ihn geprägt hat, über Gegensätze, Countrymusik und seinen Blick auf die Hansestadt.
>>Herr Brosda, wie war Ihr Tag bisher?
Wild. Aber das gilt eigentlich für die meisten Arbeitstage, die ich habe. Unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Themen, viel Abwechslung – und das sind die schönen Tage.
Nicht immer ein schönes Thema: Geld. Große Steigerungen bei der Kulturförderung wird es in den nächsten Jahren wohl nicht geben. Geht da in dieser Situation nicht doch etwas kaputt, Räume für Austausch, für gemeinsame kulturelle Erfahrungen, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind?
Wir bemühen uns, dass genau das nicht passiert. Aber wir haben eine wirtschaftliche und haushaltspolitische Lage, die kompliziert ist. Mehrere Jahre wirtschaftliche Flaute in Deutschland, internationale Verwerfungen, daraus ergeben sich steigende Sozialleistungen, auf die Menschen einen gesetzlichen Anspruch haben. All das wirkt sich auch auf das aus, was im Haushalt zur Verfügung steht. Auf der einen Seite nimmt der Staat weniger Steuern ein, als ursprünglich geplant war, auf der anderen Seite muss er mehr ausgeben, insbesondere da, wo Menschen Unterstützung brauchen. Dann bleibt eben nur eine bestimmte Summe übrig für all die anderen Dinge, die ebenfalls wichtig sind. Auch für Kultur. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, nichts kaputtgehen zu lassen. Umgekehrt können wir aber auch nicht sagen: Die Kultur macht sich frei von der Gesamtlage, und stattdessen sparen Schulen, Kitas oder Krankenhäuser mehr. Am Ende muss das in einer Gesamtschau zusammenpassen.
>>Die Kulturbranche ist vielleicht auch gefordert, sich selbst zu hinterfragen, Strukturen neu zu denken. Erleben Sie die Bereitschaft dafür? Oder sind Sie manchmal genervt, weil alle sagen: Wir brauchen das Geld auch?
Genervt bin ich nicht, wenn jemand die Hand hebt und sagt, er brauche Geld. Das ist der normale Anfang solcher Gespräche. Da gilt ein Satz, den meine Vorgängerin Barbara Kisseler immer gesagt hat, der aber noch älter ist: Wenn du über Kunst reden willst, triff dich mit Bankern. Wenn du dich mit Künstlern triffst, redest du über Geld. Natürlich kämpft jede Einrichtung um die Ressourcen, die sie braucht. Aber ich erlebe auch eine enorme Bereitschaft, darüber nachzudenken, wie sich Institutionen verändern können. Die ganze Gesellschaft verändert sich gerade stark. Da wäre es unplausibel, anzunehmen, dass kulturelle Institutionen unverändert bleiben können, während sich alles um sie herum wandelt. Ein Beispiel ist die Frage, wie man in neue Öffentlichkeiten hinein kommuniziert, die stark digital geprägt sind. Oder wie man mit einer Gesellschaft umgeht, die deutlich vielfältiger geworden ist. Oder wie wir mehr Teilhabe erreichen. Das macht das Zusammenleben manchmal anstrengender. Aber auch besser.
>>Haben Sie dafür ein Beispiel?
Wir erleben im Moment häufiger die Erwartung, dass Kunst vor allem die Demokratie illustrieren soll. So nach dem Motto: Macht es uns hier ein bisschen hübsch und erzählt die schönen Geschichten der Demokratie. Ich glaube, das nimmt der Kunst viel von ihrem Raum. Ein Beispiel war vor einigen Wochen ein Projekt am Thalia Theater, bei dem auch Unterstützer rechtspopulistischer Positionen auf der Bühne ihre Sicht schildern konnten. Da wurde heftig darüber gestritten, ob man das darf. Mir gefiel auch nicht, was dort zum Teil Populistisches gesagt wurde. Ich halte vieles davon für grundfalsch und teilweise sogar für gefährlich. Aber ich finde es wichtig, zu zeigen, dass es diese Positionen gibt, damit man sich mit ihnen auseinandersetzen kann. Kunst und Öffentlichkeit sind Entdeckungs- und Erfahrungsräume. Sie können keine sicheren Zonen sein. Sie bringen immer auch Unsicherheit mit sich. Kunst kann uns die Wirklichkeit nicht vom Leib halten. Aber sie kann uns helfen, anders auf sie zu schauen.
>>In Ihrem Buch „Mehr Zuversicht wagen“ schreiben Sie, Kultur könne nicht nur zeigen, was ist, sondern auch, was sein könnte. Bezogen auf Hamburg: Welches Narrativ wünschen Sie sich für diese Stadt?
