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Tobias Kratzer
HAMBURGER STAATSOPER
Als neuer Intendant der Hamburgischen Staatsoper formuliert Tobias Kratzer nur die ehrgeizigsten Ziele. Er will dem Haus Weltgeltung verschaffen mit einem Programm, das die Hamburger begeistert und dabei die gesamte Gattung erneuert.
Text: Till Briegleb | Foto: Julia Schwendner
Wer die Vorstellung hegt, ein Hamburger Opern-Intendant wohne bestimmt an der Elbchaussee, der Alster oder wenigstens in Eppendorf, den muss die Ortswahl Tobias Kratzers überraschen. Der Regisseur, der seit dieser Saison dem Musiktheater an der Dammtorstraße vorsteht, blickt aus seiner Wohnung auf die Reeperbahn. Kratzer, der sagt, dass ihm Hamburg vor seiner Bewerbung um den Posten ein blinder Fleck gewesen sei, empfindet das Leben im Herzen von St. Pauli als „guten Gegenpol“ zu seinem Leben in der Staatsoper. Zwar wirke die Tourismusmeile ästhetisch auf ihn wie „Waldkraiburg mit Pikanterie“, womit er Bezug nimmt auf eine triste Nachkriegssiedlung unweit des Dorfes Mauern in Oberbayern, wo er aufgewachsen ist. Aber er findet St. Pauli „super“.
Aus seinem Intendantenzimmer im Verwaltungs-Anbau der Oper, in dem vorher Kent Nagano, der Generalmusikdirektor seines Vorgänger Georges Delnon residiert hatte, blickt Tobias Kratzer dann ganz standesgemäß auf die Binnenalster und die Innenstadt. Über seinem Schreibtisch hat er ein Porträt Georg Philipp Telemanns aufgehängt, der als umtriebiger, hochproduktiver und innovativer „Director Musices“ von Hamburg Anfang des 18. Jahrhunderts schon einmal den zarten Glauben wecken konnte, die Kaufleutemetropole sei auch eine Musikstadt – ein Ansinnen, das hier spätestens seit dem Bau der Elbphilharmonie wieder verfolgt wird und dem sich Kratzer auf seine umtriebige, hochproduktive und innovative Weise verpflichtet fühlt.
Der 46-jährige Opernregisseur, der in den vergangenen Jahren mit seinem frischen zeitgenössischen Zugriff auf Repertoire-Klassiker von Mozart, Verdi und vor allem Wagner sehr verlockend bewiesen hat, dass dieses in Traditionen verwurzelte Genre heute noch etwas zu sagen hat, programmierte seine erste Spielzeit aber gleich einmal mit völlig anderen Schwerpunkten. Ein einziges Werk aus dem Opern-Kanon, Rossinis „Der Barbier von Sevilla“, kommt ganz zum Schluss der ersten Saison. Davor nur Projekte, Uraufführungen und wenig Bekanntes wie die Eröffnungspremiere „Das Paradies und die Peri“ von Robert Schumann, ein relativ kurzes Oratorium, das Kratzer in eine kurzweilige Oper verwandelt hat. Ein mutiges Statement zur Begrüßung.
Aber der vitale Schnellsprecher, der im Gespräch mindestens so viele Querverweise zu anderen Kultursparten unterbringt wie Anglizismen der Digital Natives, sucht die Referenzen für seine Vision einer neuen Hamburger Dramaturgie auch nicht im Bequemen: „Dieses Haus war immer dann am stärksten, wenn es am experimentellsten war“, sagt Kratzer und nennt jene Epochen bis zurück in die Fünfziger als Vorbilder, in denen Intendanten und Musiker wie Ingo Metzmacher, Peter Ruzicka und Rolf Liebermann bei den Kompositionen wie bei den Regieführenden ins Risiko gingen.
