Auf der Blutspur

TATORTREINIGER

Text: Jörg Fingerhut Fotos: Tommy Hetzel

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 48

Manchmal sei sein Job fast meditativ, sagt er. Aber an manchen Tatorten bekommt er auch nach zehn Jahren noch mit schrecklicher Regelmäßigkeit einen fetten Herpes. Dirk Plähn ist der bekannteste Tatortreiniger Deutschlands. „Das läuft dann durch die Matratze, in den Holzrahmen, auf den Boden, durch den Teppich. Wenn du Pech hast, ist darunter Holzboden oder Estrich …“ Wir sind kaum angekommen, da geht’s mit einem Pott Kaffee in der Hand schon ans Eingemachte. Und uns drängt sich sofort eine Frage auf, die sich, wie wir wenig später hören, auch Dirk Plähn damals gestellt hat, als er zum ersten Mal vom Beruf des Tatortreinigers gelesen hat: „Wer macht denn so was?“
„Blut ist für mich total abstrakt“, sagt Dirk. Wir sind so schnell mitten im Gespräch, dass wir kaum dazu kommen, Fragen zu stellen. „Aber an einem Tatort war noch eine Haarsträhne. Das war dann schwierig für mich, weil das Opfer permanent in der Presse war und ich dann ein Gesicht vor Augen hatte.“ Und dann hat er da auch noch etwas auf dem roten Teppich gesehen, das wie Blut aussah. Hat ein paar Chemikalien darauf gesprüht und konnte zusehen, wie an der Stelle sofort Schaum in Form eines Fußabdrucks aus dem Teppich wuchs. Spooky! „Ach“, denken wir, „das ist gar nicht so wie im Krimi, wo Spuren immer unter Schwarzlicht entdeckt werden?!“
Kein Tatort ist wie der andere. Und oft ist es schon die erste große Aufgabe, sich wirklich komplett geschützt zu kleiden. Manchmal ist er überrascht, wie wenig Blut vor Ort ist. Mal reicht es, wenige Stunden ordentlich zu reinigen, manchmal ist es tagelange Schwerstarbeit, bei der Böden aufgehebelt werden oder der Putz von den Wänden geschlagen wird. „Kennt ihr Kapillarkräfte?“ Wir nicken. „Wenn eine schwere Leiche ein paar Wochen an einer Wand liegt, dann sickert die Leichenflüssigkeit nicht einfach nur nach unten. Wenn du Pech hast, zieht sich die Flüssigkeit in der Wand nach oben.“ Was in unseren Ohren einfach schwer vorstellbare Situationen sind, ist für ihn vor allem eine professionelle Herausforderung. Denn so kurios das klingt: Es gab damals und es gibt heute noch keine Möglichkeit, eine Lehre zum Tatortreiniger zu absolvieren. Niemand bringt dir bei, wie du was am besten reinigst. Dirk ist da nicht reingeschlittert. Und es war auch nicht so, dass bereits Vater und Großvater nichts anderes gemacht hätten. Er war damals einfach im Urlaub. Er war unzufrieden mit seinem Job, hielt seinen Bauch in die Sonne Ägyptens und hatte eine Zeitschrift in den Händen. Darin war ein Artikel über einen Tatortreiniger. Der erste Impuls: „Wer macht denn so was?“ Aber aus einem zweiten Impuls heraus, den er so im Alltag vielleicht nicht gehabt hätte, fing er an, ein bisschen über die Branche zu recherchieren. Und er stellte fest, dass es in ganz Deutschland bestenfalls eine Handvoll Tatortreiniger gab. In Hamburg nicht einen einzigen!
Er hat zum Start vor allem in Eigenregie tierisch viel recherchiert. Und die einzigen Treffer, die ihm Google präsentieren konnte, waren amerikanische Seiten. Dort stand vieles. Aber auch dort sagte ihm niemand, wohin bei einem Mord mit dem Messer das Blut spritzen kann. Allein ein halbes Jahr hat es gedauert, bis er einen Entsorger gefunden hat, der bereit war, mit ihm zu arbeiten. Aber natürlich sind ihm gerade zu Anfang auch manchmal schmerzhafte Fehler passiert: Einmal muss er ein mit
