Bye-bye, Boeing!

GERD SÜDHAUS

Text: Wolfgang Duveneck
Fotos: Michael Penner

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 53

Last Call Fast 40 Jahre war sie für die Luft­hansa in aller Welt unterwegs, mehr als 20 Jahre diente sie anschließend am Hamburg Airport als Museumsflugzeug, war begehrte Kulisse für Film- und Fotoproduktionen und realistisches Übungsobjekt für Rettungs- und Bergungsübungen – die vierstrahlige Boeing 707-430 mit dem Kennzeichen D-ABOD. Jetzt wurde die Maschine in ihre Einzelteile zerlegt. Mit dem Aus für das historische Langstreckenflugzeug endete ein Stück Luftfahrtgeschichte.

Alle Versuche, das historische Flugzeug zu erhalten, blieben ergebnislos. Letzten Endes war es die Corona-Pandemie, die den Flughafen in wirtschaftlich schwieriger Situation gezwungen hatte, Kosten und Strukturen anzupassen – und dabei auch den Unterhaltungsaufwand für die Maschine auf den Prüfstand zu stellen. Auch ein eigens gegründeter Verein „Freunde der Boeing 707 D-ABOD“ kämpfte vergeblich für den Erhalt. Mitte Juni wurde der Jet zerlegt. Zuvor noch wurden ausgesuchte Teile ausgebaut, um sie in einer Online-Auktion an Luftfahrtfans zu versteigern. Das Hamburger Auktionshaus Dechow sprach von der „letzten Reise“.

Einer, der das Schicksal des Flugzeugs mit besonderem Bedauern verfolgte, ist der heute 71-jährige Gerd Südhaus. 45 Jahre lang war er am Hamburg Airport beschäftigt, zuerst als Ladehelfer, später als Kontrollwagen-Fahrer und zuletzt bei der Verkehrsaufsicht. Schon zu seiner Dienstzeit hatte er sich immer wieder um die „D-ABOD“ und deren Instandhaltung gekümmert. „Ich habe sie schon damals richtig lieben gelernt“, erzählt er. Kurz bevor sich Südhaus in den Ruhestand verabschiedete, fragte ihn sein Chef, ob er das Flugzeug nicht weiter pflegen wollte. „Er sagte mir: ‚Ich hätte etwas für dich für die Rente. Du könntest den Flieger doch hübsch machen‘“, erinnert sich Südhaus. „Zuerst habe ich meine Frau um Rat gefragt. Sie sagte nur: ‚Flugzeuge sind doch dein Leben‘ – darauf habe ich zugesagt.“

Für Beschäftigung war reichlich gesorgt. „Zuerst habe ich mir die linke Tür vorn vorgenommen. Die war stark verrottet und ließ sich nicht richtig öffnen und schließen“, so Südhaus. „Anschließend ging sie wieder wie Butter.“ Auch die beiden Hauptfahrwerksschächte nahm er unter die Lupe, baute Eisenrohre ein und hängte Kettenzüge ein. Er schliff und lackierte die Tragflächen, damit das gute Stück wieder glänzte. So wie in früheren Zeiten, als das Flugzeug einmal sogar eine Rolle als „Air Force One“, die Maschine des US-Präsidenten, übernehmen durfte. „Ich war gerade auf dem Vorfeld tätig. Da sah ich, wie eine Lufthansa-Boeing 707 an den Start ging“, berichtet Gerd Südhaus. „Auf einmal dachte ich ‚Spinnst du?‘, denn auf der anderen Seite war die bekannte Markierung der US-Präsidentenmaschine.“ Erst später bekam er die Aufklärung: Die „,D-ABOD‘ war im Einsatz für den Film ‚Das Ultimatum‘ mit Burt Lancaster.

Das war 1976, der letzte Flug. 59.024 Stunden hatte sie bis dahin in der Luft verbracht. Aber auch über die Jahre der Boeing 707-430 davor weiß Gerd Südhaus gut Bescheid: Seit 1960 flog sie im weltweiten Liniendienst der Deutschen Lufthansa. Sie war eine der ersten Maschinen des Typs, mit denen das Jet-Zeitalter im deutschen Luftverkehr begann, und war zuletzt die einzige existierende von fünf damaligen baugleichen LH-Maschinen. „Natürlich war sie zwischendurch auch in Hamburg. Das war damals der New-York-Flug mit der Nummer LH 600“, weiß Gerd Südhaus noch genau. „Aber ich ahnte damals noch nicht, welche Beziehung ich später noch zu dem Flugzeug bekommen würde.“

Insgesamt 15 Jahre war die „D-ABOD“ unter dem Namen „Frankfurt“ für die Lufthansa unterwegs, bevor sie 1975 im Linienflug außer
Dienst gestellt wurde. Sozusagen als „fliegendes Klassenzimmer“ ging sie für die Ausbildung angehender Flugzeug-Techniker anschließend zur Lufthansa-Basis nach Hamburg. Doch eines Tages machte der Einzug moderner Schulungsmethoden das praktische Training an der Maschine überflüssig. Das letzte Projekt, an dem Auszubildende der Lufthansa Technik beteiligt waren, war die Umlackierung des Flugzeugs in die Farben von Hamburg Airport. Anlässlich der „Hamburg Airport Classics“ im Sommer 1999 wechselte die 46 Meter lange Boeing 707-430 für den symbolischen Wert von einem Euro in den Besitz des Hamburger Flughafens. Damit hatte der Flughafen wieder ein Museumsflugzeug, nachdem eine Super Constellation – die Regierungsmaschine des ehemaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer – verkauft worden war.

