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Another one bites the dust

SANDBAHNRENNEN SCHEESSEL

Der Eichenring ist Legende im weltweiten Speedway Circus. Unmittelbarer als auf der Sandbahn von Scheeßel lässt sich die spektakuläre Faszination Motorsport nicht erleben.

Text: David Pohle | Fotos: Anatol Kotte

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1974, ich bin fast sechs, nehmen mich meine großen Brüder mit zum Eichenring, Egon Müller, der damals aussieht wie ein langhaariges Mitglied der Rockband The Who, wird sensationell vor 20.000 Zuschauern Weltmeister auf der Sandbahn vom Eichenring in Westervesede, heute knapp 650 Einwohner, Ortsteil von Scheeßel, direkt in der Mitte von Hamburg und Bremen; die Heydays vom Eichenring. Müller gewann auf der Langbahn, d.h. auf hochgezüchteten, oft selbst gebauten 500-ccm-Maschinen mit Methanol-Antrieb, nur einem Gang und ohne Vorderradbremsen, die von 0 auf 100 in drei Sekunden beschleunigen und unglaubliche 180 km/h erreichen können. Bis heute ist das so. Neu sind seit 2025 Flat-Track-Läufe, die Maschinen sind seriennahe 500er-Einzylinder, die von KTM, Yamaha oder Honda kommen und denen man alle störenden Teile abgebaut hat.

Im August 2025 findet erstmals auch ein Renntag zur Weltmeisterschaft in Scheeßel statt. Und ich bin wieder da, 50 Jahre später. Dietmar Hornig, seit Jahrzehnten Mann für alles, was irgendwie mit Medien zu tun hat, hat mich akkreditiert. Während sich zu Müllers Zeiten noch über hundert Journalisten vor Ort ein einziges Telefon für die Übermittlung ihrer Berichte teilen mussten, sind außer Fotograf Anatol, der Angela Merkel einst für das Cover des „Time Magazines“ schoss, und mir maximal eine Handvoll anderer Medienvertreter auf dem Gelände des MSC Eichen­ring dabei, das mit Sprecherturm und Holztribünen auf Graswällen warme Erinnerungen an meine erste Carrerabahn weckt. Heute also Renntag mit mehreren Läufen im Flat Track. Man hört das Schreien der Maschinen schon beim Parken, eilt an die Strecke vom Eichenring, eine 1000 Meter lange Sandbahn-Runde. Bereits vor 100 Jahren fuhren Racer auf US-Jahrmärkten Rennen aus.

Die Kunst bestand immer darin, mit dem richtigen Gefühl für Gas, gekonntem Bremsen hinten – vorne gibt es schlicht keine – und Gewichtsverlagerung das Hinterrad der Maschine zum Driften zu bringen. „Nurse it round the corners“, sagt der US-Amerikaner Sammy Halbert aus Charlotte, North Carolina. Mit dem linken Fuß stützt er sich in den Kurven ab, je schräger man liegt – wobei das eine Wissenschaft für sich ist –, desto schneller kommt man rum. Jeder Start ist spektakulär, wie ein Hornissenschwarm, der zügig sauer wird, stehen die zehn Fahrer hintereinander an zwei Linien, es dröhnen die Motoren, es wird am Standgas gespielt, immer lauter, dann das Startsignal und Vollgas. Vorderreifen heben ab, Nahkampf mit reichlich Körperkontakt bis durch die erste Kurve, der Dreck fliegt, und erfahrene Kurvenfans spannen trotz herrlichstem Wetter ihre Schirme auf, um sich vor dem prasselnden Gesteinshagel zu schützen. Dann Schirme wieder schließen bis zur nächsten von acht bis zehn Runden. Nach der Kurve Beschleunigung auf bis zu 130 km/h, Halbert macht sich noch kleiner als er ist, liegt fast hinter dem Lenker, kommt kurz vor der Kurve wieder hoch, der Atem stockt dem Hamburger, bremst doch noch ab, legt sich rein und schießt aus der Kurve an der Haupttribüne vorbei, wo die Stimme von Sprecher Michael „The Voice“ Schubert sich schier überschlägt. Hinter ihm steht Müller auf einem Stuhl, es packt ihn immer noch so sehr. Bei den X-Games, der weltweit größten Veranstaltung für Extremsportarten, hat „Slammin‘“ Sammy schon Gold gewonnen, hier ist der Weltmeister von 2024 der sehr nahbare Superstar und am Ende auch Sieger des Renntags. 2025 wird Sammy am Ende Vizeweltmeister. Wer Benzin im Blut hat und/oder für richtige Maschinen brennt, die vor Öl, Benzin, Schweiß und Schmerzen nur so strotzen, dem ist es unmöglich, sich der Faszination dieser Welt zu entziehen.