Ich glaube nicht, dass das Narrativ einer Stadt von einer einzelnen Person erzählt wird. Eine Stadt erzählt ihre Geschichte selbst. In Hamburg gibt es eine sehr prägende Linie: Diese Stadt hat ihre Kulturangebote über Jahrhunderte aus dem Willen ihrer Bürgerinnen und Bürger heraus geschaffen. Hier gab es keinen Fürsten oder König, der Schlösser gebaut und Theater errichtet hat. Das haben Bürger organisiert, die gesagt haben: Das ist uns wichtig für unser Zusammenleben. Die zweite Geschichte hat mit der Weltoffenheit dieser Stadt zu tun. Mir hat einmal jemand gesagt: Das Besondere an Hamburg sei, dass die Stadt über Jahrhunderte mit dem Rücken zum eigenen Land gestanden hat – weil sie immer in die Welt hinausgeschaut hat. Und dann gibt es noch ein drittes Narrativ, mit dem ich als Zugezogener manchmal hadere. Die Hamburger finden ihre Stadt schon sehr klasse. Das ist sympathisch. Aber es darf nicht zu Selbstzufriedenheit führen. Da müssen wir manchmal aufpassen. Städte sind nie fertig. Sie entstehen immer wieder neu. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass diese Offenheit, die Hamburg gegenüber der Welt hat, sich auch auf sich selbst richtet. Auf die eigene Weiterentwicklung.
>>Der Hamburger gilt als eher zurückhaltend. Würden Sie sich manchmal mehr Begeisterungsfähigkeit wünschen?
Wir hatten gerade eine Matinee zum 100. Geburtstag von Siegfried Lenz. Dort wurde sein Text über die Hammonia vorgelesen, diese Figur, die für eine Ethik des Maßhaltens steht. Lenz beschreibt das halb bewundernd, halb kritisch. Und er endet mit der Idee, man müsse diese Hammonia eigentlich einmal entführen, sie ins Kino schleppen und ihr von der Leinwand zeigen, was sie aus den Hamburgern gemacht habe. Seine Pointe ist dann: Die Hammonia brauche dringend einen sizilianischen Liebhaber. Wer wäre ich, dass ich Lenz widersprechen würde?
>>Der Idee einer neuen Oper in der Hafencity stehen Sie positiv gegenüber. Die Gegenwehr einiger Bürgerinnen und Bürger können Sie nicht nachvollziehen?
Man muss sich anschauen, was dadurch möglich wird. Ein neuer Ankerpunkt für die Stadt, eine Oper, die den Ansprüchen an ein modernes Opernhaus gerecht und ein neuer offener Ort für alle wird. Und wir würden uns eine wahnsinnig teure Grundsanierung der jetzigen Oper sparen und könnten diese sehr gut zum Beispiel als sogenanntes En-suite-Theater nutzen – also als ein Haus, in dem ein Stück über einen längeren Zeitraum gespielt wird. Das würde vom Betrieb hier sehr gut gehen, und die strukturellen Probleme, die der Produktionsprozess derzeit aufgrund der baulichen Bedingungen hat, lösen. Gleichzeitig entstünde ein zusätzlicher kultureller Ort für die Stadt.
>>Ich möchte noch einen kurzen Schlenker machen. Olympia. Das ist nicht Ihr Ressort. Aber glauben Sie, dass Kultur und Medien von einer erfolgreichen Bewerbung Hamburgs profitieren könnten?
Ich glaube, die Stadt insgesamt würde davon profitieren und damit natürlich auch Kultur und Medien. Vieles, was diese Stadt ausmacht, ist aus der Initiative ihrer Bürgerinnen und Bürger entstanden. Olympische Spiele wären eine Gelegenheit, zu sagen: In genau dieses Gemeinwesen laden wir einmal die Welt ein. Wir zeigen, wie eine offene, demokratische Stadt lebt und arbeitet.
>>Lassen Sie uns kurz auf Ihren persönlichen Background schauen. Sie kommen aus Gelsenkirchen. Aufgewachsen in einer 3,5-Zimmer-Wohnung. Prägend für Sie: die grüne Wiese vor der Tür. Ein Ort zum Austoben. Was hat Sie darüber hinaus in Ihrer Kindheit oder Jugend besonders geprägt?
Wenn man aus dem Ruhrgebiet kommt, lernt man früh, mit Vorurteilen umzugehen. Wenn wir im Urlaub an der Nord- oder Ostsee erzählten, dass wir aus Gelsenkirchen kommen, lief bei manchen sofort ein festgelegter Film ab. Mein Vater hat dann immer gesagt: In solchen Momenten musst du das Kreuz durchdrücken. Gerade stehen und selbstbewusst vertreten, wo man herkommt – ich glaube, das prägt viele Menschen aus dem Ruhrgebiet. Dazu kommt diese besondere Form von Respektkultur: Wenn jemand anpacken kann, dann ist er in Ordnung. Alles andere kommt später. Diese raue Herzlichkeit im Umgang miteinander mag ich bis heute sehr.
