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Der! Die! Das!

PUPPENSPIEL

Seit über 50 Jahren produziert der NDR in Hamburg die deutsche Ausgabe der „Sesamstraße“. Handgemacht, ohne KI. Zu Besuch in Deutschlands schönster Nachbarschaft, wo Puppe und Mensch Großes für Kleine erschaffen.

Text: Regine Marxen | Fotos: Julia Schwendner

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„Wir stecken bis zum Ellenbogen in den Figuren“, sagt Martin Paas. Wortwörtlich. Sein rechter Arm steckt in Ernies Körper, der linke in dessen Hand und Arm. Die andere Seite übernimmt Karin „Charlie“ Kaiser, professionelle Handspielerin seit 32 Jahren. Ernie ist eine Life-Arm-Puppet. Heißt, er kann Gegenstände greifen. Dank Charlie und Martin, die ihn durch seine Abenteuer navigieren. Sein bester Kumpel Bert hingegen ist ein Muppet, eine Mischung aus Marionette und Handpuppe. Seine Hände werden mit einem Stab gesteuert. „Er kann also nichts greifen, weil er seine Finger nicht bewegen kann“, sagt Puppenspieler Carsten Haffke. Genauso wie Grobi und Elmo. „Da müssen wir tricksen. Entweder haben die Gegenstände, die wir greifen sollen, doppelseitiges Klebeband oder wir lösen das durch den Schnitt.“

Carsten spielt Bert seit 20 Jahren, genauso lange wie Martin und Charlie Ernie. Sie sind Teil der großen „Sesamstraßen“-Familie, die sich jedes Frühjahr im Studio Hamburg im Stadtteil Tonndorf trifft, um in rund vier Wochen 13 Folgen der Kinderserie zu produzieren. Im darauffolgenden Herbst werden sie veröffentlicht. Immer mit dabei: Gaststars. In der aktuellen Staffel tanzt Motsi Mabuse mit Elmo, Carolin Kebekus singt mit der Puppen-Gang ein fröhliches „Nein“ und Tobi Krell alias Checker Tobi sucht mit Elmo eine Rettung für die durstigen Pflanzen.

Quietschbunt und in kurzen Spots transportiert die „Sesamstraße“ soziale Kompetenzen und Vorschulwissen. 1969, als „Sesam­straßen“-Erfinder und Muppet-Mastermind Jim Henson seine Puppen erstmals über den US-Bildschirm tanzen ließ, war das eine pädagogische Revolution. Diese Form von Edutainment war gänzlich neu. Die Mär davon erreichte auch den NDR. Der war begeistert, erwarb die Lizenzrechte beim Markeninhaber Sesame Workshop und holte das Format nach Deutschland. Am 8. Januar 1973 ging die erste Folge mit eigenen im Studio Hamburg produzierten Beiträgen live. Seit 2009 wird die „Sesamstraße“ vom NDR als reine Eigenproduktion federführend für Deutschland hergestellt. Hamburg ist damit Teil einer weltweiten Erfolgsgeschichte. Die „Sesamstraße“ wird in über 150 Ländern ausgestrahlt und hält mit über 200 Auszeichnungen den Rekord als die am häufigsten mit dem Emmy prämierte Fernsehserie der Geschichte.

„Der, die, das, wer, wie, was, wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm“ ist Teil des deutschen Kulturguts geworden.

Die Themen, die in der Sendung behandelt werden, passen sich dem Zeitgeschehen an. Einige Charaktere verabschieden sich im Laufe der Jahre, neue stoßen hinzu. Zum Beispiel die im Rollstuhl sitzende Elin, die seit 2023 Teil des Puppet-Casts ist. Was bis heute unverändert ist, ist das Handgemachte der Sendung. Kein Greenscreen, keine KI-generierten Inhalte. Ist das noch zeitgemäß?