Egon Müller kann das auch nicht, er ist überall, bei der Siegerehrung, gibt Autogramme, schnackt hier und da, schüttelt Hände, ein Selfie mit ihm macht sogar Jugendlichen den Renntag komplett. 75 ist er letztes Jahr geworden, und er hat damit mehr Jahre auf dem Buckel als die 65 Knochenbrüche seiner langen Karriere, allein elfmal brach das Schlüsselbein, nur das rechte übrigens.

Letztes Jahr feierte der Eichenring ebenfalls 75-jähriges Bestehen, 1949 ging es in Appel los, das liegt ein paar Kilometer entfernt, 1964 dann der Umzug nach Scheeßel. Die großen Tage dieser spektakulär unpopulären Sportart mögen hier Tempi passati sein, aber die charismatische Bürgermeisterin Ulrike Jungemann betont, dass die Rennen auf dem Eichenring Aushängeschild und fester Bestandteil der Identität der knapp 13.000 Einwohner-Gemeinde ist. Und bleibt. Da kann und will auch das „Hurricane“, das am selben Ort seit 1997 eines der ganz großen Musik-Festivals mit 70.000 Besuchern an drei Tagen ist, nicht rütteln. Dietmar Hornig betont noch einmal, dass ohne die vom Motorsport infizierten Ehrenamtlichen hier nichts laufen würde, das Virus wird oft vom Vater auf den Sohn, immer häufiger auch die Tochter übertragen. Das Spektakel ist so unmittelbar, so gefährlich, tollkühn, schnell und laut, mitreißend einfach.

Irgendwie dabei absolut professionell unprofessionell. Oder andersrum. Bratwurst und Bier sind günstig, Eintrittspreise mit unter 30 Euro für ein Tagesticket ebenfalls, das Parken sogar kostenlos. Zwischen einzelnen Läufen wird die Strecke verdichtet, dann fahren Scheeßeler Unternehmen wie Baustoffe Röhrs oder Behrens & Behrens mit ihren schwersten Maschinen ein paar Runden bis zum nächsten Start. Bei – tatsächlich seltenen – Unfällen kommt es vor, dass der Renndirektor vom Turm eilt, um dabei zu helfen, die Strecke wieder rennfähig zu machen. Die Zuschauerkalkulation ist nicht immer einfach, einmal rechnete man bescheiden mit 1500 Zuschauern, es kamen 3500, da haben die Scheeßeler Landfrauen in einer Nachtschicht eben auch für Sonntag noch Butterkuchen gebacken.

Nach jedem Lauf wird im Fahrerlager gebastelt, es ist warm, die Fahrer streifen die Oberteile ihrer Rennanzüge ab, weiße, hagere Körper, Narben aus bewegter Sturzhistorie, verschwitzte, fokussierte Gesichter. Geschraubt wird selbst, mehr als einen Mechaniker – wenn überhaupt – hat kaum jemand dabei. Der nächste Lauf kommt schnell. Das ist so unmittelbar. Hollywood-Stoff. Keine Ahnung, wo die Fans geblieben sind. Für jeden, der ein Motorrad hat, sollte das hier ein Pflichttermin sein. 45 Minuten von Hamburg, seit 1874 sogar mit eigenem Bahnhof an der Strecke Hamburg–Bremen. Das hier ist eine Welt, die authentischer nicht sein könnte, wenn sie sich bemühen würde.

Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 72

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