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Strike a pose

ANSICHTSSACHE

Von Afrika an den Nordpol in fünf Minuten. Mehr als 100 Jahre ist sie alt, die 19 Hektar große Parkanlage in Hamburgs Stellingen. Wenn man mal genauer hinschaut beim Flanieren durch diese irre botanische Vielfalt, sieht man nicht nur denkmalgeschützte Panoramen und erstaunliche Bauten. Man findet sich auch häufig Aug in Aug mit manchem der mehr als 1400 Tiere aller Kontinente. Und fragt sich plötzlich: Wer beguckt denn hier eigentlich wen?

Strike a pose. Rosa Flamingos sind wahre Poser. Ihr ritualisiertes Imponiergehabe besteht aus zahlreichen unterschiedlichen Figuren, zum Beispiel dem „Wing Salute“, wenn die Flamingos gleichzeitig ihre Flügel ausbreiten und die Schwanzfedern aufstellen. Aus der Ferne wirkt das, als ob die gesamte Kolonie plötzlich ihre Farbe wechselt. Die Rosa Flamingos leben im Tierpark Hagenbeck in einer großen Kolonie gleich neben der Japanischen Brücke. Ihre auffällige Färbung haben sie spezieller Nahrung zu verdanken, die aus Afrika, Asien, Südeuropa stammenden Tiere ernähren sich nämlich neben Weichtieren hauptsächlich von Kleinkrebsen. Der darin enthaltene Carotinoid-Farbstoff lagert sich in den Federn der Flamingos ab. Funktioniert auch bei Babys – aber mit Karottenbrei!

Wenn Blicke töten könnten. Löwen sind die zweitgrößten Großkatzen und reine Fleischfresser. Die Jagd auf Beutetiere ist häufig Aufgabe der Weibchen in den kühlen Morgen- und Abendstunden. So sieht auch der 18-jährige Löwe Naiviri erst mal keine Sonne, bis seine Mutter Tembesi mit der Rinderhälfte durch ist. Ein Blick weist ihn in seine Schranken. In seiner Blütezeit hatte Naiviri drei Löwinnen, die er locker in Schach hielt. Uwe Fischer ist seit 38 Jahren bei Hagenbeck und hat schon oft die Reviere gewechselt. Er liebt seine alten Löwen, und die zwei haben ihn über alle Besucher hinweg fest im Blick. Afrikanische Löwen waren ursprünglich in ganz Afrika über Vorderasien bis nach Indien verbreitet. Heute leben die Tiere in Afrika
südlich der Sahara sowie in einem Naturschutzgebiet auf der indischen Halbinsel Kathiawar.

Ein ganzer Eimer voll Wasser. Zehn Liter passen in einen Pelikanschnabel. Den Sommer verbringen die Großmäuler bei Hagenbeck im Außengehege, sobald es aber kalt wird, geben sie klein bei und ziehen flugs in das geheizte Innenquartier. Hier sitzen die Pelikane dann dicht an dicht und beginnen, ihre Eier zu legen, auszubrüten und schließlich die Brut aufzuziehen. Wer dann durch die Scheibe einen Pelikan im sehr intensiven rosa Federkleid erblickt, hat ein – richtig! – Männchen entdeckt. Bei denen vertieft sich der Farbton nämlich während der Brutzeit. Diese und andere Dinge lernt auch Erik Esser gerade, der seine Ausbildung bei Hagenbeck macht und nach jeweils drei Monaten das Revier wechselt, um von allen Tieren zu lernen.

Wo ist eigentlich Walter? Na klar: bei den Kattas! Umwimmelt von seiner schwarz-weißen Halbaffenschar sitzt der Barmbeker Jörg Walter mit einer Möhrenscheibe bewaffnet auf der Bank im Eingangsbereich des Tropen-Aquariums. Acht Waldgeister (lat. „Lemures“), wie sie in ihrer Heimat Madagaskar auch genannt werden, hüpfen durch den Raum und landen immer mal wieder auf dem Schoß des Kattaflüsterers.
Die jüngeren Tiere tragen auch hier madagassische Namen. Anders als in der beliebten Fernsehserie „King Julien“ haben in Wirklichkeit die Mädels das Sagen bei den Kattas! Das ranghöchste Weibchen bei Hagenbeck, Maske, ist allerdings schon 20 Jahre alt und damit zu alt für Nachwuchs. Da sich die Männchen aber nur mit dem ranghöchsten Weibchen paaren, ist Hagenbeck jetzt auf der Suche nach einer neuen Königin: Wo ist sie, die neue „Queen Juliana“ mit „ihre konigliche Fuße?“

Bye-bye, Brausepaul. Asiatische Elefanten sind nach den Afrikanischen Elefanten die zweitgrößten Landtiere der Erde und haben – anders als diese – einen gewölbten Rücken und nur einen Finger an der Rüsselspitze. Am einfachsten unterscheidet man sie von ihren afrikanischen Vettern aber an den Ohren: Die asiatischen sind schlicht viel kleiner. Bei Hagenbeck lebt eine der größten Kleinohr-Elefantenherden Europas – und zwar dank der Freianlage und der großen Freilaufhalle rund um die Uhr auch tatsächlich als Herde. So kommt es, wie in der Natur, zu Geburten im Kreis aller Mütter, Tanten und Schwestern, und das regelmäßig seit 2006. Kürzlich leider auch zu einem Todesfall: Der erst vierjährige Elefantenbulle Raj starb im Juni an der Viruserkrankung Elefanten-Herpes. Schlimm für alle, nicht nur für Mutter Shila, sondern auch für die ganze Herde sowie Reviertierpfleger Michael Schmidt und ganz Hagenbeck. Haltet die Ohren steif!