Gerade das sei ja das Besondere an der Sendung, sagt Regisseur Dennis Jacobsen. „Man sollte gar nicht erst versuchen, die ,Sesamstraße‘ mit KI herzustellen. Der Charme der Muppet-Clips entsteht durch echte Puppen, echte Kostüme und echte Sets.“ Seit zehn Jahren schreibt er bei der Hamburger Produktion Drehbücher und führt Regie. Was so chaotisch und laut daherkommt, verlangt in der Produktion viel Disziplin. Je nach Szene arbeiten um die 50 Menschen beim Dreh mit. Es wird mit bis zu vier Kameras gleichzeitig gedreht, fast jede Einstellung ist im Voraus geplant. „Wie ein Puzzleteil fügen sich dann alle Kameraeinstellungen zu einem großen Ganzen zusammen.“ Das Set-Design verantwortet Szenenbildnerin Susan Dunker-Struckmeier. Seit 16 Jahren gestaltet sie die Lebenswelt der quirligen Nachbarschaft. Die Häuserfronten auf einer Seite des Sets hat sie im Hamburger Stil gestaltet und in den Werkstätten des NDR bauen lassen. Die andere Seite bildet einen Horizont, ein gedrucktes Fotomotiv einer Straße in Eimsbüttel. Im Winter aufge­nommen, auf Frühling retuschiert. In der „Sesamstraße“ herrscht immer Aufbruchstimmung. Das Möhren-Haus stand irgendwann in einem echten Hamburger Hinterhof. „Das reale Bühnenbild hat eine ganz andere Tiefe“, sagt Susan. Ihr Lieblingscharakter: Pferd.

„Der hat so ein liebenswertes Wesen.“ Dennis schwärmt seit Kindesbeinen von Supergrobi. „Als ich zum ersten Mal mit ihm drehen durfte, war das eine besondere Ehre.“ Seinen zweiten Liebling, Graf Zahl, konnte Jacobsen bisher nur einmal inszenieren. Für die 3000. Folge, in der der Graf bis 3000 zählt. Der Graf macht sich darüber hinaus in Hamburg rar. Die Amerikaner drehen gerade mit ihm. Die Puppe ist nicht verfügbar. Die meisten „Sesamstraßen“-Puppen sind Leihgaben der Jim Henson Company in New York.

Nach dem Dreh werden sie gebettet in Dämmstoffe und gut verpackt zurück in die USA geschickt. Mit Schlafbrillen auf den Augen, damit die Oberfläche nicht zerkratzt. Die Figuren Elmo, Ernie, Bert und Abby gibt es inzwischen doppelt. Aber auch sie werden regelmäßig eingeschickt, zum sogenannten Refurbishment, einem regelmäßigen Check-up.

Die Puppen sind die Seele der Sendung, sie lagern in einem abgeschlossenen Raum und haben eine eigene Garderobiere. Sharon Rohardt betreut die plüschigen TV-Stars an den Drehtagen. Sie achtet darauf, dass die Kostüme sitzen, und trägt einen Gürtel mit Stecknadeln, Nähgarn, Fleckentüchern und Nagelbürste zur Fellpflege. Wenn mal etwas kaputtgeht, weil es einer der Charaktere zu wild treibt und dabei zum Beispiel eine Naht aufplatzt, kann es der Hamburger Puppenbetreuer Franz Auer vor Ort reparieren. Er macht das schon seit 30 Jahren, hat es in den USA in speziellen Kursen gelernt. Sein Handwerk ist alles andere als banal. Die Nähte der Puppen sind nicht sichtbar. Das liegt am Henson-Stitch, einer Nähtechnik aus Jim Hensons Werkstatt. Die Naht verschwindet im Flor des Materials, keine Linie unterbricht die Oberfläche. Deshalb haben die Gesichter etwas Organisches.

„Ich habe zwar diese Figuren als lebende Figuren wahrgenommen, aber gleichzeitig war mir klar, dass da unten Leute dranhängen und dass die wahnsinnig viel Spaß haben.“ Martin Reinl wollte schon als Kind Puppenspieler werden. Seit 2012 spielt er Elmo. Wie alle im „Sesamstraßen“-Kosmos beheimateten Figuren hat auch Elmo strenge US-Vorgaben für Stimme und Bewegung. Die muss Martin erfüllen. Was es dafür als Erstes braucht: ein Grinsen. Denn der rote Monsterknuffel mit oranger Knollennase hat immer gute Laune. „Und wenn man einfach nur dieses physische Grinsen macht, hebt sich tatsächlich auch die gute Laune in einem selbst.“

Dass Puppenspieler ein Beruf ist, von dem man dauerhaft leben kann, daran hatte Martin lange Zweifel. „Aber es ist schön, dass er sich noch trägt in der heutigen Zeit, wo so viel computeranimiert ist.“ Alles wandelt sich, auch die „Sesamstraße“. Aber mit Haltung. Mögen die Puppen noch ewig tanzen.

Diesen Artikel finden Sie in Ausgabe 72

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