Porträt –

Sebastian Formella

 

 

AUTOR: JÖRG FINGERHUT

FOTOS: TOMMY HETZEL

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 41

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Wir fahren mit unserem alten Volvo an einem dieser heißen Sommertage in Hamburg ohne Klimaanlage stadtauswärts nach Osten, biegen irgendwann ab in das kleine Industriegebiet und stehen nach ein paar Metern quasi direkt vor der unspektakulären Glastür einer unscheinbaren mehrstöckigen Gewerbeeinheit. Für die Klingel brauchen wir einen Code, den wir nicht haben. Aber die beiden Gebäudereiniger, die erst mehr als kritisch schauen, helfen netterweise aus. Im Treppenhaus ist es kein Grad kühler. Und es sieht alles eher nach Büro aus. Bis ein großer Mann in Trainingsklamotten auftaucht und uns ins Gym lässt.

 

Der große Mann heißt Mark Haupt und ist Entdecker, lange Zeit Teamkollege, Trainer und inzwischen längst auch sehr enger Freund von 
Sebastian Formella. Seitdem der zum ersten Mal mit einem Kumpel beim Training aufgetaucht ist. Da war Basti, wie ihn eigentlich alle nennen, immerhin schon 14. Brachte aber – außer reichlich Muskeln vom Turnen – auch ziemliches Talent und, was vielleicht noch viel entscheidender beim Boxen wie bei vielen anderen Dingen im Leben ist, eiserne Disziplin mit. 
Wir sind etwas zu früh. Es riecht hier nach Gummi, Leder und Metall. Alles ist fein säuberlich sortiert und aufgereiht: in der einen Ecke verschiedene Sandsäcke und Punchingballs, da die ganzen Ergometer, Kurz- und Langhanteln, Seile auf der anderen Seite und in der Mitte der Ring. Fast wie neu. Als der amtierende Box-Europameister der WBO im Halbmittelgewicht, Sebastian Formella, ein paar Minuten nach uns die Glastür aufstößt, ist der erste Gedanke: 

 

DAS ist ein Boxer? Blond, derbe gut gelaunt, Undercut, gerade Nase, noch im Blaumann mit den Reflektoren und den Signalfarben, den er im Hafen tragen muss.

 

Trotz Blaumann eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Macklemore: „Sorry, das war ’n Missverständnis. Um drei hab’ ich erst Schichtende. Ich dachte, wir wär’n um halb vier verabredet. Ich zieh’ mich kurz um.“ Hafen-Basti ist ausnahmsweise keine völlig abwegige Marketingkampfnamenerfindung 
eines irren Managements. Basti arbeitet einfach im Hafen. Und zwar Vollzeit und richtig gern. Auch wenn er Profi-Boxer ist. Ein Lebensentwurf mit Doppelbelastung, den er in Deutschland mit vielen Spitzensportlern teilt, die nicht gerade im Fußball Weltklasse sind und mit ihrem Sport so viel verdienen, dass sie die zweite Tageshälfte gechillt an der Playstation verbringen können.


„Den Job im Hafen aufzugeben, war für mich nie eine Option. Denn irgendwann werde ich nicht mehr boxen können. Aber auch dann muss ich meine Familie ernähren.“ Basti hat inzwischen das Ergometer verlassen und ist in den Ring gewechselt. Die ganze Einheit ist streng getaktet und Teil eines mehrwöchigen Plans. Die große Digitaluhr mit ihrer schlichten und etwas antik wirkenden roten LED-Anzeige an der Wand bestimmt mit wechselnden Countdowns durch ein grauenvolles „Piiiiiep“ den Wechsel zwischen 100 Prozent Belastung, die Mark immer mit einem im Vergleich dazu schon fast freundlich geraunten „Und … Spurt!“ einleitet, und einer kurzen Regenerationsphase. Basti ist mitten in der Vorbereitung auf den nächsten Kampf. Aber ein unzufriedenes Stöhnen oder Mucken ist von ihm nicht zu hören. Nicht beim Schattenboxen, nicht bei der Pratzenarbeit. Die Pratzen hält ihm Peter vor die schweißtropfende Nase. Er ist sein Co-Trainer, verantwortlich fürs Ticketing und enger Freund. 

 

„Das ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Amateuren und Profis: Als Amateur in der Bundesliga wusste ich nie genau, gegen wen ich am Wochenende kämpfe. Als Profi bereite ich mich  meistens über Monate akribisch auf den einen Gegner vor.“ Basti hat selbst beim Seilspringen noch die Luft, mit uns zu plaudern. Die bisherigen Kampf-Vorbereitungen sind offensichtlich so gut gelungen, dass er die ersten 19 Kämpfe seiner Profikarriere gewinnen konnte. Seit seinem Kampf im März 2018 gegen seinen Kumpel Angelo Frank ist er zudem amtierender Europameister der WBO. Es ist bezeichnend für Basti, dass er mit seinem Promoter Erol Ceylan 
nicht davor zurückschreckt, gegen einen Kumpel zu boxen, wenn der Kampf den größtmöglichen sportlichen Wert hat – für ihn wie auch für das Publikum. Und das Publikum dankt es ihm. 
Basti gilt trotz seiner jungen Karriere als absoluter Publikumsmagnet. Was auch an den vielen Kollegen aus dem Hafen liegt, die ihn bei seinen 
Kämpfen unterstützen. Das merken wir schon, als wir ihn und Peter, der auch im Hafen sein Kollege ist, ein paar Tage später auf der Schicht besuchen dürfen. Jeder kennt Basti, jeder ist freundlich. Ein paar nette Worte hier, ein 
freundlich angedeuteter Schwinger da. „Diggi, du sollst arbeiten!“ Entspanntes Gelächter. 

 

Dabei ist der Job als Containerbrückenfahrer echt alles andere als easy. Selbst bei strahlend blauem Himmel bleibt eigentlich keine Sekunde Zeit, einen Blick über Hafen, Elbphilharmonie und die Türme der Hamburger Hauptkirchen zu genießen. Und bei der Spätschicht im Winter wird es nicht besser. Wenn der Kran im Dunkeln schon ohne den Container schwankt. Es regnet. Der Zeitdruck wächst. Und Basti auch auf die Kollegen am Boden aufpassen muss. „Da braucht man schon ’ne ruhige Hand.“ Und mindestens 
dieselbe Disziplin, die ihn auch beim Boxen auszeichnet. Da muss man sich aufeinander verlassen können. Und das verbindet.

 

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum er beim Boxen wie auch im Hafen hauptsächlich von Freunden und langjährigen Weggefährten umgeben ist. Seinem sportlichen Ziel kommt er auf jeden Fall seit Jahren mit jedem Kampf einen Schritt näher. „Ich will natürlich bald um die WM boxen!“ Und dem ordnet er fast alles unter. Denn nach der Einheit im Gym hat Basti längst noch keinen Feierabend. Am Abend gibt’s noch ’ne schöne Laufeinheit zum Abschluss des Tages. Mit Intervallen. Und so geht das über Wochen. Was sich auszahlt. Denn Basti war bei der ersten Titelverteidigung perfekt vorbereitet. Er siegte gegen einen wirklich starken Ilias Esssaoudi in der siebenten Runde. Und wir werden seinen Weg zur WM weiter live am Ring verfolgen und mitfiebern. Übrigens ist seine Einlaufmusik von Macklemore – „Can’t Hold Us“! Als hätten wir’s geahnt.

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