RowHHome

VIER FRAUEN UND DER ATLANTIK

Text: Simone Rickert
Fotos: Ben Duffy; RowHHome

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 47

Da sitzen sie, in unserem Konferenzraum im Stella-Haus, der ungefähr so lang ist wie ihr Boot, etwas breiter. Plaudern so angeregt und lustig, wie man halt erzählt, frisch zurück aus dem Urlaub. Total erfüllt und doch sympathisch ungläubig darüber, dass sie es sind, die diese Geschichte erzählen. Catharina Streit, Rufname Cätschie, 33, und im richtigen Leben Leiterin der Qualitätssicherung in einer Kaffeerösterei, und Meike Ramuschkat, auch 33, und Kardiologin. Waschechte Hamburgerinnen, entspannt, der Ehrenempfang im Rathaus und Talkshow-Termine sind erst morgen und übermorgen. Die beiden sind Freundinnen seit ihrer Kindheit, haben als Teenies schon zusammen Hockey gespielt und nehmen immer mal wieder Abenteuer-Reisen in Angriff. Die beiden anderen der Crew RowHHome müssen heute arbeiten, das Leben geht weiter: Stefanie Kluge, genannt Steffi, ist pharmazeutisch-technische Assistentin, 51 Jahre alt, und Mutter von Timna Bicker, 26, Medizintechnikerin. Auf der Ruderboot-Regatta „Talisker Whisky Atlantic Challenge“ waren sie nicht mehr nur Mutter und Tochter, sondern gleichwertige Teammitglieder.

Also, dann mal los. Eine Ruderboot-Regatta, 5067 Kilometer von den Kanaren nach Antigua, wie bitte kommt man auf diese Wahnsinnsidee? Es war eher Zufall. Eins vorweg: Das machen Menschen schon seit 1997. Seit 2012 rudern die Teilnehmenden zugunsten einer von ihnen gewählten Wohltätigkeitsorganisation. Team RowHHome, HH stets im Herzen, entschied sich für die Initiative „Kinderlachen“. Richtig gut.
Aber am Anfang stand nur Cätschies wilde Idee, nicht mehr und nicht weniger. Im Frühjahr 2017 hat sie ihrer besten Freundin davon erzählt, daraufhin ziemlich lange nix gehört. Nur dass Meike dann doch zufällig im Dezember Urlaub auf La Gomera buchte. Sie sah die hochseetauglichen Ruderboote beim Start, spürte die Good Vibes und war fortan Feuer und Flamme. Schrieb Cätschie eine aufgeregte Nachricht nach der anderen, saß Weihnachten wieder bei ihren Eltern zu Hause und dachte sich in ihrem Mädchenzimmer Bootsnamen aus, während Mama und Papa sie am Abendbrottisch für bekloppt erklärten.

