Otto rennt

MOPS-CHAMPIONAT HÖLTIGBAUM

Text: David Pohle | Fotos: Tom Roeler

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 50

Als Otto am Siegerpodest vorbeigeht, kann er eine gewisse Enttäuschung nicht verhehlen und hebt zu indigniertem Blick kommentarlos das Bein. Otto war schneller als sonst. Sonst ist er mehr der gemütliche Typ, der sich eher bewegt wie eine Wanderdüne. Außer es gibt was zu essen. Am Start der 80 Meter langen Strecke wurde er noch zurückgehalten, Frauchen Anja eilte als Hase auf der Geraden voran und als sie auf halber Strecke mit der Leberwurstdose klöterte, schoss – wenn man das so nennen möchte – der fokussierte Mops los, überholte Frauchen bei Meter 65 und verpasste das Treppchen mit 11,27 Sekunden in der Seniorenklasse um eine Nasenlänge (hahaha), ausgesprintet von Hein von Schnuckendunk, einem dunkelfelligen Eppendorfer mit Resttaille, der seine Trainingsrunden sonst im Hayns Park dreht.

Aber der Reihe nach. Das ist eine Geschichte über Möpse. Kleine, große, alte, junge, dicke, zierliche Möpse. Plattnasig alle, gehörige Glubschaugen die meisten, Zunge leicht raushängend immer, sechs bis acht Kilogramm Kampfgewicht, immer fressbereit. Und schnaufend – das liegt am Gaumensegel, sagt Anja – schon vor dem Start, aber durchaus fidel. Alles voll mit Möpsen hier. Für einen Renntag. Möpse und Rennen. Merken Sie’s? Auf einer Windhundrennbahn. Humor haben sie ja. Ball paradox im Osten Hamburgs. Otto, der Podestpinkler, ist neun Jahre alt, sieht so aus wie die anderen. Aber in hübsch. Findet sein Frauchen. Die Meinung zumindest hat sie exklusiv. Denn alle, die an einem milden Septembersonntag im Osten Hamburgs zum internationalen Mops-Championat vom Höltigbaum mit Leberwurstdoping an den Start gehen, ähneln sich für den nüchtern Außenstehenden doch sehr. Loriot hat ja mal gesagt, dass ein Leben ohne Mops möglich, aber sinnlos ist. Das sieht der bunte Querschnitt der Bevölkerung, der seine Lieblinge hier mitgebracht hat, identisch. Auf Oberarme tätowierte Mops-Pfoten, Mops-Bettwäschen, Mops-Socken usw. zeugen davon. Die radikale Mops-Szene traut sich was. Den gemäßigten bringt es nur Spaß. Aus Asien sei der Mops gekommen, zur Rasse der Molosser gehörend, war er der Hund der Kaiser. Und es war deren Privileg, ihn zu haben und zu berühren. Monty Python würde sagen: to please the Chinese. Das spürt man heute noch. Lässige Arroganz. In dem Wissen, Menschen fröhlich machen zu können und als kumpelhafter Seelentröster unverzichtbares Anti-Depressivum zu sein.

„Der Mops ist kein normaler Hund, das sieht man auf den ersten Blick: Er ist eine Mischung aus andalusischem Kampfstier, Marzipanschwein und Weißwurst. Er passt zu psychisch stabilen Menschen, die sich nicht daran stören, dass ihr bester Freund schnarcht, grunzt, haart und mit völligem Selbstverständnis immer den besten Platz auf dem Sofa für sich beansprucht, charakterstarken Menschen, die keinen Designerhund als Ablenkung von der eigenen Unzulänglichkeit benötigen. Der Mops ist kein Modehund – er ist eine Lebenseinstellung“, sagt Katharina von der Leyen, die im Hundemagazin „Dogs“ eine eigene Kolumne schreibt. Stellvertretend für die andere Hälfte der hundeaffinen Menschen sagte einst Alfred Brehm, dem unsere Urgroßeltern dessen Tierleben-Lexikon verdanken: Die Welt wird nichts verlieren, wenn dieses Tier den Weg allen Fleisches geht.
Das haben die Möpse über Brehm wohl auch gedacht. Ende des 19. Jahrhunderts waren sie fast ausgestorben. Rund 100 Jahre später kommen zum letzten Renntag vor Corona rund 180 Möpse, erzählt Beate. Ihre Möpse heißen Hildegard und Hannelore. Und ich hoffe, dass das Kopfkino bald aufhört. Sie findet, dass ihre immerhin gut schlecht hören können, aber ziemlich schlau sind. Jedenfalls ist Hildegard im Rennen nicht wie der vor ihr gestartete Prince Boateng rechts zur Würstchenbude abgebogen und Elfte geworden. Und Otto? Der pupst abends pünktlich zum „Tatort“ auf dem Sofa. Das Rennen um den besten Platz gewinnt er gegen Frauchen nämlich immer.