tōki ton

ZEITLOS SCHÖNES PORZELLAN

Text: Regine Marxen | Fotos: Uta Gleiser

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Diesen Artikel finden Sie in unserer Ausgabe 52

Klare Formen, schlicht, unifarben oder mit zarten Mustern, im Kern aber immer minimalistisch: So beschreibt Laura ihr Porzellan. „Zeitlos soll es sein, sodass man es auch in zehn oder zwanzig Jahren noch anschauen und nutzen mag“, sagt die 32-Jährige. Sie steht vor einem Regal mit weißen Tassen in den schnörkellosen Räumen ihrer Werkstatt im Souterrain eines Wohnhauses auf St. Pauli. Hier befinden sich der Brennofen, die Drehscheibe und die Rohstoffe, die sie für die Herstellung ihrer Produkte benötigt. Kurz: Hier schlägt das Herz von tōki ton. Das erste O wird lang ausgesprochen, der Strich über dem Vokal deutet es an. Die Inhaberin und Keramikkünstlerin trägt heute eine weiße Bluse, gerade geschnitten und so lässig zeitenbeständig wie ihre Objekte. Elegante Körperhaltung, zierliche Figur, herzlich-leises Lächeln; die Gründung von tōki ton sei eine echte Herzensentscheidung gewesen, sagt sie, ohne Businessplan, aber mit Vision. Man glaubt es ihr.

Laura kommt eigentlich aus einem kleinen Dorf nahe Mainz. Der Job zieht die studierte Medienkommunikationswissenschaftlerin hinaus in die Stadt, in Hamburg bleibt sie ob des Jobs und der Freunde. Sie arbeitet in der Werbung als Projektmanagerin. Es erscheint ihr logisch, schon allein, weil ihre Eltern eine eigene Werbeagentur haben. Aber ein Gefühl der Unzufriedenheit regt sich in ihr; und es wird zunehmend größer. Sie kündigt, ohne zu wissen, wohin ihr Weg sie jetzt führen wird. Parallel entdeckt sie die Keramikherstellung für sich. Das ist die Geburt von tōki ton. Tōki ist ein japanisches Wort, es heißt so viel wie „Töpferei“. Am Anfang arbeitet die junge Gründerin noch mit Ton, als ein Freund sie bittet, für sein Café eine Tassenserie zu kreieren, kommt das Porzellan in ihr Leben. Laura ist Autodidaktin, bringt sich alles selbst bei. „Ich erinnere mich noch gut an die ersten Stunden an der Drehscheibe. Über 50 bis 100 Objekte habe ich bearbeitet, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war.“ Die Frustration ist in diesen Momenten hoch, aber die Freude am Handwerk, die Idee, etwas Individuelles herzustellen, das fragil und zugleich Gebrauchsgegenstand ist, die ist größer. Das war vor vier Jahren.

Inzwischen ist Laura Schmell an Erfahrung und Know-how reicher. Sie ist geduldiger, selbstbewusster. Die ersten zwei Jahre ihrer Selbstständigkeit sind finanziell nicht immer einfach gewesen. Heute kann sie von der Keramikkunst leben. Ihr Marketingbackground ist dafür eine wertvolle Stütze: Sie versteht Tools wie Instagram, weiß um die Macht der Fotos und verkauft ihre Produkte über diesen Kanal inzwischen weltweit – in die USA, nach Dubai, Südkorea oder England. Ihr Hauptmarkt ist immer noch Deutschland. Eine kleine Tasse kostet um die 25 Euro, eine größere um die 35 Euro, jede von ihnen ist ein Unikat, und der Weg zum fertigen Produkt eine kleine Reise, die, je nach Menge und Art des Objekts, drei bis sechs Monate dauern kann. „Aber ist das nicht das Besondere, dass man auf Produkte, die für einen gemacht werden, eben auch warten muss?“

Ja, Geduld zahlt sich aus, und Vorfreude ist immer noch eine sehr schöne Freude. Tassen, Teller, Schalen kann man zu Niedrigstpreisen erstehen, gefühlt jederzeit und überall. Aber das Herz ihres Besitzers lassen sie nur selten höherschlagen. Wer denkt beim schnellen Kauf schon an den Schöpfungsprozess, der hinter ihnen liegt? Und wer denkt schon da­rüber nach, welche Form von Porzellan er oder sie überhaupt in den Händen hält? Wenige. Dabei ist die Theorie hinter der Praxis ja auch durchaus spannend.

Laura fertigt Weichporzellan an, das bei Temperaturen von bis zu 1300 Grad Celsius gebrannt wird. Hartporzellan wird bei deutlich höheren Temperaturen gebrannt, ist unempfindlicher gegen Temperaturschwankungen und weniger stoßempfindlich als Weichporzellan. Allerdings hat die geringere Brenntemperatur auch einen Vorteil: Die Farben bleichen nicht so sehr aus und wirken strahlender.

Zu Beginn eines jeden Projekts greift die Wahl-Hamburgerin zu Papier und Stift und zeichnet das Zielobjekt. Geschirr, Vasen oder Übertöpfe, ihr Portfolio ist groß. Im Anschluss fertigt sie einen Prototyp an, entweder an der Drehscheibe oder mithilfe des 3-D-Drucks. Er ist die Basis für die Gipsform, in der die Produkte später gegossen, dann im Ofen gebrannt, glasiert und dann nochmals gebrannt werden. „Man darf dabei auch nicht vergessen, dass es sich nicht rentiert, einen halb leeren Ofen anzuwerfen. Heißt: Ich warte, bis ich genug Produkte habe, damit sich das Brennen lohnt. In meinen Keramikofen passen um die sechzig Tassen.“

Übersetzt heißt das: Sollten Kunden beispielsweise eine bestimmte Tassenfarbe wünschen, die so gerade nicht im Regal in Lauras Werkstatt steht, wird es bis zu deren Fertigstellung wohl eine kleine Weile dauern. Zumal Laura ein Einefraubetrieb ist. Das limitiert sie, was Marketing und Produktion angeht. Deshalb möchte sie in Zukunft wachsen, vielleicht nicht mehr alles allein produzieren.
Tōki ton ist bereit fürs nächste Level: von Hamburg aus in die große, weite Welt.