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Dominik Bloh

AUTOR

Elf Jahre lebte Dominik Bloh auf der Straße, heute ist er Bestseller-Autor, Sozialunternehmer, Träger des Bundesverdienstkreuzes. Sein Buchdebüt wird jetzt verfilmt. Über einen, dem geholfen wurde, weil er selbst half. Und der nicht daran denkt, damit aufzuhören.

Text: Regine Marxen | Fotos: Julia Schwendner

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„Ich habe gern bei Lanz in der Show gesessen. Da stirbst du nicht.“ Dominik Bloh meint das ernst. Elf Jahre lebte der 37-Jährige auf der Straße, weil seine psychisch erkrankte Mutter ihn rausgeworfen hatte. Sein gewalttätiger Vater war kaum präsent. 16 Jahre alt war er damals, ging weiter brav zur Schule, weil es dort warm und sicher war, es ein WC und Wasser gab. Er machte sein Abitur, lebte ein Leben, in dem jeder Tag ein Überleben war. Bis er den Sprung raus aus dem ganzen Mist schaffte und ein Buch darüber schrieb, das zum Bestseller wurde. „Unter Palmen aus Stahl“ öffnete ihm neue Türen: Lesereisen, Interviews, Talkshow-Auftritte – bei Markus Lanz zum Beispiel. Und das fühlte sich gut an, weil er über Obdachlosigkeit sprechen konnte und darüber, wie Politik und Gesellschaft helfen könnten, den Status quo zu verändern. Es fühlte sich gut an, weil er sich sicher fühlte. Denn bei Lanz stirbst du nicht.

Wenn du weißt, was Überleben wirklich heißt, dann siehst du auch das Leid derer, denen es ähnlich geht, sagt Dominik. Und im Sommer 2015, jenem Wendejahr in seinem Leben, gab es eine ganze Messehalle voll von diesen Menschen. Täglich erreichten 200 bis 400 Geflüchtete die Hansestadt. Unzählige Hamburger spendeten Kleidung, Hygieneartikel oder Spielzeug für die Geflüchteten, und unzählige halfen, all das zu sortieren und schnellstmöglich dorthin zu bringen, wo es gebraucht wurde. Dominik Bloh, der Obdachlose, gehörte zu ihnen.

Warum gerade er, der selbst in einer Notsituation war, sich engagierte? Er hört diese Frage immer wieder – sie verwundert ihn. „Um zu helfen, brauchst du nicht mehr als dich als Mensch. Das macht dich wertvoll.“ Er packte regelmäßig in der Kleiderkammer in den Messehallen mit an. Später wurde er Mitbegründer des Vereins „Hanseatic Help“, der daraus hervorging. Und noch ein wenig später, 2019, gründete er das gemeinnützige Unternehmen GoBanyo. Dahinter verbirgt sich der Duschbus Uschi, ein ausrangierter Linienbus mit drei voll ausgestatteten Badezimmern. Jedes verfügt über eine Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken. Der Bus fährt dorthin, wo Duschen gerade gebraucht werden, zum Beispiel vor dem Rathaus Altona oder am Millerntor-Stadion. „Ich selbst war so lange dreckig, dass ich mich wie Dreck gefühlt habe“, schildert Dominik. Uschi soll Wohnungslosen ein Stück ihrer Würde zurückgeben – und findet Nachahmer rund um den Globus. Sozialunternehmer und -aktivist Dominik beriet derweil die damalige Bundesregierung in Sachen Wohnungslosigkeit, 2022 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Was für ein Ritt.

Doch zurück in den Sommer 2015, in die Messehallen, wo das alles begonnen hat. Denn hier traf er auf Robert „Bobby“ Dekeyser, belgischer Unternehmer, ehemaliger Fußballtorwart und Stiftungsgründer. Dekeyser war es, der ihm seine erste eigene Wohnung besorgte. Für ein Jahr zahlte er die Miete und stellte den Kontakt zum Ankerherz Verlag her. Dominik hat schon immer gern geschrieben, es hilft ihm, Dinge zu verarbeiten. Das erste Probekapitel gefiel. Der Rest ist Geschichte. Dominiks Geschichte.

Der Titel seines ersten Buchs ist eine Hommage an einen seiner Lieblingsorte in dieser Stadt: den Park Fiction zwischen Fischmarkt und Hafenstraße. Wenn er in Hamburg ist, kommt er fast täglich hierher. Rituale bleiben – die Straße in deinem Kopf auch. Das eine gibt Sicherheit, das andere bewirkt eher das Gegenteil.
Darüber hat Dominik ein zweites Buch geschrieben. Im Oktober 2024 ist es erschienen, heißt „Die Straße im Kopf“ und erzählt von den Dissonanzen zweier Welten: der bürgerlichen und der der Wohnungslosen, von den blinden Flecken in einem nach außen perfekten Märchen. Denn auch ihm fiel es schwer, anzukommen in der neuen Realität, die die eigenen vier Wände bedeuteten. Nicht nur, weil er sich getrieben fühlte, die Küche in seiner Wohnung mied und sich nur spärlich einrichtete. Weil er erst spät verstanden hat, dass eine Wohnung nicht automatisch Heimat ist. Es waren die bürokratischen Dinge, die ihm zu schaffen machten. „Wenn du erst mal draußen warst, ist es schwer, wieder ins System zurückzufinden, und die Hürden sind oftmals strukturell.“

Das fängt beim eigenen Konto an. Obwohl es ein gesetzliches Recht auf ein „Jedermann-Konto“ gibt, können Banken dies ohne Begründung ablehnen – und sie tun es. Ohne Konto keine Mietzahlungen. Und das ist erst der Anfang. Auch nach dem Ende der Obdachlosigkeit könnten Nachzahlungen der Krankenversicherung oder Rundfunkbeiträge für die Zeit auf der Straße gefordert werden, falls es da irgendwo noch eine alte Meldeadresse gibt. Neustart mit Schulden – die Vergangenheit ist eine Hypothek, die sich nicht einfach abschütteln lässt. Dominik hat Freunde, die ihm helfen, sie zu tragen, und beispielsweise die Finanzen für ihn managen. Inzwischen sei er kurz davor, Vermögen aufzubauen, sagt er. Und er hat ein Zuhause gefunden: seinen Sohn Milo.

Milo ist drei Jahre alt und lebt mit seiner Mutter in Bayern. Wenn man Dominik fragt, was ihn garantiert immer glücklich macht, lautet die Antwort „Milo“. Wenn man ihn fragt, was ihm schlechte Laune macht, auch. Aber mit einem lauten Lachen garniert. Der Kleine ist ein Nachtmensch. „Hat er von mir“, grinst Dominik. Regelmäßig fährt er mit der Bahn nach München, um ihn zu sehen – und ja, mittelfristig will er im Süden bleiben. Noch aber hält es ihn an der Elbe. Große Dinge kündigen sich an. „Unter Palmen aus Stahl“ soll verfilmt werden, Regie führt Detlev Buck. Dominik Bloh arbeitet mit am Drehbuch. „Ich hätte mir das nicht so schwer vorgestellt.“ Vielleicht wird der Film noch mehr Menschen erreichen und ihren Blick auf Obdachlosigkeit verändern. Oder überhaupt dazu anregen, hin- statt wegzuschauen. Das könne wehtun, aber sich auch lohnen. „Helfen ist keine Einbahnstraße und kann das eigene Leben bereichern.“ Und wenn einer weiß, dass diese These stimmt, dann ist es Dominik Bloh selbst.

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