Stayin’ alive. Obwohl Kamtschatkabären seit vielen Jahren unter Schutz stehen, ist die aufgerichtet bis zu drei Meter zwanzig große Braunbären-Unterart durch Wilderei von der Ausrottung bedroht. Sie steht auf der Roten Liste, die Auskunft über den internationalen Gefährdungsstatus von Tier- und Pflanzenarten gibt. Der „König des Fernen Ostens“ hat es also nicht so leicht in seiner Heimat, einem vulkanischen Territorium im abgelegenen Osten Russlands, der Halbinsel (Sie ahnen es bereits:) Kamtschatka. Leichter haben es da schon Mascha und Leonid bei Hagenbeck, die gerade in Paarungsstimmung sind und hier vielleicht ja ein weiteres Mal für Kamtschatkabären-Nachwuchs außerhalb von Russland sorgen. Schön wär’s mal wieder nach 2011 und 2014. Aber hey, no pressure, Fellnasenheißblut Leonid! Gönn dir zwischendurch einfach mal eine Abkühlung im Bach des Außenge-heges, wenn der Fortpflanzungsdruck zu groß wird.

Thumbs up! Bei der Geburt ist ein Känguru-Baby nicht größer als ein Daumen und wiegt nur ein halbes Gramm. Innerhalb weniger Minuten krabbelt das Neugeborene allein durch das Fell der Mutter in den Bauchbeutel, um sich dort an der Zitze festzusaugen. Aber das ist nicht alles, Tierpflegerin Filiz Solak hat bei der Schaufütterung noch sehr viel Beeindruckenderes über die australischen Roten Riesenkängurus zu berichten. Das Weibchen hat jeweils zwei Zitzen im Beutel – bis dahin keine große Überraschung – aber die haben es wirklich in sich: Aus der einen nämlich saugt ein Jungtier, das schon so weit entwickelt ist, dass es Gras frisst und den Beutel nur noch selten aufsucht. Zugleich befindet sich im Beutel ein weniger weit entwickeltes Junges, und dieses wird gleichzeitig über die andere Zitze mit seiner Neugeborenenmilch bedient. Irre: Känguru-Wonder-Woman produziert also bedürfnisorientiert Milch in unterschiedlichen Fettsorten. „Super“ für das eine, „Normal“ für das andere. Und es geht noch weiter: Zusätzlich befindet sich nämlich in der Gebärmutter des Weibchens noch ein Embryo im Ruhestadium. Das wird weiterentwickelt, sobald eine Zitze frei wird. Da staunt der Laie und sagt: Daumen hoch!

Oldie but Goldie. Bella ist mit ihren 61 Jahren der älteste Sumatra-Orang-Utan der Welt. Sie ist sogar im Guinness-buch der Rekorde gelistet. Trotz ihres hohen Alters kümmert sich die Adoptivmutter von Orang-Utan-Baby Berani rührend um den kleinen Wirbelwind. Nur eben etwas langsamer. Einen weit weniger erfreulichen Listeneintrag haben die Menschenaffen auf der Roten Liste des IUCN. In freier Wildbahn kommen sie nur noch im Norden Sumatras und auf Borneo vor. Der Tierpark Hagenbeck nimmt seit vielen Jahren am EEP, dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm, für von der Ausrottung bedrohte Menschenaffen teil. Und sorgt dafür, dass die Goldies sich hier wohlfühlen: Die lichtdurchlässige Kuppel des Orang-Utan-Hauses kann halb geöffnet werden – so wird das naturnahe Innengehege für seine sieben Bewohner zum Außengehege.

Ich möchte kein Eisbär sein. Der Lebensraum des weißen Jägers – und damit auch er selbst – ist durch den Klimawandel extrem bedroht. Mit dem Rückgang des küstennahen Packeises in der Arktis schwindet auch die Lebensgrundlage der Tiere, da sie ebenda Robben, Fische und Seevögel jagen oder gelegentlich auch mal ein Walross auf dem Speiseplan haben. Im 2012 eröffneten Eismeer des Tierparks Hagenbeck ist ihnen ihre Nahrung hingegen sicher, zudem sieht die Menükarte auch Leckereien wie Eisbomben, Crushed Ice und Lachsöl vor. Diese sollen nämlich beim Hamburger Arktis-Königspaar Victoria und Kap den Appetit anregen, für Nachwuchs zu sorgen. Wir drücken dem knapp drei Meter großen Koloss auf jeden Fall die Daumen, dass es ihm gelingt, die weiße Königin für sich einzunehmen, bevor sie sich in die nur den Weibchen vorbehaltene Winterruhe begibt – um währenddessen ihre Jungen zur Welt zu bringen. Wir klopfen auf Eis!

Let’s grow a mo! Der Walross-Moustache steht in der Männerwelt für absolute Kompromisslosigkeit und verleiht seinem Träger einen individuellen Look. Ein solch beachtlicher Schnauzer und eine dicke Fettschicht zieren auch Walross Polosa. Trotz ihres Gewichts von mindestens 800 Kilogramm sind die in Alaska, Nord- und Ostrussland beheimateten Tiere flinke und elegante Schwimmer. Hagenbeck züchtet als einziger Tierpark Deutschlands seit 2014 Walrosse. Bereits drei Jungtiere kamen hier zur Welt. Mit mehr als sieben Metern ist das Becken nicht nur eines des tiefsten weltweit, sondern speziell auf die Bedürfnisse der vier Walrosse Fiete, Polosa, Odin und Dyna ausgerichtet. Sowohl den männlichen als auch den weiblichen Walrossen wachsen Stoßzähne aus Elfenbein.

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Die Bildstrecke finden Sie in unserer Ausgabe 56