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Eric Brandenburg

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: ANATOL KOTTE

Zweimal klinisch tot, Koma, spinaler Schock, Titan hier drin, als Mediziner im Kosovo, Massengräber, Obduktionen am Fließband … Das Leben kann morgen vorbei sein. Also Vollgas!“ Ein Warm-up ist bei Erik nicht vorgesehen. In ein paar Sekunden und wenigen Halbsätzen, bei denen die Worte manchmal untrennbar aneinander genäselt werden, bekomme ich die Eckdaten seines Lebens, die dicke auch für ein Dutzend Lebensläufe reichen würden. Wir hetzen durch Hallen, Treppe rauf, kurzer Blick auf bestimmt 100 Cross-Maschinen. „Die bin ich alle gefahren.“ Treppe runter, nächste Halle. Weiter, vorbei an Autos. Ich will an jedem stehen bleiben. An den ganzen alten Landies von der Camel Trophy, an alten 911ern, Rallye-911ern, Oldtimern, Youngtimern, BMWs, Mercedes. Wir rasen vorbei wie in einem Rennen, das ich zu Fuß bestreiten muss. Tor auf, zwei Kumpel schrauben in einer Werkstatt an einer Vespa und einer alten Enduro.


Erik ist Proktologe mit zwei Praxen in Hamburg. Sein Tag fängt sehr früh an. Aber wenn er es am Nachmittag irgendwann in der Woche mal in diese Halle schafft, dann fängt er an zu entspannen – wobei entspannen für einen wie ihn sehr relativ ist. Nebenbei fährt er Rallyes. Ziemlich erfolgreich. Mit speziellen 911ern, die er selbst mit aufbaut. „Hier, hol den mal raus!“ Erik greift unter die hochgeklappte Sitzbank der alten 50er-Vespa und zieht den Vergaser raus. „Weißte was? Fahr mal bitte zum Baumarkt und hol hier so Schläuche. Damit müsste man das wieder hinbekommen.“ Ein weiterer Kollege schraubt gerade an einer 250er-Kram-It und versucht, dort einen Ständer zu montieren. Eine 125er-Kram-It lehnt an einem Pfeiler. „Jörg, willst du noch einen Latte?“ „Nee, danke, hab’ noch.“ Die Moppeds haben sie letztes Wochenende in Mailand auf so einem speziellen Markt gekauft. Zwei Enduros, eine alte Vespa und die Ciao. Wir gehen durch die Halle zurück in eine Art Büro. Wieder vorbei an den ganzen Karren, von denen jede und jeder einzelne wahrscheinlich eine eigene Geschichte verdient hätte.


Stattdessen zeigt Erik mir einen kleinen Modell-Porsche, den er gerade von einem Freund geschenkt bekommen hat. „Guck dir das an, jedes Detail stimmt!“ Ich denke, dass wir doch eben an dem echten 911er Martini vorbeigegangen sind. Mit den Spaten auf dem Dach und den riesigen Reifen. Mit dem hat Erik gemeinsam mit Stefan Preuß die Transsyberia Rallye 2007 in der Kategorie „Historische Autos bis Baujahr 1987“ gewonnen. Also so richtig „nebenbei“ betreibt er dieses Hobby definitiv auch nicht. Während ich überlege, ob ich ihn vielleicht doch mal was fragen sollte, merke ich, dass meine ersten 20 Fragen irgendwie auch schon beantwortet sind. Erik scrollt erst und hält mir dann sein Smartphone hin. „Weißt du, was wir nächste Woche machen?“ Er tickt noch mal kurz aufs Display, dann sehe ich, wie ein alter 911er mit ziemlich fetten Reifen eine Skipiste hochfährt. Hier und da bricht etwas das Heck aus, aber mit einem Höllenlärm schiebt sich die Karre den Berg hoch. „Hat mich so ’n Typ angerufen und gefragt, ob ich das machen könnte.“ Bei jedem (außer Erik) wäre allein diese Geschichte einen eigenen Termin wert gewesen. Ein Freund von Erik kommt ins Büro, kurze Vorstellung. Und während wir drei wieder durch die Hallen zurück zur alten Vespa gehen, buchen Erik und der Freund die Unterkunft für den Wochenendtrip zu dieser Weltcup-Piste in der Schweiz, wo Sponsoren bereits ein größeres Live-Event planen. Erik hat mit seinem 911er wohl einen durchaus wesentlichen Part dabei.


„Lass das mal bidde probieren!“ Erik greift sich einen kleinen Spritkanister und gluckst die Mischung in die alte Vespa. Kurz angetreten und der Zweitakter ist da. „Hier, nimm mal!“ Erik reicht den Kanister einem Kumpel, der gerade vor der kleinen Kram-It steht. Schnell zwei Liter eingefüllt, Erik kommt dazu. „Die haben wir in Mailand quasi blind gekauft. Gespannt, ob die auch anspringt.“ Beim ersten Kick ist sie voll da. Jubel in der Halle, in der gerade zwei Zweitakter einen unglaublichen Lärm machen. Zack, das Tor hochgefahren und der bläuliche Nebel verzieht sich etwas, während einer die Kram-It auf den Hof fährt und dann mal kurz die ersten zwei Gänge aufreißt. Der Lärm verschwindet kurz im dunklen Gewerbegebiet. Dann kommt das blecherne Kreischen wieder näher, und sie schieben die Enduro wieder in die Halle.
Erik rollt einen irre breiten Reifen, der an einem 911er-Chassis lehnte, zu uns. Es klackert über die Fliesen der Werkstatt, weil jemand von innen ungefähr 300 Schrauben durch den Reifen gejagt hat. „Das hier sind die Spikes, mit denen wir nächste Woche die Piste hochkommen. Wir haben jetzt doch den 245er genommen, weil möglichst viel Fläche aufliegen muss.“ Variiert haben sie in den Probeläufen zwischen 0,3 und 0,6 Bar. 0,5 müssen es wohl sein, dann kann’s klappen.


Erik ist schon wieder bei der Vespa. Er knallt den Sattel runter, verlässt knatternd die Halle und fährt auf den Hof, ist vielleicht eine Minute später wieder da und strahlt über das ganze Gesicht. „Das is’ echt absolut das Größte!“ Ich stehe da, denke kurz an die unfassbaren Autos und Motorräder in der Halle, an die gewonnenen Rallyes, an die ganzen Grenzerfahrungen, die er hinter sich hat, und überlege, ob ich mich an seiner Stelle jetzt, nach einem stressigen Tag in der Praxis und ein paar Stunden Schrauberei in der eigenen Halle, auch so geäußert hätte. Aber es ist sein voller Ernst. Und vielleicht ist das auch schon das ganze Geheimnis. Wenn du dich nicht mehr über eine alte Vespa freuen kannst, wirst du auch als Sieger im 911er bei der wildesten Rallye nicht glücklich. Dann wirst du nirgendwo glücklich.

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 39

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