„Die ‚Super-Connie‘ war für mich das hübscheste Flugzeug“, schwört Gerd Südhaus. „Aber gleich danach kommt die Boeing 707-430.“ In Hamburg, der letzten Station ihrer Karriere, erhielt die „D-ABOD“ den neuen Schriftzug „HAMBURG AIRport“ und das Logo des Flughafens im Heck: Nachdem sich ein Team aus Flughafen-Mitarbeitern und 707-Fans rund um die „Hamburg Airport Friends“ um die Instandsetzung des Innenraums gekümmert hatte, erlebte das Flugzeug einen zunächst bunten Ruhestand. Neben seiner Funktion als Museumsflugzeug war es in zahlreichen Film- und Fotoproduktionen zu sehen. So spielte die Boeing 707 eine Rolle in der ZDF-Produktion „Deutschlandspiel“ zum zehnten Jahrestag der Deutschen Einheit. Sie diente bei einem Besuch des damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker als fiktive Regierungsmaschine des damaligen Generalsekretärs der KPdSU, Michail Gorbatschow. Aber auch für die Filmkomödie „Kick it like Beckham“ (2002), den Spielfilm „Im Schatten der Macht“ (2003) über die letzten Tage vor dem Rücktritt ​Willy Brandts oder für „Rocca verändert die Welt“ wurde sie eingesetzt – am Boden natürlich.
Gleichzeitig diente die 707 immer wieder als realistisches Übungsobjekt für Rettungs- und Bergungsübungen der Flughafenfeuerwehr, zur Ausbildung der Mitarbeiter in der Flugzeugabfertigung oder von DRK und Rettungskräften für die Passagierbetreuung. Sogar die Suchhunde von Bundespolizei, Polizei und Flughafen-Security kamen an ihr zum Einsatz. Ebenso bewährte sie sich als Unfallflugzeug für die alle zwei Jahre stattfindenden großen Notfall-Übungen sowie beim jährlichen Training der Flugzeugenteiser. Dafür wurden inzwischen Alternativlösungen gefunden.

„Dass die ,D-ABOD‘ damals für einen Euro nach Hamburg kam und damit dem Flughafen ein Stück Historie schenken sollte, war sicherlich eine gute Idee“, sagt der Hamburger Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Doch das Ziel, den Zugang zu dem Flugzeug auch für Feiern bis hin zu Hochzeiten zugänglich zu machen, sei spätestens mit Beginn der verschärften Sicherheitsmaßnahmen nicht mehr praktikabel gewesen. „Und ein Oldtimer, der nicht mehr gebraucht wird, wird auch in seinem Innenleben alt“, so Schellenberg. Zugleich weist er auf die Wetterbedingungen hierzulande hin: „Das kann man nicht in einem Top-Zustand erhalten. Das Wetter lässt so etwas mehr altern, als es einem lieb ist.“ Auch Schellenberg bedauert das Aus für die historische 707. „Doch man erwartet heutzutage bei so etwas ein museales Innenleben, in dem auch etwas geboten wird – zum Beispiel digitale Bildschirme und auch ​­authentische Geräusche“, so der Experte.

Das alles aber sei, zumal auf einem Verkehrsflughafen, nicht zu verwirklichen gewesen. Zudem sei das Flugzeug zu groß und nicht transportabel gewesen, um es woanders auszustellen. „Ich kenne nur wenige Projekte, wo Ähnliches gelungen ist“, gibt Cord Schellenberg zu bedenken. Dennoch steht auch für ihn fest: „Die Boeing 707 hat den Luftverkehr in der Welt geprägt.“ Für Gerd Südhaus ist die Entscheidung des Flughafens, den historischen Langstreckenjet zu verschrotten, ebenfalls nachvollziehbar: „Natürlich hat mich das zuerst getroffen. Aber letzten Endes habe ich verstanden und eingesehen, dass es keine andere Lösung gibt.“ Zum Abschied hatte er sich für ein Foto für seine alte Lady noch einmal fein gemacht. Ohnehin tröstet sich der rüstige Rentner jetzt umso mehr mit einem anderen Hobby. „Zum 60. Geburtstag habe ich einen VW-Käfer, Baujahr 1971, bekommen. Er läuft und läuft noch immer. Aber ich muss mich dringend mehr um ihn kümmern.“ Und dann gibt es da noch einen alten VW 181 Kübelwagen von der Bundeswehr, den er gerade lackiert. „Die beiden habe ich wegen der Boeing etwas vernachlässigt – das ändert sich jetzt“, sagt er. Das ändert aber nichts daran, dass er immer noch zum Himmel blickt, wenn er in seinem Garten in Langenhorn ein Flugzeug bemerkt. „Ich wohne in der Nähe der Landebahn 05, linke Seite. Es war wunderbar, als nach dem schlimmen Corona-Lockdown wieder die ersten Flieger zu sehen waren.“