Der Tresen zur Welt

HAIFISCHBAR

Text: Stefan Kruecken | Fotos: René Supper

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 49

Die meisten Geschichten spielen tief in der Nacht und haben mit Alkohol zu tun, so ist das an der Hafenkante. Gert Schlufter, der Bar­besitzer, gute 70, ein Mann mit kräftigen Armen und dem Slang von Sankt Pauli, erinnert sich an die Männergruppe, die sich in der Ecke gleich rechts im Nebenraum festtrank. Auf der Bank unter dem Gemälde, das ein Schiff in schwerer See zeigt, in Öl gemalt. Es waren Fischdampferleute, finstere, tätowierte Kerle, nach wochenlanger, harter Arbeit zurück von See, mit dem Ziel, aufgestauten Druck abzulassen. Wofür ihnen nicht viel Zeit blieb, bis der Trawler wieder auslief. Die Fischer gerieten in Streit. Wirt Gert hörte Schreie und einen dumpfen Schlag, dann war Ruhe. Als er um die Ecke kam, sah er den Tomahawk. Er steckte in der Wand, in einer Welle, in seinem Gemälde. „Ich habe nichts gesagt“, erzählt Gert. „Was sollte ich auch sagen?“ Die Fischer waren ruhig, offenbar war es ihnen peinlich. „Jetzt stell dich nicht an“, sagte einer, offenbar derjenige, der das Beil geworfen hatte. Er knallte mehrere Hundert-Mark-Scheine auf den Tisch. „Soll wohl reichen“, brummte er. „Und jetzt Bier!“
Hamburg, Altona, Große Elbstraße 128, gegenüber den alten Kränen, wo die großen Schiffe tuten: Die „Haifisch-Bar“ ist viel mehr als eine Kneipe, sie ist wie ein verblichenes Tattoo des alten Hafens. Wenn Hamburg das Tor ist, dann ist sie der Tresen zur Welt. Alle landen hier im Laufe einer Nacht: Manager und Werftarbeiter, japanische Touristen und Straßenkehrer. Hinter dem Tresen hängt eine gerahmte Galerie der Stars, die hier getrunken haben. Heidi Kabel, Götz George, Jan Fedder, allesamt aus der Abteilung „Schenk noch mal nach“. Vor Kurzem schaute Massimo Giordano vorbei, der Startenor aus Italien, bevor er in der Staatsoper „Tosca“ gab.
Direkt aus der Tür kann man beobachten, wie die großen Frachter mit mehr als zehntausend Containern an Bord drehen und dann abbiegen in die Terminals, weit weg von Sankt Pauli und der „Haifisch-Bar“. Die Matrosen haben kaum eine Chance, in die Stadt zu kommen. In der Seemannsmission nebenan, in Torkelweite des Hais, übernachten immer mehr Touristen. Blohm+Voss, die alte Werft, baut wieder Stellen ab. Manche sorgen sich, dass aus dem arbeitenden Industriehafen eine Art Disneyland mit angeschlossenen Becken wird. Blau angeleuchtet von Künstlern, eine Bühne für viele Großfeiern und eines der beliebtesten Kreuzfahrtziele der Welt. Die Nachbarschaft ist schick geworden, viel Glas, viel Stahl, viel Latte macchiato. Nur im Hai ist ein Großteil noch wie früher, Klischee ahoi:
Im Hai trinkt man Astra, isst Labskaus statt Sushi, und die Musikbox spielt Hans Albers, Freddy Quinn und Wolfgang Petry. Auch wenn es heute nicht mehr mechanisch schnarrt, wenn eine CD umspringt, sondern das neue Gerät schnöde Dateien abspielt. Als der alte Laser defekt war und nicht mehr repariert werden konnte, begannen die Schlagersänger zu stottern. Nun geht alles digital, so viel
Moderne muss dann doch sein.
Manche Nacht im Hai ist wie ein Flug in einer Zeitmaschine, nur das Publikum ist anders als früher. Früher kamen vor allem die Matrosen und Fischer, früher wärmten sich die Huren auf und besoffen sich die Seeleute aus aller Welt. Wenn sie nicht zahlen konnten, ließen sie etwas da: eine Lampe aus Schnapsflaschen, eine ausgestopfte Robbe, einen Rettungsring, ein Schiffsmodell, das Gebiss eines Hais. Oder ein Ölgemälde, das einen Trawler in schwerer See zeigt und von dem niemand weiß, wer der Künstler ist. Eines Nachts hing es an der Wand, weil jemand seine Zeche so bezahlt hatte.
