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Spotlight –

Kaiserkai

Text: Simone Rickert   
Fotos: Giovanni Mafrici

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 45

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Der Komponist Ludovico Einaudi formuliert, was wir fühlen, als wir den selbstspielenden Flügel zum ersten Mal erleben: „Es gibt keine Worte für den Spirio-Moment. Man muss es sehen und hören, um es zu fühlen.“ Unsere anfängliche Befürchtung, es könnte etwas Geis-terhaftes an sich haben, wenn die Tasten des Flügels sich von selbst bewegen, ist in  Berührtheit umgeschlagen. Der Klang des 2,11 Meter langen Konzertflügels nimmt einen mit. Die technische Möglichkeit, hier am Kaiserkai Freddie Mercury seine „Bohemian Rhapsody“ spielen zu hören, ist genial. 

Und dabei ist dem Instrument sein Tigersprung ins 21. Jahrhundert nicht anzusehen. „Tatsächlich handelt es sich um einen ganz normalen B-Flügel, nur mit hochauflösender Selbstspielfunktion“, Simone Panten kann verwunderte Fragen beantworten und selbst konzertreif demonstrieren, dass der Spirio auch einfach von Hand zu spielen ist. Doch erst mal legen wir uns unter das Instrument, nur so ist die kleine Recheneinheit zu sehen, die die exakte Wiedergabe eines Spiels von Weltklasse-Interpreten wie Hélène Grimaud oder Yuja Wang im Wohnzimmer des Besitzers ermöglicht. Was man nicht sehen kann, sind die Magnetspulen an der Unterseite des Endes jeder Taste: Sie lösen dieselbe Mechanik aus, als würde man sie vorn mit dem Finger herunterdrücken – aber in einer Feinabstimmung von über 1000 Graden für Anschlagdynamik und Ausdruck pro Sekunde. Die Saite wird genau so angeschlagen, wie es einer der 1700 Steinway-Artists tut.

 

3300 Aufnahmen sind derzeit in der Spirio-Mediathek vorhanden, viele mit Videos dazu – man nimmt sein iPad, stellt eine Playlist zusammen und hat Lang Lang im Wohnzimmer-Konzert. Als der seine erste Spirio-Einspielung vornahm, war er vom Hocker. „That’s me!“, rief er, als er sich zum ersten Mal nicht durch ein perfektes Soundsystem, sondern den echten Piano-Klang hörte. Er setzte sich dazu und spielte mit sich selbst, vierhändig! Klassik, Jazz, Pop: Lebende Künstler lassen auf einem Aufnahme-Flügel ihre Anschlagtechnik verewigen. Historische Konzerte werden, noch viel aufwendiger, rekonstruiert. Es ist ein kleines Wunder, die Passanten bleiben auf der Straße stehen und lauschen. Der Moment, ein Geschenk. 

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