Junges Gemüse

LÜTT GRÖÖN

Text: Regine Marxen Fotos: Julia Schwendner

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 48

Auf dem Isemarkt in Hoheluft, vor zwei Jahren, stieß Amir Yagel auf sein „ein Copy-and-paste“. Er traf auf Lukas Born. Optisch ähnelte der ihm zwar gar nicht, aber dafür glichen sich ihre Marktstände. Oder besser: deren Inhalt.
Lukas verkaufte Mikrogrün. Genau wie Amir. „Für zwei von uns ist kein Platz in dieser Stadt“, dachte der sich. Dafür war die Nachfrage nach diesen speziellen Pflanzen noch zu klein; für
diese Erkenntnis musste Amir nicht mal seine im Studium erworbenen BWL-Kenntnisse bemühen. Und jetzt? Schon eine Woche später kam Lukas auf Amir zu. „Wir müssen reden“, sagte er.
Das taten sie. Das Ergebnis dieses Gesprächs trägt den Titel Lütt Gröön und ist ein gemeinsames Start-up. Die Idee dahinter: Mikrogrün für die Hamburger im großen Stil zu pflanzen.
Ohne Qualitätsverlust, biozertifiziert, gesund und „superfrisch“, wie Amir mit breitem Grinsen sagt. Super ist eine seiner Lieblingsvokabeln.
Manchmal kommt zusammen, was zusammengehört. Im Falle von Lukas Born und Amir Yagel sind diese Worte mehr als eine hohle Phrase. Lukas ist gelernter Land- und Forstwirt. Der 33-Jährige mit dem markant gedrehten Oberlippenbart interessierte sich schon früh für Gartenbau. Mikrogrün als urbane Variante der Landwirtschaft faszinierte ihn besonders. Denn diese Pflanzen sind nährstoffreich, also extrem gesund, und lassen sich mithilfe eines speziellen Saatguts quasi im Zeitraffer anbauen.
Mikrogrün sind junge Pflanzen im Keimblattstadium, die auf den ersten Blick aussehen wie Gräser, Blätter oder Sprossen. Dahinter verbergen sich bekannte Gewächse wie Erbsen oder Radieschen. Die Erstgenannten brauchen nur vier Tage Wachstumszeit bis zur Ernte, das Radieschen gönnt sich zwei Tage länger. Was optisch irritieren mag, ist geschmacklich klar zu identifizieren. Der Geschmack der Keimlinge ist intensiv und ziemlich lecker. Alles Vorteile, die man nutzen sollte, dachte sich Lukas und begann 2017 mit dem Anbau der Pflanzen in seinem Arbeitszimmer. Erbsen, Radieschen, Weizengras. Als Amir in sein Leben trat, fiel der Verkauf auf dem Isemarkt weg. Denn der dachte als Betriebswirt größer. Heißt: keine Kleinst­lieferung an Endkunden, keine Marktbesuche, stattdessen größere Liefermengen an den Zwischenhändler. An Marktbeschicker,
Restaurantbesitzer, Biokistenlieferanten.
Amir brachte die Start-up-Denke ins Team, inklusive Fünfjahresfinanzplan und der Definition eines ersten Meilensteins von einer Million Euro Umsatz. Studiert hat der 32-Jährige
in Israel, in Tel Aviv. 2017 ist er mit seiner Familie
nach Deutschland gekommen. „In den ersten sechs Monaten sind wir gefühlt sieben Mal umgezogen“, erinnert er sich. Immer im Gepäck:
das selbst gebastelte Pflanzsystem für Mikrogrün, das er in jedem Wohnzimmer neu installierte. Sein erfolgreicher grüner Daumen und seine auffällige Liebe zur Indoor-Gärtnerei sprach sich herum. „Einmal riefen die Nachbarn die Polizei, weil sie dachten, ich würde Cannabis anbauen“, lacht er.
Inzwischen haben die beiden ihre Heimat auf einem rund 6000 Quadratmeter großen Gelände in Allermöhe am Deich gefunden. „20 Minuten von Hamburgs City entfernt.
Super!“, sagt Amir. Denn das Prinzip, dass das Mikrogrün möglichst schnell nach der Ernte beim Verbraucher landen muss, braucht vor allem
eines: kurze Wege. „Wir bauen nur an, was auch bestellt wird“, sagt Lukas. „Bei der kurzen Produktionszeit lässt sich das ziemlich gut kalkulieren. Wenn wir ausliefern, ernten wir morgens um sechs Uhr, kurz danach ist die Ware beim Kunden in Hamburg und spätestens am nächsten Morgen beim Verbraucher.“ Zusätzlich zum grünen Superfood produzieren Lukas und Amir auch Gemüsesorten wie die Pariser Möhre. Die ist im Gegensatz zu ihrer bekannten Gefährtin eher rundlich. Ihre gestauchte Körperform hat den großen Vorteil, dass sie auf dem harten Hamburger Boden unproblematisch wachsen kann. „Die langen Möhren brauchen sandige Böden, sonst stoßen sie nicht durchs Erdreich.“ Wie weit Amir und Lukas auf dem Weg zu ihrem ersten Meilenstein von einer Million Euro Umsatz sind, darüber schweigen sie. „Wir sind auf einem guten Weg!“ Auch wenn die Corona-Krise für den Wegfall der Gastronomie gesorgt hätte. „Wir konnten das mit den Biokisten gut kompensieren“, sagt Lukas. Jetzt geht es um den Ausbau des Portfolios. Um neue Pflanzen und Geschmacksrichtungen. Zusätzlich können sich die beiden Seminare und Schulungen für Unternehmen und neugierige Städter vorstellen. Da ist noch viel Potenzial, das die kleine Power­pflanze in sich birgt. „Du musst nur Geduld haben“, sagt Amir. „Alles kommt.“

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