Zentrales Projekt seiner ersten Spielzeit ist dann auch die Uraufführung einer Trump-Oper mit dem Titel „Monster’s Paradise“ von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, in der zwei Vampirinnen, Vampi und Bampi, sowie ein Seemonster mit Namen Gorgonzilla einen Möchtegern-König bekämpfen. Kratzer verspricht ein „Spektakel“. Und auch wenn Olga Neuwirth sicherlich keine Musical-Komponistin ist, kann das fröhlich Groteske dieser „Grand Guignol Opéra“ und das Versprechen einer großen Show vielleicht Ängste bei Neugierigen verscheuchen, dass zeitgenössisches Musiktheater vor allem anstrengend, schrill und monoton sei. Und das nächste Projekt ist dann auch wieder Mozart. Wobei …
Der Titel des Amadeus-Projekts, das der neue Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber zusammen mit dem an Hamburgs Bühnen wohlbekannten Theaterregisseur Christopher Rüping entwickelt, lässt schon wieder stutzen. „Die große Stille“ scheint eine geradezu absurde Zuschreibung für das Werk des Salzburger Komponisten. Hinter der rätselhaften Vorgabe verbirgt sich dann aber die erklärte Absicht, es mit eher unbekannten Stücken dem Publikum zu ermöglichen, das Erneuerungspotenzial in Mozarts Musik zu entdecken oder, wie Kratzer es ausdrückt, was daran „groundbreaking“ war. „Ground breaken“ lautet auch der eigene Anspruch als Intendant.
Kratzer erklärt ausdrücklich, er möchte in Hamburg „Theatergeschichte“ schreiben nach rund zwei Jahrzehnten, in denen die Staatsoper nicht mehr auf dem nationalen und internationalen Radar sichtbar war. Er bescheinigt dem Haus ein „ungeheures Potenzial“, sieht seine eigene Aufgabe aber darüber hinaus in der Mission, „ein bisschen was zur Weiterentwicklung der Gattung beizutragen“. Auslastungszahlen von zuletzt nur noch rund 50 Prozent sind ein Warnzeichen für die Attraktivität des Singspiels, das allen Entscheidungsträgern bei der Auswahl Kratzers bewusst war. Die Entscheidung für einen kontinuierlich erfolgreich regieführenden Intendanten ist klar mit der politischen Vorstellung verbunden, der Opernkunst grundsätzliche neue Impulse zu schenken.
Und dazu dürfte längerfristig natürlich auch das „Geschenk“ einer neuen Oper im Hafen helfen. Der verspielte Neubau, den der dänische Architekt Bjarke Ingels auf der Kaispitze mit einem öffentlichen Park umhüllen möchte, wird mit seiner Ausstrahlung dafür sorgen, dass staatliches Musiktheater für alle im Staat zugänglich erscheint.
Kratzers Motivation, Intendant zu werden, nämlich „ein ganzes Haus als künstlerische Inszenierung zu begreifen“, bildet sich in dieser wirbelnden Bauinszenierung wunderbar ab. Wie heißt es nicht so schön bei Goethe: Baukunst ist erstarrte Musik.
„Oper müsste für jeden zugänglich sein, und damit meine ich die gesamte Breite der Gesellschaft“, sagt Kratzer, wohl wissend, dass dem noch lange nicht so ist. Aber er ist voller Optimismus: „Die Zugänglichkeit kommt, indem die Oper sich nicht als Nischenprodukt erzählt.“
Mit der Eröffnung ist das schon einmal gelungen. „Das Paradies und die Peri“ hatte bei der vorerst letzten Aufführung eine Auslastung von 94 Prozent.
Für Hamburg verspricht Tobias Kratzers Idee, Spektakel, Emotionalität und Tiefe zu verbinden, was er in einzelnen Posten schon bis zum Saisonfinale in fünf Jahren durchgeplant hat, den Stolz des Originellen. „Hier werden Dinge passieren, die passieren wirklich nur in Hamburg. Und sie passieren in Serie, nicht als einmalige Ausnahme.“ Die Chancen stehen dann nicht schlecht, dass auch das Publikum den etwas anderen Intendanten bald so super findet wie der St. Pauli. Und dass Hamburg auch für Operninteressierte in aller Welt nicht länger ein blinder Fleck ist, sondern Opera’s Paradise.