Im Nachhinein ganz gut, dass die Freundinnen für 2018 schon einen anderen Urlaub geplant hatten: den Kilimandscharo besteigen. Kleinigkeit, vorher zehnmal zum Training in die Höhenkammer, gewisse Grundsportlichkeit vorhanden (Megamarsch, halber Ironman, Marathon, Triathlon, UHC 1. Damen), auffi geht’s! Da hatten Verwandte und Freunde noch ein bisschen Zeit, sich an die Idee mit dem Rudern zu gewöhnen. Und die beiden fassten auf dem Gipfel den Entschluss: Das machen wir als Nächstes!
Noch von unterwegs meldeten sie sich an beim Open Day auf der Werft Rannoch Adventure, die die besten hochseetauglichen Ruderboote baut. Und dort in England war dann alles anders, zum ersten Mal unter Gleichgesinnten. Keiner fragte: „Seid ihr verrückt?“, sondern „Was habt ihr schon, was braucht ihr noch? Cool, ihr seid hier die ersten Deutschen!“ Klar war den beiden: Die machen hier die richtigen Boote, die anderen sind einfach zu langsam. Was sie brauchten, war Geld. 55.000 Pfund für ein Boot, ohne alles, 80.000 mit Ausrüstung – richtig viel Kohle für etwas, was eventuell eine Schnapsidee ist. Die Familien hätten ihnen keinen Cent geliehen. Also Sponsoren, irgendwie fügte es sich, manchmal ist ja Craziness auch hip: Die „Sylter Salatfrische“ machte mit.
Und ihre Freunde, fand das irgendjemand von Anfang an cool? Sehr wenige. Viele waren total dagegen und haben sogar den Kontakt abgebrochen. Wenn sie dann erfahren hatten, dass es eine Regatta ist, mit allen denkbaren Sicherheitsstandards, war es für ein paar Leute wieder okay. Einige waren vielleicht auch neidisch auf ihren Mut. Bei einem solchen Abenteuer lernt man halt nicht nur sich selbst besser kennen. Am Ende kamen jedenfalls alle wieder an. Die vier hatten den größten Fanclub am Start und im Ziel.
Nur Rudern mussten sie erst mal lernen: Am Isekai bei der Wasserschutzpolizei, der Verein nahm die Neulinge schlicht am nettesten auf. Erst als sie als richtige Streber auffielen, wochenlang bei jedem Frühmorgen-Training anwesend, haben sie gebeichtet, was sie vorhaben. Den Männern fiel erst der Unterkiefer runter, dann war der Support groß. Steffi und ihre Tochter Timna kamen so ins Team. Steffi war dort Trainerin und später an Bord eigentlich die Einzige, die so halbwegs Profi war. Timna hat kurz vor der Überfahrt ihren Mann Timo geheiratet, die Hochzeit war schon geplant, bevor sie sich entschloss mitzurudern.

Er hat sie von Anfang an unterstützt, war unermüdlich mit auf Werften und Vorbereitungstrainings, wobei da
alles noch ein bisschen unrealistisch war. Bis zum Start im Dezember 2019 war es noch eine lange Zeit. Oder eigentlich auch gar nicht so lang, wenn man wie Meike ehrlich sagt: „Brustschwimmen, sonst konnte ich keinen Wassersport. Mir wird schon beim Autofahren schlecht.“ Endlich vier. Das Boot wurde gekauft. Ab da wurde es ernst, Schritt für Schritt. Die Organisatoren der Regatta hatten sie vorgewarnt, zum Start zu kommen, das ist die eigentliche Herausforderung! Und genauso war es. Vier Girls in Südengland, die ein Boot abholen wollen: rudernd über den Ärmelkanal, Wetterprognose eher schlechter. Werftchef Charlie war mit an Bord. Nachdem sie stundenlang auf der Stelle gerudert waren, Meike total seekrank, sagte er: „Mädels, gegen die Tide kommen wir nicht an.“ Umkehren, Boot auf einen Transporter, Taufe auf den
Namen „Doris“ in Hamburg ohne bestandene Probe. Erster Rückschlag, trotzdem weiter! Einmal Nordsee muss doch machbar sein, wenn auch so: Ankunft auf Amrum nur mithilfe der Küstenwache, beim Anlegen zudem ein Loch ins Boot gefahren. Trotzdem weiter: Survival-at-Sea-Training, Ruderergometer, Probeschläge auf der Ostsee. Immer weiter, Schritt für Schritt. Erste Überprüfung der Sicherheitsausrüstung per Video-Call aus dem Bootshaus am Isekai nach Gomera: „Check, ihr seid gut, dürft kommen. Fehlt nur noch dies und das …“ Immer wieder Hindernisse, Rückschläge – wie hält man das aus, macht weiter?

Es kann nur eine immense innere Stärke sein, denn von außen kam nicht so richtig viel. Um die Geschichte abzukürzen: Im Dezember 2019 standen sie am Steg, hatten Freunde und Familie dort hart zum Abschied geherzt, wirklich alle Fragen von schaulustigen Touristen beantwortet (Wo geht ihr aufs Klo? – Eimer! Was esst ihr? – Astronautennahrung!), wollten nur noch los, die Klippen des Hafens hinter sich lassen und auf nach Antigua. Glück, dass sie als zweites von 35 Booten ablegen durften. Erst mal ging es auch ganz gut, im Windschatten der Inseln.