Zum Hai gehören Charaktere wie der „blinde Herrmann“, der zwar nichts sah, aber sehr gut Akkordeon spielte. Je mehr er trank,
desto schneller spielte er auf. Und auch die Hure „Micky Maus“, die wegen ihrer Größe und ihres Aussehens so gerufen wurde und die manchmal vergaß, ihren Lohn einzufordern. Oder eine Baronin, eine echte Hochadlige, die in einer bierbewegten Nacht am Tresen auftauchte, um nach einem harten Tag einige Sorgen zu vergessen. In einer Ecke stand eine junge, sehr betrunkene Frau auf, drängelte sich an den Tresen, knallte Frau Baronin die Hand auf die Schulter und lallte laut: „Mach dich mal locka. Sonne Von-und-Zus wie du komm’n hier öfta!“ Danach war großes Gelächter, der Kreis der Trinker schloss sich, und Gloria vom Geier zu Wittgenstein war endgültig in der „Haifisch-Bar“ angelangt. Auch das ist eine Botschaft, die von diesem Tresen ausgeht: Der Hafen ist ein Ort, an dem Menschen aus allen Kulturen zusammenkommen, sich treffen, wieder auseinandergehen. Ein großer Hafen bietet die Vielfalt der Welt im Kleinformat, bunt und hektisch und schnell geht es zu, und es ist ein Ort, an dem Toleranz gelebt werden muss, weil es sonst gar nicht anders funktioniert. ­Schlufter erzählt die Geschichte von „Frau Mona“, einer Travestiekünstlerin, die eigentlich Egon hieß. Er hatte sie vor einiger Zeit bei anderer
Gelegenheit auf Sankt Pauli kennengelernt. Sie drückte dem Chef der „Haifisch-Bar“ eine Kassette in die Hand und sagte: „Leg das mal ein. Weil du ein Netter bist, gebe ich dir heute eine Gratis-Show.“ Frau Mona legte los mit ihren Playback-Einlagen, sang „Lili Marleen“, stimmte Hans Albers an und all die anderen Klassiker, und das Publikum feierte sie und den Morgen. Auch in der kommenden Woche sang Frau Mona im Hai, und mit ihr strömte ein anderes Publikum in die Bar, darunter viele Homosexuelle. „Es war eine lustige Zeit“, erinnert sich Gert, „hat immer irgendwie Spaß gemacht.“ Doch es kam zu Konflikten. Einer der Stammtrinker, die immer am Tresen hockten und dem die neuen Gäste nicht besonders gefielen, war Heiner. Heiner war für seine laute Stimme und seine laute Art berüchtigt. An einem Morgen grölte er schwulenfeindliche Witze durch den Hai. Wirt Gert stauchte Heiner zusammen und schmiss ihn raus. Lokalverbot. Auch das gibt es an einem Ort, an dem man es wenig vermutet. Wo ein Haifisch über der Tür hängt, ist eben kein Ponyhof drin. Manieren aber werden gepflegt, vor allem dann, wenn Karin Schlufter, die Frau des Chefs, hinter dem Tresen steht. Ansonsten bekommt man Umgangsformen beigebracht, wie an einem Sonntagmorgen nach dem Fischmarkt. Die „Rasanten“ nennt Haifisch-Chef Gert jene Gäste, die eigentlich keine Zeit für ein Bier haben, es aber trotzdem bestellen und dann, wenn es länger dauert, als eine Hafenmöwe kackt, motzig werden. Einer dieser „Rasanten“ stürmte also in den Hai und grölte an den Tresentrinkern vorbei: „Bier! Komm, schnell!“ Gerts Frau sah ihn kühl an. „Bist du neu hier? Bei uns im Hai musst du sonntags eine Nummer ziehen, wenn du was trinken willst.“ Der Mann sah irritiert aus. „Wie, Nummer?“ „Na draußen am Eingang. Hast du den Kasten neben der Tür nicht gesehen?“, fragte sie. Der Mann schüttelte den Kopf, verschwand durch die Tür, und die Gäste am Tresen hatten große Mühe, ihr Lachen zu unterdrücken. Es klang, als gingen einigen Ballons die Luft aus. Zwei, drei Minuten verstrichen, der „Rasante“ kam zurück. „Wo ist der Kasten? Ich kann keinen finden!“ Darauf Wirtin Karin: „Haben die das Ding schon wieder geklaut!“ Nun konnten sich die Stammgäste nicht mehr halten. Großes Gelächter hallte durch den Hai, und Wirtin Karin stellte dem „Rasanten“ ein Bier auf den Tresen: „Ausnahmsweise ohne Nummer.“

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