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Stefanie Hempel

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: JULIA SCHWENDNER

The Sound of Hamburg  Als wir uns treffen, weiß ich eigentlich nur, dass die Beatles mal auf dem Kiez gespielt haben. Stefanie hat Musik studiert, aber inzwischen veröffentlicht sie eher seltener eigene Sachen, was schade ist. Dafür hat sie kaum noch Zeit. Das wiederum hat mit dem zu tun, was sie macht, damit Menschen wie ich etwas mehr über die Zeit der Beatles in Hamburg erfahren. Stefanie veranstaltet auf dem Kiez seit fast eineinhalb Jahrzehnten eine Tour auf den Spuren der Beatles. Und diese Tour ist so besonders, dass von Anfang an Beatles-Fans aus aller Welt zu ihr pilgern.


Besonders ist auch, wie Stefanie zu den Beatles gekommen ist. Das war Mitte der 1980er irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern. Sie war neun, als ihr Vater ihr dieses eine Tape gibt. Er legt es in den alten Kassettenrekorder auf der Fensterbank, und plötzlich ist da mit aller Macht die Welt: Geruch, Geräusche, Licht … alles ist da wie zum ersten Mal. Jedes Detail dieses Moments hat sich ihr eingebrannt, ist heute, während wir sprechen, genauso präsent wie vor mehr als 30 Jahren. Mit den ersten Akkorden von „She Loves You“ war es im besten Sinn um sie geschehen. Nicht für einen Augenblick oder ein paar Tage. Sondern für ihr ganzes Leben. Zumindest bis heute. Erste Konsequenz? Sie beginnt mit gerade einmal zehn Jahren selbst Lieder zu schreiben. Und zwar nicht irgendwelche. Sondern echte Liebeslieder. Songs, in denen sie ihre Liebe für John Lennon formuliert. Kann es eigentlich eine schönere Motivation geben, um Musik zu machen?


Nach dem Fall der Mauer wurde es für sie dann endlich leichter, an die Musik der Beatles zu kommen. Die vier Liverpooler, allen voran John Lennon, lassen sie nicht los. Und dann kommt sie 1998 nach Hamburg. Stefanie studiert Musik, und sie freut sich, tatsächlich in der Stadt angekommen zu sein, in der die Beatles nicht nur ein paar Konzerte gespielt haben. Sie kommt in die Stadt, in der die Beatles Anfang der 1960er-Jahre gleich mehrfach für mehrere Monate am Stück gelebt haben und Nacht für Nacht über Stunden am Stück aufgetreten sind. Hier haben sie musikalisch experimentiert, gesungen ohne jedes technische Equipment, haben das letzte Bandmitglied gefunden, sind erstmals unter dem Namen The Beatles aufgetreten. Und alles ist hier auf dem Kiez, in einem Radius von wenigen Hundert Metern, passiert. Stefanie wohnt auf St. Pauli und macht sich sofort auf die Suche: nach Hinweisen, nach Touren, nach irgendwas. Aber es gibt nichts. Einfach nichts. Was heute, da es zu jedem Thema Dutzende geführte Touren gibt, wahrscheinlich unvorstellbar ist: Das Erbe dieser Weltstars, die in dieser Stadt das Fundament für all ihre späteren Erfolge gelegt haben, schien hier nahezu komplett in Vergessenheit geraten zu sein.


Also macht sie sich auf. Sie sammelt Geschichten, Orte, Anekdoten. Sie recherchiert, liest, führt Gespräche mit Clubbetreibern, Freunden und Familien der berühmten Musiker. Und sie führt all das mit derselben Begeisterung zusammen, mit der die Neunjährige damals zum allerersten Mal „She Loves You“ gehört hat. Zufall oder Schicksal wollen es dann, dass zwei Freunde ein kleines Reiseunternehmen haben, unter dessen Dach sie, nach kurzer Diskussion, Mitte 2000 dann die erste Beatles-Tour über den Kiez führt. Das Feedback ist grandios. Es wird schlagartig klar, dass genau dieses Angebot in Hamburg gefehlt hat. Und Stefanie wird klar, dass die Kombination aus Musik, Entertainment und Touristik
genau das Ding für sie ist. Auch wenn sie sich erst ein paar Jahre später mit dem Tour-Angebot selbstständig macht.


Die Musikerin Stefanie gibt es natürlich auch noch. Mindestens auf der Beatles-Tour. Dann hat sie nämlich immer auch das Lieblingsinstrument von George Harrison dabei: eine Ukulele. Mit der spielt sie während der Tour virtuos die Songs der Fab Four, über die andere Guides, wenn sie so viel über die größte Popband der Welt wüssten wie Stefanie, sonst nur sprechen könnten. Auch deshalb ist die Stimmung bei ihren Touren, die sie ständig weiterentwickelt und modifiziert, so besonders, dass sie sogar Stammkunden hat. Und zu denen gehören nicht nur Biografen und Freunde der vier Liverpooler, die den Sound of Hamburg in die Welt getragen haben.

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 39

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