Aber schon die erste Nacht war ein Albtraum. 30 Knoten Wind, Wellen aus allen Richtungen und natürlich alle seekrank, den anderen Teams ging es nicht besser. Meike konnte denken, aber vor Übelkeit nichts sehen. Timna kotzte sich die Seele aus dem Leib, und das noch für die nächsten 14 Tage. Steffi kotzte und ruderte abwechselnd, aber das reichte nicht: Keine Fahrt im Boot, es drehte sich quer zu den Wellen, drohte zu kentern. Das war übrigens das Einzige, wovor alle richtig Angst hatten, nicht vor
Begegnungen mit Haien, Walen oder den berüchtigten verlorenen Containern. Cätschie hat aus Sympathie einmal kurz mitgespuckt, aber dann ging es bei ihr. Die Zahlen auf dem Kompass drehten sich vor und zurück, Cätschie und Steffi ruderten irgendwie, das Boot wurde manövrierfähig. Die Sonne ging auf.
Die ersten 14 Tage waren die Härte: zwei Doppelwachteams, die sich im Zweistundentakt mit Schlafen abwechselten. Es wurde kaum gesprochen. Wer schlief, musste die Schotten zum Kabuff schließen, damit keine der sechs bis acht Meter hohen Wellen einstieg. Die erste erwischte Cätschie von hinten mit voller Wucht. Nichts passiert, aber nasse Klamotten sind schon schlimm genug. Es kam der Weihnachtstag und dann Silvester – das hatten sie sich alle eigentlich netter vorgestellt. Flaute, auch stimmungsmäßig an Bord. Vier Piccolos hatten sie mit, drei davon haben sie im Ziel unangetastet wieder ausgestaut. Für jede einen Schluck gab’s Silvester, auf mehr hatte keine Appetit. Aber die Stimmung stieg, ein paar gute Gespräche, etwas Musik und Drei-Fragezeichen-Hörspiele zum Einschlafen. Timna ging es besser, nachdem Meike ihr eine Infusion gelegt hatte. Gegessen haben sie zu wenig, sie selbst wurden leichter, je sieben bis zwölf Kilo, das Boot mit seinen zwei Tonnen inklusive Verpflegung aber nicht. Die Trockennahrung wird mit gefiltertem Meerwasser aufgekocht, Spaghetti Bolo und Mac and Cheese waren die Favoriten. Zum Angeln hatten sie keine Muße, nur die fliegenden Fische kamen nachts ungebeten an Bord, zu klein zum Essen und absurd stinkend. Ein paar Delfine gesichtet, einen Blauen Marlin, eine Plastiktüte mit dem Ruder geborgen und an Land entsorgt, sonst nichts. Landkontakt über Satellit zur Familie per WhatsApp und telefonisch zu Jachtprofi Robert Eichler, ihrem Wetterfrosch in Hamburg. Zweimal Funkgespräche zu Frachtern, damit sie nicht überfahren werden. So gingen die restlichen 28 Tage ins Meer.

Kurz vor dem Ziel kam das, womit keine von ihnen gerechnet hatte: Wehmut, den Ozean bald verlassen zu müssen, an Land zu gehen, zurück ins richtige Leben. Das hat sie überwältigt, die letzten Stunden auf See wurden voll genossen. Nach aller Vorbereitung empfanden sie die Überfahrt als Belohnung. So etwas würde es vielleicht nie wieder in ihrem Leben geben. In der letzten Nacht vor Antigua endlich das, worauf sie sich die ganze Zeit gefreut hatten: Meeresleuchten, beim Eintauchen der Ruder im Stockfinsteren war es plötzlich da, das Fluoreszieren der Kleinstlebewesen. Am 23. Januar überquerten sie nach 42 Tagen und 46 Minuten als überhaupt erste Deutsche, schnellste Frauen und insgesamt 10. im Vierer die Ziellinie in English Harbour vor Nelson’s Dockyard, benannt nach genau dem Admiral. „Let’s give the girls a Moin, Moin“, brüllte Renndirektor Carsten Olsen in sein Mikrofon, und die Girls nahmen ihre sehnsüchtig wartenden Fans sehr lange in den Arm. Und fragt man sie jetzt, die beiden, die hier vor uns sitzen, „würdet ihr das noch mal machen?“, antworten beide echt einstimmig und ohne zu zögern: „Ja!“

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