Felix Jud

SPOTLIGHT MELLIN PASSAGE

Text: Simone Rickert, Fotos: Giovanni Mafrici

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 49

Gegründet November 1923 in Hamburg, zuerst in den Colonnaden ansässig. „Hamburger Bücherstube“ nannte Felix Jud sein Geschäft, das er zusammen mit Erna Kracht eröffnet hatte, mitten in der Inflationszeit, als der „Appetit des Volkes auf geistige Nahrung“ (W. Kempowski) wohl nicht sehr groß war. Felix, der Optimistische, servierte trotzdem, gerade deswegen: Der Nichtjude wagte nicht, seinem Geschäft seinen Namen zu geben, aber ansonsten alles. Mit seiner Schaufenster-Dekoration opponierte er gegen das NS-Regime, verkaufte unter dem Ladentisch „verbotene“ Bücher und war Ende des Krieges tatsächlich ein Jahr im KZ Neuengamme inhaftiert wegen seiner Verbindungen zur Weißen Rose in Hamburg.
Nach der Befreiung verlegte er sein Geschäft 1948 an den Neuen Wall, wurde Mitglied des Kulturrats zur Entnazifizierung. Freundschaften zu den Verlegern Samuel Fischer, Ernst Rowohlt, Hermann Ullstein und Axel Springer machten sein Geschäft zur literarischen Instanz der Hansestadt. Internationale Literaten prägen mit ihren Lesungen seitdem durchgängig die einzigartige Atmosphäre hier. 1962 trat Wilfried Weber mit ins Unternehmen ein und erweiterte den Horizont der Verlagsbuchhandlung später um den Kunsthandel. Sein Freund Karl Lagerfeld, der vielleicht berühmteste Fan des Hauses, nannte es sein „intellektuelles Delikatessengeschäft“ und schrieb eine bewegende Abschiedsrede zu Webers plötzlichem Tod 2016. Marina Krauth, immerhin auch schon seit 1993 „Kompagnonne“, nahm sich Zeit, um einen Nachfolger zu finden. Immerhin seit 97 Jahren erst der vierte Teilhaber, und nun ist er da: Robert Eberhardt, 33 Jahre jung, und sie verstehen sich offensichtlich glänzend. In Paris und Heidelberg hat er Kunstgeschichte studiert, in Berlin eine Galerie betrieben, einen Verlag und ein Restaurant, in dem er Salons hielt. Der richtige Mann für die heute selten gewordene Kombination aus Buch- und Kunsthandel. Mitten in der größten Krise des Einzelhandels hat er in Hamburg angefangen, eine Fügung, wie sie zur glücklichen Geschichte des Geschäfts passt. Marina Krauth sagt nur lachend: „Es sind schon ganz andere Stürme über uns hinweggefegt.“ Gemeinsam werden sie das Haus in glänzende 2020er-Jahre führen.

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