>>Eine weitere prägende Erfahrung war sicherlich auch Ihr Austauschjahr in Texas, Anfang der 90er-Jahre. Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben: Das könnte interessant werden?
Am Flughafen. Da brauchte man gar nicht viele weitere Momente. Eigentlich wollte ich gar nicht ins Austauschjahr. Aber mein Vater fand, das sei eine großartige Idee. Ich dachte: Dann bewerbe ich mich und werde bestimmt abgelehnt. Ich wurde aber nicht abgelehnt. Und irgendwann merkte ich, dass ich doch neugierig wurde. Gleichzeitig bedeutete das damals wirklich, ein Jahr weg zu sein. Es gab kein Internet, keine E-Mails. Telefonieren war teuer. Man schrieb Briefe, eine Antwort brauchte zwei Wochen.
>>Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Vor allem einen Perspektivwechsel. Wenn man in so einer texanischen Highschool unterwegs ist, wo einem auf einmal Leute begegnen, die sich darauf vorbereiten, dann zum US-Militär zu gehen. Wenn da schon Leute sind, die jeden Morgen mit Cowboystiefeln und Cowboyhut reinkommen, weil sie genau wissen, dass sie hinterher mal auf ihrer Farm sein werden. Das war fundamental anders. Da merkt man plötzlich, wie viele Dinge man selbst für selbstverständlich hält, ohne sie zu hinterfragen. Der Schriftsteller David Foster Wallace erzählte einmal die Geschichte von zwei jungen Fischen, die einem alten Fisch begegnen. Der fragt sie: „Wie ist das Wasser heute?“ Die beiden schwimmen weiter, und irgendwann fragt der eine den anderen: „Was ist eigentlich Wasser?“
>>Sie stehen gelegentlich mit Rainer Moritz, dem ehemaligen Leiter des Literaturhauses Hamburg, auf der Bühne. Gemeinsam präsentieren Sie Lieblingssongs. Sie bringen dabei regelmäßig Countrymusik mit. Ist die Liebe zum Country in Texas entstanden?
Ja, tatsächlich. In diesem Jahr ist sie gewachsen. Ich habe schon vorher viel Musik gehört und hatte mich auf dem Weg zurück bis zum Blues vorgearbeitet. Über John Lee Hooker bin ich bei Robert Johnson oder Blind Willie McTell gelandet. In Texas habe ich dann gemerkt, dass Country jenseits der Nashville-Klischees eine sehr erzählerische Musik ist. Viele dieser Songs erzählen Geschichten.
>>Und Bruce Springsteen? Für den scheinen Sie auch eine große Vorliebe zu haben.
Für die ist meine Mutter verantwortlich. Sie hatte einen Crush auf Bruce Springsteen, der sich mir ganz früh in der Jugend nicht erschlossen hat. Zeitweise hat mich gewundert, dass meine Eltern zusammengeblieben sind, so groß war dieser Crush. Bis ich angefangen habe, auf die Texte zu hören …
>>Sie leben inzwischen seit rund 15 Jahren in Hamburg. Ist die Stadt für Sie heute Heimat geworden?
Heimat ist für mich weniger ein Ort als die Menschen, mit denen ich zusammenlebe. Da, wo wir als Familie hingehen würden, wäre sehr schnell wieder Heimat. Aber ich fühle mich hier gerade rasend wohl, und insofern ist Hamburg jetzt Heimat.
>>Wie möchten Sie irgendwann einmal Ihre Amtszeit als Senator für Kultur und Medien gelesen wissen?
Darüber denke ich nicht nach. Man macht diese Ämter für eine Zeit, die jeden Tag zu Ende sein kann. Dann übergibt man den Schreibtisch an den Nächsten. Aber ich habe die leise Hoffnung, dass der Schreibtisch nicht nur voller Probleme übergeben wird, sondern auch mit ein paar Ideen,
die so aufs Gleis gesetzt sind, dass sie sich in der Zukunft realisieren lassen.
>>Als Mann des geschliffenen Wortes: Haben Sie jemals mit der Idee geflirtet, einmal Bundespräsident zu werden?
Um Gottes willen, nein. Ich habe einmal versucht, eine Frau zur Bundespräsidentin zu machen. Ich war Sprecher von Gesine Schwan während ihrer ersten Kampagne. Das war so nah dran, wie ich an Schloss Bellevue gekommen bin. Obwohl: Unsere Kinder waren ein paar Jahre danach schräg gegenüber vom Schloss Bellevue in der Kita. Aber näher dran war ich nie. Und das ist auch alles gut so.


