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Silke Silkeborg

KÜNSTLERIN

Wenn Hamburg schläft, weit nach Mitternacht, wird Malerin Silke Silkeborg aktiv. Mit Farben und Leinwand geht sie dorthin, wo Licht und Menschen rar sind. Gruselorte, auch für die Künstlerin. Doch nichts bringt sie ab von ihrem Ziel, den Zauber der Nacht einzufangen – mit Leuchtkäfern, Wasserspiegelungen, Sternen

Text: Andrea Hacke | Fotos: Jan Northoff

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Ihre Stimme ist kratzig, Silke Silkeborg hustet. Es war doch etwas zu kalt, als sie vor ein paar Tagen nach einer Mal-Schicht im entfernten Ludwigshafen die letzten Stunden der Nacht im Auto geschlafen hatte. Neben ihrer Tasche mit den Ölfarben und Pinseln, auf der Rückbank Leinwände. Bilder, alle angefangen in den letzten Wochen zwischen ein Uhr nachts und vier Uhr morgens. Immer mit dabei: eine Gaslampe, die beim Arbeiten neben den Farben steht, sowie eine Stirnlampe, die ihre Leinwand bestrahlt, während sie die Nacht in der Nacht malt.

Silke ist fasziniert von der „Anders-Welt“, die entsteht, wenn alles Helle fast komplett verschwindet. 2010, zum Ende ihres Studiums für Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, hat sie das Dunkle als Motiv für sich entdeckt – und damit gleich den Preis für die beste Diplomarbeit gewonnen. Sie will sich hineinbegeben in dieses Geheimnisvolle, Unbekannte. Ihr Ansatz dabei ist ein philosophischer: Wie genau sieht die Nacht aus? Und was passiert, wenn ich meine eigene Komfortzone verlasse und dahin gehe, wo sonst kein Mensch ist? Wo höchstens ein Fuchs rumstromert und sonst niemand.

Zunächst war Überwindung nötig, denn Angst vorm Dunkeln kennt auch Silke Silkeborg. Bis heute erinnert sie sich daran, wie sie früher von ihrem Kinderzimmer unterm Dachboden nachts ohne Licht zwei Treppen runter musste bis zur Toilette. Die Stufen knirschten viel zu laut, sie sah in ein schwarzes Loch und vermutete hinter der Tür zum Badezimmer das Grauen schlechthin. Etwas von diesem Grusel fährt auch heute noch mit ihr mit, denn sie weiß nie, was ihr in den nächsten Stunden passiert. Wird sie sich künstlerisch der Nacht hingeben können oder tauchen Fremde auf, Tiere, Polizei? Alles schon passiert.

Gekleidet ist sie extra unauffällig, mit weiten Klamotten, die nicht verraten, ob sie Frau oder Mann ist, Schuhen, die sich auch zum Weglaufen eignen, und einer Kapuze, in der sie quasi verschwinden kann. Sie fährt gern an Orte, die andere um die Uhrzeit meiden.

Stiefelt nach Mitternacht zum Beispiel in den Wald und hängt unterwegs, ähnlich wie Hänsel und Gretel, bei jeder Abbiegung ein Band in die Zweige, um später wieder zurückzufinden. Sie malt im
Harburger Hafengebiet oder vor beleuchteten Chemiekonzernen im Nichts. Ihre Anwesenheit dort hat in der Vergangenheit schon Sicherheitsteams in Alarm versetzt. Einmal rief auch ein vorbeifahrender Autofahrer die Polizei: Will da jemand eine Bombe unter einen Lkw legen? „Zum Glück hatte ich damals einen Flyer von einer meiner Ausstellungen dabei“, erzählt Silke und lacht. Unverständliche Blicke vom Gegenüber, ein Kopfschütteln der Polizisten: „Warum malen Sie denn nicht tagsüber? Und warum hier?“

Schon seit 15 Jahren ist Silke zwei- bis dreimal pro Woche nachts mit ihrer Leinwand unterwegs, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit. Es hilft ihr im Winter, vorher heiß zu duschen. Ansonsten muss die Bewegung und die Bekleidung in mehreren Lagen beim Malen reichen. Für Silke hat die Nacht eine Magie, die sie tagsüber nicht findet. Es ist die Abwesenheit jeder Ablenkung, die große Stille, das „Komplett für sich sein“. Dieser Zustand ist fester Teil ihres Lebens geworden: eins, in dem es keinen Partner oder Kinder gibt, nicht mal einen Hund. Silke hat sich ganz der Kunst verschrieben und will frei entscheiden, wann sie wo wie lange malt. Oder eben, ob sie den Vormittag mal wieder verschläft.

Was Silke nachts in den Stunden auf die Leinwand bringt, vervollständigt sie später in einem ihrer Ateliers – eins davon befindet sich in einem alten Bahnwartehäuschen in Hamburg-Ohlsdorf, ein anderes in der renommierten Baumwollspinnerei in Leipzig, wo auch Neo Rauch seine Kunst erstellt.
Silke hält nach jeder Nacht schriftlich fest, unter welchen Bedingungen sie gearbeitet hat: Ort, Uhrzeit, Wetter, was hat sie gedacht, was war um sie herum? Mithilfe der Aufzeichnungen kann sie sich gefühlt immer an den Ort zurückbeamen. Einen Tag danach, eine Woche, manchmal auch Jahre später. Ihr Rekord liegt bei zehn Jahren zwischen Start und Fertigstellung eines Bildes. Zum Teil entwickelt Silke aus einer ersten Skizze draußen auch Riesengemälde drinnen, wie ihr Werk „Hell“ – vier mal acht Meter groß und geeignet, eine Museumswand zu füllen. Über die Jahre hat sich die mehrfach ausgezeichnete Künstlerin immer neue Schwerpunktthemen gesucht: Waren es erst und immer wieder die Wasserspiegelungen, malte sie eine Phase lang Leuchtkäfer, dann das Meeresleuchten, Landebahnen aus der Vogelperspektive, künstliches Licht aus Chemiekonzernen oder auch die innere Nacht geflüchteter Literaten zur NS-Zeit.

Dafür reiste Silke sechs Monate nach Südfrankreich, las tagsüber die Texte der Schriftsteller und malte nachts Flucht-Schatten auf die Leinwand oder Häuser, in denen die Intellektuellen damals schliefen, als ihnen der Weg nach Hause versperrt war.

Eine solche Reise ist ihre Art von Urlaub. So etwas wie Rumliegen am Strand mit Cocktail in der Hand kennt Silke nicht. Ihre Fernziele richten sich immer nach dem Thema, das sie gerade verfolgt. Aktuell interessiert Silke zum Beispiel die Waitomo-Höhle in Neuseeland, denn darin hängen Leuchtkäfer an Wänden und Decken wie ein Sternenmeer am Himmel. Auch Sternenparks wären eine nächste Option.
Ihre Bilder sind bei Museen in ganz Deutschland gefragt, kosten ab 1800 Euro aufwärts. Silke kann von ihrer Kunst leben. Zwar bescheiden, aber manchmal braucht es keinen Luxus, um alles zu haben.

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