Jeannine Platz

KÜNSTLERIN

Text: Regine Marxen | Fotos: Uta Gleiser

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 56

Im Moment malt sie Wolken. Auf Island oder auf den Malediven. Die Weite ist Jeannine Platz’ großes Thema, und Wolken faszinieren sie seit ihrer Kindheit. „Freiheit zu allen Seiten“, sagt sie. Überhaupt begibt sich die Hamburger Künstlerin gern in luftige Höhen. Jeannine ist die Frau für spektakuläre Sichten, sie kennt die schönsten Skylines dieser Welt. Für ihr Projekt „Suite View“ ist sie um den Globus gereist, hat in schicken Hotelsuiten mit fantastischen Ausblicken gewohnt. Immer 48 Stunden lang. Zwei Tage und zwei Nächte, in denen sie wie eine Yogini über die ausgerollte Leinwand am Boden turnte, um das, was sie vor dem Fenster erspäht, in einem großformatigen Gemälde festzuhalten. Mit den Händen, denn so arbeitet die Malerin am liebsten. Sie will die Farbe spüren. Für den Feinschliff verwendet sie unter anderem Zahnbürsten. Fragt man sie, welcher der Orte, die sie besucht hat, sie am meisten begeisterte, sagt sie: „Jeder. Selbst als ich auf Sylt gearbeitet habe, dachte ich: Das ist der schönste Ausblick.“ Als Künstlerin lebt sie im Hier und Jetzt, sieht, malt und zieht dann weiter. „Suite View“ ist inzwischen abgeschlossen, in den Wolken steckt sie noch mittendrin. Leben ist Transformation, sie ist gern in Bewegung, physisch wie psychisch. „Ich habe mir mal die Frage gestellt, wie es wäre, wenn ich angestellt wäre oder ein geregeltes Leben führen würde. Es würde mich nicht inspirieren.“

Jeannine Platz’ Heimat ist überall – Hamburg ist ihr Anker. Sie liebt den Hafen, der das Zusammenspiel von Abschied und Ankunft so perfekt in Szene setzt und sich immer wieder gut auf ihren Bildern macht. Zwei Töchter hat sie, 13 und 15 Jahre alt. Die beiden lassen ihre Mutter immer wieder gern in die Welt ziehen. „Du schaffst das schon ohne uns, sagen sie dann immer.“ In einem Hinterhof in Ottensen hat sich die ehemalige Moderatorin und Schauspielerin ihr Atelier eingerichtet. Hell ist es, zahlreiche Leinwände stehen an den Wänden, bunte Kleckse sind auf dem Fußboden verteilt. In Gläsern stecken farbverkrustete Zahnbürsten. An der Eingangstür ist ihr Name zu lesen in großen, verschlungenen Lettern. Auch das ist ihr Werk, denn sie ist nicht nur Malerin, sondern auch Kalligrafin. Der Kontrast zwischen großformatigen Werken und der filigranen Kalligrafie reizt sie, Letzteres macht sie am liebsten nachts, wenn es dunkel ist. Überhaupt liebt sie es, zu schreiben. „Zu Hause sind alle Wände mit Worten beschrieben, ich schreibe auch meinen Kindern den Einkaufszettel auf die Hand.“

Kalligrafie sei eine Liebeserklärung an die Schrift, die wie ein Fingerabdruck sei, sagt die Autodidaktin. Unverwechselbar und sinnlich. Für Chanel personalisiert sie Einladungskarten, eine große Ehre. Sie beschreibt Hochzeitskleider, Wände, Schmuckstücke, Taschen. In ihrem Projekt „The Voice on my Skin“ schreibt sie Songtexte auf die nackte Haut der Künstler und Künstlerinnen. Sie macht Musik sichtbar, der Fotograf wieglas hält diesen Moment fest. Seit fünf Jahren arbeiten sie gemeinsam an dieser Idee. Immer, wenn sie Zeit hätten, würden sie Musiker und Künstlerinnen beschreiben und ablichten. Zum Beispiel den Hamburger Singer-Songwriter Heinrich von Handzahm. Oder Volkan Baydar, Alec von The BossHoss, Ulrich Tukur oder Emma Longard. „In drei Jahren sind wir, denke ich, mit dem Projekt fertig, um die 100 Künstler und Künstlerinnen sollen es werden. Dann wird es unter anderem einen Bildband, eine große Ausstellung und eine Performance geben.“

Jeannine Platz ist keine Frau, die sich versteckt, die isoliert von der Außenwelt für sich selbst malt. Als ausgebildete Schauspielerin sucht sie die Bühne, als Performancekünstlerin inszeniert sie ihre Werke – in Form von Live-Sessions, Ausstellungen, Events, Videos oder Fotografien. Auf Instagram oder YouTube kann man ihr folgen und beim Arbeiten zuschauen. Ihr Kopf ist voller Pläne, und die wollen gesehen werden, Menschen zusammenbringen, Emotionen in Bild oder Schrift übersetzen. Zum Beispiel würde sie gern einmal mit einer Schar von Malerinnen und Malern weltweit synchron malen. „Alle Bilder würden dann zum Schluss in einer großen Ausstellung gezeigt werden. Die Welt käme dann zusammen.“ Ihr großer Traum aber ist es, bei einem Konzert das Bühnenbild zu gestalten, während die Band spielt. „Song für Song würde so live das Konzert als visuelle Geschichte entstehen. Am Ende würden wir das Bild zerreißen in 1000 Worte, und jeder Gast kann eines mit nach Hause nehmen.“

Träume sind in Jeannine Platz’ Welt keine Schäume, insofern kann es gut sein, dass diese Vision Wirklichkeit wird. Sie limitiert sich nicht in ihren Handlungen und Optionen, ist immer auf der Suche nach Grenzen, um diese zu übertreten. Sie ist ein furchtfreier Mensch, hat „keine Angst. Vor nichts!“. Ihr Motor ist ihre Begeisterung und die Kunst gibt ihr die Werkzeuge an die Hand, diese auszudrücken. Man kann
sagen, sie ist ein intensiver Mensch, der auf konstant hohem Energie­level lebt. Kaffee meidet sie, Alkohol auch. Er würde ihr System zum Durchbrennen bringen. Für sie existiert nur der Plan A. Einen Plan B hat sie nicht, den braucht sie nicht. „Wenn doch, dann kommt der schon.“ Da ist viel Vertrauen im Spiel. In die Zukunft, in das eigene Können. „Ich weiß, dass man alles erreichen kann, was man möchte. Ich habe es erlebt.“