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Ehre den Werten
VEEK
Seit über 500 Jahren gibt es in Hamburg den Anstandskodex für wirtschaftliches Handeln im Club-Format. Nun reformiert sich die Versammlung Ehrbarer Kaufleute in der Handelskammer rasant, um einen neuen Zeitgeist der positiven Werte für die Wirtschaft zu fördern.
Text: Till Briegleb | Fotos: René Supper
Als Nataly Bombeck von Jochen Spethmann gefragt wurde, ob sie nicht im Verein „Ehrbarer Kaufleute“ mitmachen wolle, hat sie zunächst lachend abgewunken. Die Geschäftsführerin der Stiftung Elbphilharmonie verband mit dem 1517 gegründeten Club ein Bild, das vermutlich die meisten Menschen in Hamburg von der Versammlung haben, wenn sie ihnen überhaupt bekannt ist. Ein Männerverein der Pfeffersäcke in der Handelskammer, der so inklusiv ist wie der Vatikanstaat, nur in evangelisch.
Doch mittlerweile ist Nataly Bombeck stellvertretende Vorsitzende der VEEK, leitet die Geschicke in einem Vorstand mit, der paritätisch mit Frauen und Männern besetzt ist, und kann unter den neuen Mitgliedern zahlreiche Personen aufzählen, die weder Kaufleute sind noch männlich, aber trotzdem Pfeffer haben: etwa die Chefin der Airbus-Werke in Finkenwerder, Nawina Walker, aber auch Julia Freudenberg, Geschäftsführerin der Hacker School. Und auch das Netzwerken, das selbst für eine so ethisch präparierte Satzungsgemeinschaft der primäre Zweck bleibt, organisiert sich mittlerweile auf modernen Formaten: vom VEEK-Podcast „Respekt & Haltung“ bis zu Webinaren mit eher untraditionellen Themen, etwa „Burn-out“ oder wie man dem Senior-Chef begreiflich machen kann, doch bitte endlich seinen Ruhestand ernst zu nehmen.
Jochen Spethmann, Hamburgs Tee-Tycoon, hat diesen Wandel als neuer Vorsitzender mit Beginn seiner Amtszeit 2023 forciert, der sich allerdings schon vorbereitete, als die sogenannten Handelskammer-Rebellen 2017 die gemütliche Bestandsmentalität auf der Rückseite des Rathauses komplett auf den Kopf stellten. Mit ihrer Wut auf die träge Organisation und die Zwangsgebühren für Geschäftsleute stellten die Rebellen damals die Handelskammer-Demokratie auf ihre härteste Probe. Denn auf den überwältigenden Sieg bei den Kammer-Wahlen folgten Jahre des unproduktiven Chaos.
Dieser Bruch, so Spethmann, habe die VEEK „sehr darin bestärkt, sich von der Handelskammer unabhängig zu machen und zu ganz neuen Ufern aufzubrechen. Das passte mit unserem 500-jährigen Jubiläum 2017 ganz gut zusammen. Und hat bei uns einen Change-Prozess eingeleitet, der weiterhin andauert.“ Wobei einige der vier Kernwerte der VEEK noch immer sehr altbacken klingen. Aber genau das macht die Auseinandersetzung damit vom heutigen Standpunkt aus wirklich interessant.
„Respekt, Anstand, Haltung und Redlichkeit“ lautet die Schwurformel ehrenwerten Wirtschaftens, auf die sich jedes Mitglied verpflichten muss. Wobei „Anstand für mich die Grundlage für die anderen drei Begriffe ist“, wie der Vorsitzende betont. Im Kodex der VEEK wird der Hauptwert so definiert: „Eine Führungskraft handelt ehrbar, wenn sie oder er nach bestem Wissen und Gewissen mit ihren oder seinen Handlungen niemandem aktiv Schaden zufügt.“ Und unter dem Stichwort „Haltung“ steht der schöne Satz zur Selbstbeschränkung der Gier: „Nicht alles, was erlaubt ist, ist auch ehrbar.“
Cum-Ex-Geschäfte nennt Spethmann als Beispiel oder das „Ausnützen vermeintlicher Schwächen des Gegenübers“, etwa Rechnungen ewig nicht zu bezahlen. Da ruft dann der Verein auch schon mal beim Übeltäter an, wenn ein Mitglied die Bedeutung als „ehrenwerte Gesellschaft“ missverstanden hat. Mafia ist damit nämlich nicht gemeint. Oder nicht mehr, denn dem neuen Vorstand ist sehr wohl bewusst, dass es Kapitel in den Analen der „Ehrbaren Kaufleute“ gab, in denen von Anständigkeit nicht die Rede sein kann.