Leichenflüssigkeit vollgesogenes Kissen in einem eigens dafür vorgesehenen Behälter entsorgen. Nur ist der leider etwas zu klein, und er muss das Kissen runterdrücken … „Vor dieser Geruchswolke und den Spritzern konnte mich auch die große Maske nicht wirklich schützen. Da bin ich fast ohnmächtig geworden.“Überhaupt, der Geruch! Auch darüber hat ihn niemand informiert. „Den Geruch wirst du nicht los. Der wandert durch die Nase weiter runter, dass man es fast schmeckt.“ Noch heute ist die Nase für ihn das finale Tool, einen gereinigten Tatort zu checken. „Nur wenn ich wirklich gar nichts mehr rieche, habe ich sauber gearbeitet.“ Andershe­rum ist die Nase für ihn der wichtigste Indikator, wie aufwendig eine Tatortreinigung wird. Denn als Unternehmer war es für ihn zu Beginn nicht leicht, den Aufwand für ein verbindliches Angebot einzuschätzen.
Von dem Wissen profitierte dann auch Schotty, der fantastische Tatortreiniger des NDR. Vor Beginn der ersten Staffel hatte sich die Produktion bei Dirk fachliche Tipps geholt. Und auch wenn die Arbeit von Schotty in den Folgen ganz anders ist als die echte, lässt Dirk es sich nicht nehmen, ein Schild mit der Aufschrift „SpuBe“ in der Windschutzscheibe seines Kastenwagens liegen zu haben. Schotty hatte sich in einer Folge in Flirtlaune und in Anlehnung an SpuSi (Spurensicherung) als SpuBe (Spurenbeseitigung) ausgegeben. Dirk redet während der Arbeit deutlich weniger als Schotty. Aber auch er wird durchaus regelmäßig mit verschiedenen Formen der Trauerbewältigung konfrontiert. Nachhaltig in Erinnerung geblieben ist ihm ein Angehöriger, der auffällig un­emotional die Arbeit von Dirk verfolgte. Und, fast ohne explizite Nachfrage, sehr emotional darlegte, was für ein Riesen-Arschloch der Vater gewesen sei. Es ist nicht nur wegen solcher Szenen, dass Dirk sehr viel lieber allein und in Ruhe arbeitet.
Vor einiger Zeit ist er in ein Gefängnis gerufen worden, um eine Zelle zu reinigen. Die ganze Zelle war voller Fäkalien. „Und Fäkalien kann ich gar nicht. Die riechen wie die Seuche. Schlimmer als Leichengeruch. Das ist wirklich schlimm für mich. Da bekomm’ ich auch nach zehn Jahren noch regelmäßig einen Herpes.“ In so Momenten ist er auch mal froh, dass er kein Bestatter ist, der dann zuerst vor Ort ist. Uns interessiert, wer diese Arbeit früher gemacht hat, und wir lernen, dass es im Knast oft Inhaftierte übernehmen mussten. Ansonsten waren es eher Schädlingsbekämpfer oder normale Putzkolonnen. Aber vor allem die normalen Reinigungskräfte hatten danach nicht selten psychische Probleme. Hm. Einmal musste Dirk einen fensterlosen Kellerraum reinigen, in dem mehrere Wochen eine Leiche gelegen hatte. „Alles, was trocken ist, saug’ ich erst mal weg. Weil alles, was noch nass ist, ist schwieriger zu reinigen. Früher hab’ ich alles erst mal mit Chemikalien eingesprüht. Das mach’ ich heute nicht mehr.“ Als wir etwas nachdenklich schauen, schiebt er nach: „Meine Staubsauger entsorge ich alle paar Wochen.“ Diese Einsätze sind für ihn auch immer eine Art Sporteinheit. „Nach sechs Stunden bist du total platt. Aber meine Arbeit macht mir echt Spaß. Das glauben mir viele nicht. Zudem ist es wie Sport. Ich esse wenig bis gar nichts während der Einsätze. Oft ist es irgendwie meditativ. Ich sehe, was ich gemacht habe. Und das ist ein gutes Gefühl.“
Gab es denn in all den Jahren auch mal eine witzige Szene? Dirk lacht laut: „Ja, einmal hat mich jemand an einem Tatort gefragt, ob ich das ehrenamtlich mache!“

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