„Sowohl im Kolonialismus wie in der Nazizeit haben viele Kaufleute profitiert, waren Mitläufer, haben weggekuckt“, erklärt Spethmann. „Da hat sich unsere Mitgliedschaft nicht anders verhalten als die der Handelskammer.“ Damit solche Unanständigkeit nicht wieder Fuß fasst in dem neu erwachten Traditionsverein, hat die VEEK eine klare Haltung zur AfD. „Wir haben bisher noch niemanden wegen einer AfD-Mitgliedschaft ausschließen müssen. Aber wenn sich jemand für die Partei aus dem Fenster lehnt, haben wir eine ganz klare Auffassung.“ Auch weil das Wirtschaftsprogramm der Rechtsnationalen eine „Katastrophe“ sei und weil sich eine internationale Handelsstadt wie Hamburg mit jeder Form von Rassismus kulturell wie ökonomisch ruiniert, gilt die Grenze zur Anständigkeit für den als überschritten, der Fremdenhass predigt.
Das Gegenrezept, das seit ihrer Gründung in der Zeit der Hanse die „Ehrbaren Kaufleute“ verbindet, ist symbolisiert in dem berühmten hanseatischen Handschlag, der weltweit als Vertragsabschluss gilt. Seit dem Mittelalter steht die Grundformel, dass nachhaltige Wirtschaftsbeziehungen nur auf der Basis von Vertrauen und Verlässlichkeit gelingen. Und diese Statuswahrheit verstehen eben auch Start-ups, Kultur-Unternehmen oder Internet-Firmen sofort, weswegen sie, nachdem die VEEK sich bei ihnen bekannt gemacht hat, meist mit großer Neugier auf das uralte und handfeste Angebot der Fairness reagieren.
Historisch erzählt, ist der Verein die Mutter der Handelskammer, denn die „Ehrbaren Kaufleute“ gründeten sich 1665 eine Commerz-Deputation, aus der die Handelskammer hervorging. In langen Perioden der Geschichte kaum auseinanderzuhalten, hat sich die Prominenz der Institutionen spätestens seit dem Dritten Reich umgekehrt, als die „Ehrbaren“ nicht nur als Verein verschwanden.
Die gemeinsame Wurzel aber zeigt sich noch immer jedes Jahr bei der Abschlussversammlung an Silvester, bei der die VEEK in die Handelskammer einlädt und die beiden gewählten Häupter der Interessenvertretungen dem Senat „die Leviten lesen“. Der sitzt recht vollständig dabei, darf aber nichts einwenden.
Die Frauenquote in der VEEK ist allerdings trotz Nataly Bombeck und ihren Mitstreiterinnen mit 15 Prozent noch nicht zufriedenstellend. Aber in seinem „dicken To-do-Ordner“, so Spethmann, ist Inklusivität ebenso ein Thema wie Aufarbeitung auch der dunklen Geschichte des Vereins oder das Thema nachhaltiges Wirtschaften. Die große Offenheit für alles Ehrenwerte, die Bombeck und Spethmann nicht nur versprechen, sondern leben, wirkt da als herzliche Einladung an alle Führungskräfte der Stadt, sich redlich zu bemühen, diese respektvolle Haltung zum Anständigen mit neuem Leben zu füllen. Am besten mit einem Lachen.
Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 52







